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„Costa Concordia“ : Auf dem Seitenaltar liegen die Rettungswesten

  • -Aktualisiert am

2200 Tonnen Schweröl sollen an Bord der „Costa Concordia“ sein Bild: REUTERS

Einen Monat nach der Havarie er „Costa Concordia“ wird nun endlich das Schweröl aus dem Kreuzfahrtschiff abgepumpt. Reederei und Bewohner der Insel halten zusammen.

          Längst hat sich Rost um das meterlange Loch am Bug der "Costa Concordia" gebildet. Noch immer liegt der Kreuzfahrtriese gestrandet vor der Insel Giglio, 2400 Tonnen Treibstoff in den Tanks. Ein französischer Diplomat geleitet ein Ehepaar aus der Heimat zum Hafen: Wie starb unsere Tochter Mylène, wo liegt ihr Leichnam? Derweil bereitet der katholische Priester von der Kirche über dem Hafen, Don Lorenzo, die Liturgie für diesen Montag vor. Dann liegt die Havarie genau einen Monat zurück. Mehr als 4200 Menschen mussten von Bord gehen, nachdem Kapitän Francesco Schettino die "Costa" dicht vor der Küste gegen einen Felsen gelenkt hatte. Bisher wurden 17 Leichen geborgen. 15 Menschen werden noch vermisst, unter ihnen sechs Deutsche. Der Chor studiert in der Sakristei das Mozart-Requiem ein.

          Die Dorfbewohner von Giglio zeigen Verständnis

          Am Hafen von Giglio herrscht geschäftiges Treiben: Leute der Küstenwache, Rettungsteams der Feuerwehren, Techniker des italienischen Unternehmens Neri, die mit der holländischen Bergungsfirma Smit am Sonntag endlich mit dem Abpumpen des Treibstoffs beginnen. Immer wieder fahren ihre Boote zur "Concordia" und zum Ponton mit dem Kran, von dem aus abgepumpt werden soll.

          Im Speisesaal des Hotels "Bahamas" umlagern derweil die Bürger von Giglio Reederei-Chef Pier Luigi Foschi. Vom Fenster aus kann man das Wrack gut sehen. Sie streiten nicht mit dem Boss der Reederei, deren schmutziges Kreuzfahrtschiff die Insel bedroht. Der 63 Jahre alte Direktor spricht dieselbe Sprache wie sie. "Ich kann nur in Demut sagen, dass wir Schuld auf uns geladen haben. Ihr wart die Helden. Habt Dank für alle eure Hilfe! Ich darf euch auch sagen, dass ich seit dem Tod meiner Mutter nicht mehr so geweint habe wie nach diesem Desaster." Alessandro aus dem Dorf antwortet: "Wir sind hier alle Seeleute, so wie Sie. Man kann sich mal zanken, aber bei einer Havarie müssen wir alle zusammenhalten."

          „Auf unserer Insel wird es nie mehr so sein wie früher“

          Die Leute stellen Foschi den jungen Inder Kevin Rebello aus Mailand vor. Kevin ist scheu, geht dann aber doch nach vorn und erzählt, dass er seinen Bruder Russel, der zur Mannschaft gehörte, seit dem Unglück vermisse. "Haben Sie Dank für alle Ihre Mühen", sagt er zu Foschi, "aber ich trauere um meinen Bruder." Kevin will so lange in Giglio bleiben, bis das Schicksal von Russel geklärt ist. Er weint, wird umarmt, und von irgendwo sagt eine Stimme: "Du gehörst längst zu uns, bleib bei uns." Ein Mann namens Pedro sagt zu Foschi: "Wenn ich das Schiff dort sehe, geht es wie ein Stich durch den Leib. Auf unserer Insel wird es nie mehr so sein wie früher. Bitte, bringt das Wrack komplett weg."

          Foschi sagt, die Reederei wolle das Schiff nach dem Abpumpen des Treibstoffs und der Schmieröle wegziehen. Bis zum 3. März könnten sich dafür Firmen bewerben. Dann werde "Costa" zwei Wochen die Angebote prüfen, drei Tage öffentlich diskutieren und entscheiden. Ein weiterer Bürger fragt ihn, was denn geschehe, wenn das Abpumpen schiefgeht. "Das darf nicht passieren. Geld spielt dabei keine Rolle." Auch an Abfindungen für die Menschen auf Giglio müsse gedacht werden. Foschi gelobt "totale Transparenz".

          Mit einem halben Knoten „wäre kaum etwas passiert“

          Mario Pellegrini, der stellvertretende Bürgermeister, meint, es helfe nichts, wenn jetzt die Mega-Katastrophe an die Wand gemalt werde. Er gibt Schettino alle Schuld an der Havarie. "Ich bin zwar nur Weinbauer, aber wir sind gewöhnt an die nahe der Küste kreuzenden Riesen, wie die Menschen in Venedig oder an den norwegischen Fjorden. Wenn Schettino die "Concordia" mit nur einem halben Knoten Geschwindigkeit gelenkt hätte, wäre kaum was passiert. Aber er ist mit 16 Knoten gerast. Dann krachte es. Und er verlor den Kopf und tat nichts mehr." Seither ist Pellegrini einer der Helden von Giglio. Denn er ließ sich vom Hafen an Bord bringen. "Da herrschte Unruhe, weil jeder was anderes befahl. Ich übernahm als Bürgermeister mit einigen jungen Offizieren an Bord wie Simone Canessa das Kommando zur Rettung."

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