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Costa Concordia : Das Wrack wackelt, Kapitän und Reederei streiten

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Am Freitagnachmittag bewegte sich das Wrack der „Costa Concordia“ wieder - um wenige Millimeter pro Stunde. Bild: dapd

Die „Costa Concordia“ droht wegen starken Seegangs in tiefes Wasser zu rutschen. Eine rätselhafte junge Frau aus Moldau, die während der Havarie auf der Kommandobrücke gewesen sein soll, weist alle Vorwürfe gegen den Kapitän zurück.

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          Die Bergungsarbeiten im Wrack des Luxusliners „Costa Concordia“ sind abermals unterbrochen worden. Trotz Windstille hatte sich das Schiff, das vom Land aus per Radar überwacht wird, wieder bewegt. Ein Krisenstab sollte am Freitag über das weitere Vorgehen beraten, teilte die Küstenwache mit.

          Experten debattieren unter anderem eine Verankerung des Wracks mit Seilen an Land. Eine andere Überlegung ging dahin, als Barriere bis zu zwei Meter hohe Keile aus Eisen oder Zement – Spanischen Reitern ähnlich – zwischen den Kiel und den Meeresgrund zu stemmen. Die Zeit drängte, weil sich von Norden her ein heftiges Unwetter näherte.

          Rettungsschiffe umkreisen die „Costa Concordia“.

          An der Krisensitzung nahmen alle mit dem Unglück befassten Behörden und Experten teil, darunter auch Vertreter der niederländischen Bergungsfirma Smit Salvage. Die Behörden befürchten, das gigantische Schiff könnte bei starkem Seegang in tieferes Wasser abrutschen und vollständig untergehen.

          Zeugen berichteten, der Kapitän habe Wein getrunken

          Weiter werden mehr als 20 Personen vermisst; auch zwölf Deutsche sollen darunter sein. Erst drei der elf gefundenen Toten konnten identifiziert werden. Bei zwei der gefundenen Leichen dürfte es sich um Deutsche handeln, heißt es mittlerweile. An diesem Wochenende kommen Angehörige vermisster Deutscher auf die Insel Giglio und hoffen auch Klärung der Schicksale. Das Bundeskriminalamt sandte zwei Mitglieder seiner Identifizierungskommission zum Unglücksort.

          Die Staatsanwaltschaft in Grosseto befragte am Freitag Augenzeugen unter den Passagieren und der Crew nach ihren letzten Stunden auf Schiff. Dabei wurde offenbar das Verhalten des unter Hausarrest stehenden Kapitän Francesco Schettino als „aufschneiderisch“ und später „panisch“ beschrieben. Er habe vor dem Zusammenstoß mit einer 25 Jahre alten moldauische Übersetzerin und früheren Tänzerin gegessen und getrunken und sei dann weinselig mit ihr auf die Kommandobrücke gekommen: „Nicht eine Vespa hätte der noch fahren dürfen“. Außerdem habe der Kapitän mit der Frau geflirtet und sei deswegen abgelenkt gewesen.

          Italienische Polizeitaucher an der Schiffsglocke des havarierten Kreuzfahrschiffes

          Die junge Frau aus Moldau wies dies nun zurück. „Alle Anschuldigungen, die man heute gegen ihn hört, sind absurd“, sagte Domnica Tschemortan der Nachrichtenagentur AFP. Die blonde Tänzerin sagte, sie habe für die Costa-Reederei auf anderen Schiffen gearbeitet und habe an Bord der „Concordia“ ihren Geburtstag feiern wollen. Zum Zeitpunkt des Unglücks habe sie mit Freunden zu Abend gegessen. Schettino habe „alles richtig gemacht und Menschenleben gerettet. Er ist ein Held.“

          Die Reederei will gerichtlich gegen ihren Kapitän vorgehen

          Zwischen der Reederei Costa und dem Verteidiger des Anwalts kam es unterdessen zum Streit. Schettino habe die Reederei stets auf dem Laufenden gehalten; darum könne die sich jetzt nicht aus der Verantwortung ziehen, sagte der Anwalt des Kapitäns Bruno Leporetti. Der Rechtsanwalt der Reederei Marco De Luca hatte am Donnerstag mitgeteilt, die Reederei sei selbst geschädigt worden; sie werde Schettino nicht verteidigen. Sie entließ ihn vielmehr. Pierluigi Foschi, der Geschäftsführer von Costa sagte, Schettino habe gelogen. „Wir werden gegen ihn gerichtlich vorgehen“.

          Foschi sagte dem „Corriere della Sera“ weiter, es sei durch nichts zu rechtfertigen, dass es nach dem Auflaufen auf den Felsen erst mit einer Stunde Verspätung zur Evakuierung des Schiffes gekommen sei. „Das ist der schlimmste Moment in meinem Leben, nach dem Tod meiner Mutter. Ich schlafe nachts nicht“, sagte Foschi auf Fragen nach seinem Befinden.

          „Superman“ rettete Kinder

          Am Freitag verbreiteten italienische Medien Amateuraufnahmen, auf denen zu sehen sein soll, dass Besatzungsmitglieder der „Costa Concordia“ Passagiere auch dann noch in ihre Kabinen zurückschickten, als das Schiff schon schnell voll Wasser zu laufen begann. „Alles ist unter Kontrolle, kehren sie zu den Kabinen zurück“, sagt ein Besatzungsmitglied etwa 40 Minuten nach dem Aufprall auf den Felsen in dem vom Fernsehsender „RaiNews24“ verbreiteten Videofilm. „Wir hatten eine Strompanne, aber die ist jetzt behoben.“ Mit diesen Worten wendete sich eine Frau im Auftrag des Kapitäns an Passagiere. Die Aufnahmen scheinen Vorwürfe gegen Schettino zu bestätigen, dass die Evakuierung des Schiffes zu spät begann.

          Die Zeitungen berichteten aber auch über einen „Helden“ unter der Besatzung. Ein Animateur für die Kinder habe sich nach dem Unfall eigens als „Superman“ verkleidet und die ihm anvertrauten Kleinen in einer langen Reihe zum Rettungsboot geleitet.

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