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Das Ende der „Seite-1-Girls“ : „Bild“ und die Verbannung der Nacktheit

Die „Bild“ hat nach dem Weltfrauentag die nackten Mädchen von Seite 1 verbannt. War dieser Bildersturm womöglich ein Rückschritt? Eine tiefgreifende Analyse mit Statistik.

          3 Min.

          Ach, lieber Franz Josef Wagner, wenn der Abschied der „Bild“-Zeitung von ihren Seite-1-Girls nur der Abschied von „Schokolade, Fruchteis, Sonne und Spaß“ wäre, wie Sie auf Seite 2 Ihres Blattes am Tag 1 nach der Kulturrevolution schreiben! Doch die Verbannung der auskunftsfreudigen Mädchen ins Innere des Blattes, die Ihr Chefredakteur uns Lesern beschönigend als „moderner, besser verpackt“ zu verkaufen sucht, ist bei Licht betrachtet der Bruch mit der literarischen Tradition, die von Marcel Proust über Max Frisch bis unter den Falz Ihrer Seite 1 reicht: dem Fragebogen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Niemals haben wir despektierlich auf Ihr Blatt herabgeblickt: Sie haben den Fragebogen nicht von etablierten Männern ausfüllen lassen, sondern quasi ausschließlich von Frauen - und zwar solchen, deren sozialer Aufstieg schon aufgrund ihres Alters noch bevorstand. An den Antworten der Frauen haben wir die geistige Temperatur dieser Generation abgelesen, sie führten uns hinein in ein pralles Kapitel Alltagsgeschichte, zu dem wir sonst keinen Zugang gehabt hätten. Wissen Sie, mit welcher Akribie und welch aufrichtigem Interesse die Antworten der Frauen studiert wurden? Haben Sie überhaupt eine Vorstellung davon, wie gerade wir uns in all den Jahren in die Materie vertieft haben?

          Bilderstrecke

          Nehmen wir einmal das Jahr 2011: 71 junge Frauen aus Deutschland mit einem durchschnittlichen Gewicht von 55,1 Kilogramm, die größte unter ihnen 1,82 Meter, die kleinste 1,55, haben Sie befragt und dafür aus einem Pool von 50 Fragen und Kategorien („Was mich abtörnt“, „Was mich anmacht“, „Ich bereue, dass“ etc.) individuell die jeweils passenden ausgewählt. Was konnte man aus den Antworten der Frauen zwischen 18 und 37 Jahren nicht alles lernen, etwa über die fortwährende Stärke des deutschen Föderalismus! Neben dem bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen war Bayern mit ebenfalls zehn Frauen das wichtigste Geberland. Das aufstrebende Bildungsland Sachsen stellte sechs Frauen, das kleine, aber kulturell vielfältige Sachsen-Anhalt sogar sieben, während das zwar lebensfrohe, aber offensichtlich zu satte Hessen mit nur zwei Vertreterinnen enttäuschte. Und aus Bremen und dem Saarland schaffte es gar keine Frau auf Seite1. Ein weiterer Beleg für die Verzichtbarkeit dieser Länder?

          Der Aufstieg der Frauen aus Ostdeutschland

          Viele, die sich in den vergangenen Wochen überrascht gezeigt haben über den Aufstieg der Ostdeutschen an die Spitze unseres Staates, wären bei genauer Lektüre der Fragebögen vorbereitet gewesen. Denn auch auf Seite 1 der „Bild“ wussten sich die Ostdeutschen überproportional stark durchzusetzen. Während nur 16 Prozent aller Frauen aus Ostdeutschland kommen, sind es bei den Bild-Girls mit 30 Prozent fast doppelt so viele. Der Überhang könnte sogar noch deutlicher sein, da immer nur der Wohn-, nicht aber der Geburtsort angegeben wurde. In Erhebungen zur Binnenmigration wurde nachgewiesen, dass junge ostdeutsche Frauen überproportional in wohlhabendere Regionen abwandern. So könnten etwa Susann (29) aus Eging am See oder Fiona (19) aus Starnberg einst an der Bushaltestelle neben Mandy (19) aus Weißenfels oder Santana (18) aus Lößnitz gewartet oder gefeiert haben.

          Auch dass Deutschland die Finanz- und Staatsschuldenkrise unbeschadet überstehen würde, war den Fragebögen auf Seite 1 deutlich vor der Zeit zu entnehmen. Die jungen Frauen erkannten mit als erste die Gefahren einer von der handfesten Lebenswirklichkeit abgekoppelten Ökonomie und legten mit ihren Antworten ein Bekenntnis zur realwirtschaftlichen Praxis ab. Statt sich an den Universitäten, an Gymnasien oder Realschulen am eigenen Bildungshunger zu verzehren, glauben sie wieder dem Aufstiegsversprechen beruflicher Bildung in Deutschland. Mit Sicherheit gilt das für Nicole, 21, Parkettlegerin aus Hannover, die zum Thema „Was mich anmacht“ antwortete: „Männer in Soldatenuniform oder Handwerkerkleidung mit dicken Muskeln und Tattoos.“ Auch Nevyanka, 24, weiß sich solider Handwerksarbeit verpflichtet; die Nageldesignerin aus Eislingen feilt allerdings noch an ihrer Karriere. Andrea, 24, aus Klüsselrath in Rheinland-Pfalz hat hingegen bereits ein höheres Level erreicht. Als „Hallenleitung in Spielcasinos“ spielt sie in einer Liga mit Caroline, 22, die als „Medienberaterin“ mit Wohnsitz im thüringischen Ottendorf (416 Einwohner) die Chance hat, in der Region westlich von Gera zur Marktführerin aufzusteigen.

          Der Feminismus von gestern

          Hätten Sie, verehrte „Bild“-Redaktion, gründlicher gelesen, was solch hochambitionierte Frauen zu sagen hatten, dann hätten sie vielleicht verstanden, dass sich hier keine schnurrenden Mi-Ma-Männermäuschen zu Wort melden, sondern Fackelträgerinnen eines neuen Feminismus, die sich - wie Silvia (37) aus Fürstenfeldbruck - „abgetörnt“ fühlen von „Müttertreffs, Frauenthemen, Ungerechtigkeiten“. Auch der „verrückteste Traum“ von Kathrin (22) aus Berlin („Sex in einem Kranhäuschen“) oder von Kosmetikerin Mandy („auf der Bühne stehen mit Bon Jovi“) fügt sich in diesen Zusammenhang ein.

          Man kann es deshalb nur als Ironie der Geschichte betrachten, dass die „Girls“ ausgerechnet am Weltfrauentag, an dem zu allem Überfluss nur Männer in der Redaktion waren, von Seite 1 ins Blattinnere weggemobbt wurden. Nein, liebe „Bild“, das ist nicht der Feminismus von morgen, sondern ein Feminismus von gestern. Und was hier als „kleiner Schritt“ für die Frauen, aber „großer Schritt für Bild und alle Männer in Deutschland“ verkauft wird, ist auch für uns männliche Leser - anders als Sie vielleicht denken - kein Tritt in den Schritt, sondern ein Schlag vor den Kopf.

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