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: Das große Abwarten

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Gerade in der Krise brauchen wir Unterhaltung und Information. Hans-Joachim Kulenkampffs "Einer wird gewinnen" war eine Dauerwerbesendung für die Wirtschaftsgemeinschaft Europa. Heute fällt selbst den Privaten nur "Raus aus den Schulden" ein.

          Von Axel Brüggemann

          Fernsehen: Täglich grüßt Tom Buhrow

          Gerade in der Krise brauchen wir Unterhaltung und Information. Hans-Joachim Kulenkampffs "Einer wird gewinnen" war eine Dauerwerbesendung für die Wirtschaftsgemeinschaft Europa. Heute fällt selbst den Privaten nur "Raus aus den Schulden" ein. Ansonsten senden sie "Schlag den Raab", Schmidt ohne Pocher, "Deutschland sucht den Superstar" und Dschungelcamp in Endlosschleifen. So wird dem Cocooning-Menschen das Gefühl vermittelt, dass die Welt da draußen noch in Ordnung ist. Und wenn nicht: Bei Jauch können selbst Krisenopfer noch Millionäre werden. Nicht einmal in den Talkshows ändert sich die Sofa-Besetzung. Egal, ob es um Krebs, Kernkraft oder Krise geht: Rüttgers, Henkel, Westerwelle & Co. talken gemeinsam mit Kerner einfach alles weg. Das Fernsehen sendet gut toupierte Routine in unruhigen Zeiten. Täglich grüßt Tom Buhrow und zeigt, was eine Krise wirklich ist - wenn das Fernsehen stillsteht und die Welt sich weiterdreht.

          Politik: Alte Koalition statt Neuer Deal

          Franklin D. Roosevelt hat in der Krise den New Deal geschmiedet. Im Steinmerkelland reicht die Große Koalition. Klar, es gibt allerhand neue Probleme, aber das scheint kurz vor einer Bundestagswahl kein Grund zu sein, neu zu denken. Im Gegenteil: Es ist angenehm, dass Themen wie die Föderalismus- oder die Bildungsreform endlich mal von der Agenda rutschen (siehe Fernsehen). Sicher ist: Im Herbst regieren noch immer Kanzlerin oder Vizekanzler.

          Technik: Beam mich zum Harvest Moon

          Krisen brauchen Innovationen! Doch das Patentamt München befürchtet, dass nun auch die Erfinder müde werden. Erfunden wird, was Arbeitsplätze abbaut: Bei Ikea können Kunden ihre Waren inzwischen selbst scannen und per EC-Karte bezahlen.

          Zum Wirtschaftswunder sind wir mit einem VW Käfer gefahren, und als es der Plattenindustrie schlechtging, sorgte die CD für neuen Schwung. Heute warten wir selbst im Alltag vergeblich auf neue Errungenschaften der Technik: Die Flachbildschirme werden nicht mehr flacher, das iPhone wird inzwischen von jedem Hersteller kopiert. Da ist nicht einmal mehr billig geil. Seit Jahren daddeln wir auf dem Nintendo DS. Das Nachfolgemodell, der DSi, hat einen Fotoapparat und einen W-Lan dazubekommen. Wenn man sich mit diesen Dingern wenigstens wegbeamen könnte, und sei es nur zum "Harvest Moon"!

          Literatur: Grass ist kein Steinbeck

          Peter Sloterdijk vertraut auf Jane Fondas Aerobic-Philosophie der achtziger Jahre: Mehr Fitness in der Krise. Doch die Bestseller sind entweder Legenden von gestern (Helmut Schmidt) oder Glücksversprecher für morgen (Richard David Precht). Ansonsten führt die Krise wieder mal zu uns selbst: Wenn Charlotte Roche erzählt, wie sie ihre Scham auf der Klobrille kreisen lässt, zeigt sich, dass die Krise kein Feuchtgebiet, sondern ein Sumpf ist. Selbst Günter Grass raucht lieber Pfeife, statt im Sinne Sloterdijks sein Leben zu ändern, nur weil gerade mal Krise ist. Er hat kein Interesse mehr daran, "die Früchte des Zorns" zu ernten.

          Stars: Die Klinsi-Krise

          "Ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt": Früher haben die Charts noch das Bruttosozialprodukt gesteigert. Die alten Deutsch-Pop-Legenden von den Toten Hosen bis zu den Ärzten singen inzwischen zahnlos. Und die Jungs von Tokio Hotel kümmern sich in der Krise lieber um das Fernstudium. Selbst der Klassik ist nach Anna Netrebko kein Star mehr gelungen. Dabei brauchen wir gerade in der Krise Vorbilder! Derzeit haben wir die freie Wahl: Bayern-Buddha Jürgen Klinsmann, der mit seinen neuen Konzepten gescheitert ist, Annemarie Eilfeld, die sich als Schlangenzicke aus DSDS sang (siehe Fernsehen), oder Boris Becker, der kurz vor der nächsten Ehe steht. Aus der Krise lernen sieht anders aus. In der Großen Depression hat man auf die Zukunft gesetzt: Die vierjährige Shirley Temple wurde zum Weltstar.

          Bühne: Epigonen der Alten

          Das größte Theater ist in Krisen oder Umbruchszeiten entstanden - aus Protest oder um die Gegenwart abzubilden. Hans Neuenfels hat die politische Agitation der Achtundsechziger auf die Bühne geholt, Peter Konwitschny die Postmoderne, René Pollesch die Generation Pop, und Christoph Schlingensief hat die Mediengesellschaft der neunziger Jahre aufs Korn genommen. Sie alle inszenieren so wie immer. Auf eine Regie-Generation mit neuen erzählerischen Formen wartet man vergeblich. Doch statt das Epische und das Emphatische im Krisentheater zu entdecken, entpuppen sich junge Regisseure meist als Epigonen der alten Theater-Revoluzzer.

          Zeitungen: Wenn die Welt untergeht

          Eine Krise ist kein Jahrmarkt der Eitelkeiten: "Vanity Fair" und "Park Avenue" haben große Geschichten für ein aussterbendes Milieu erzählt. Das macht der "Spiegel" besser: Vor lauter Horror-Titeln (Schweinegrippe, Wirtschaftskrise, Klimakatastrophe) wissen wir zumindest eines ziemlich sicher: Die Welt wird untergehen. Und die Zeitungen wahrscheinlich noch etwas früher. Das twittern schon die Vögel im Netz.

          Malerei: Billige Coolness

          Die Galerien in Berlin Mitte können die eigene Coolness gut inszenieren. Bloß nicht zeigen, dass auch die Bilder-Börse einen Crash erlebt. Die Preisschilder der Leipziger Schule werden nach unten korrigiert, weil Norbert Biskys kunterbunter Arbeiter-Romantik das reale Vorbild abhandengekommen ist. Kein Problem: Die hübschen Jungs hängen noch einige Jahre in den Lofts, bis sie wieder Mehrwert abwerfen.

          Kino: Die Endlosspule

          In der Krise liebt der Mensch das Beständige: "Star Trek" als Kino-Schmonzette und regelmäßig ein neuer James Bond. Schließlich ist alles halb so schlimm: "Slumdog Millionär" beweist, dass selbst die größte Krise bei Günther Jauch zu beheben ist (siehe Fernsehen). Wenn das kein Quantum Trost ist.

          Kirche: Es gibt ewigere Themen

          Wer arm ist, könnte reich im Geiste sein. Dummerweise hat der Papst seine eigene Krise: Verhütungsverbote in Afrika und das Ringen mit der Piusbruderschaft halten ihn derzeit von weltlich-monetären Engpässen ab. Aber Beten soll noch immer helfen.

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          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

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          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.

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