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Corpsstudenten : Pflichtschlagend und weltoffen

Auf der Wachenburg: Zwei Corpsstudenten genießen den abendlichen Jubiläumsblick. Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Studenten des „Weinheimer Senioren Convents“ feiern 100 Jahre Wachenburg - aber auch den guten Zulauf an Füchsen.

          Den Burg-Palas beleuchten farbige Schweinwerfer. An der Brüstung stehen Studenten mit farbiger Corpsmütze und Corpsband und lassen den Blick über die Oberrheinebene schweifen. Jedes Jahr feiern und tagen die Studenten des „Weinheimer Senioren Convents“ (WSC) auf der Wachenburg, hoch über der badischen Kleinstadt Weinheim. In diesem Jahr ist es ein besonderes Jubiläum - die im neoromanischen Stil erbaute Studentenburg wird hundert Jahre alt. Schon Ende des 19. Jahrhunderts war unter den wilhelminisch denkenden Weinheimer Corpsstudenten die Idee gereift, an die 23 Corps-Studenten, die im deutsch-französischen Krieg 1870/1871 gefallen waren, mit einem Ehrenmal zu erinnern. Doch es sollte bis 1907 dauern, bis das Weinheimer Corps genug Spenden für den Bau zusammenhatte.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Begeisterung für die Reichsidee und den deutschen Idealismus spielte für das bis heute pflichtschlagende Weinheimer Corps eine große Rolle, so dass man am liebsten eine mittelalterliche Burg zur Ehrenstätte umgebaut hätte. In Weinheim bot sich die etwas tiefer gelegene Burg Windeck an, einst zum Schutz des Klosters Lorsch gebaut und dann im kurpfälzischen Erbfolgekrieg zerstört. Doch der damalige Besitzer, Graf von Berckheim, wollte keine Umbauten zulassen. „Es wurden dann vier Bauabschnitte geplant, das Geld reichte nicht, um durchgehend zu bauen. Man entschied sich für den Entwurf des Architekten Arthur Wienkoop, weil er in mehreren Abschnitten geplant hatte“, sagt Hans-Joachim Rudolph, Alter Herr des „Weinheimer Verbandes Alter Corpsstudenten“ (WVAC).

          Rudolph, ehemaliger Regierungsdirektor in Hamburg, hat gerade eine Monographie über die Geschichte der Wachenburg geschrieben, recherchiert mit Archivmaterial des Instituts für Hochschulkunde der Universität Würzburg. Dort sind wichtige Dokumente zur Geschichte der deutschen Studentencorps archiviert. 200.000 Reichsmark sammelten die Weinheimer für den Bau der Burg. Zuerst baute man den Bergfried und die Ehrenhalle für die gefallenen Soldaten, später dann die Burgschenke, das Palas-Hauptgebäude und den Feierkeller für die Fuchsen, also die Studenten, die sich um eine Aufnahme bewerben.

          Mütze ab, gerade halten: Der „Weinheimer Senioren Convent“ tanzt.

          Nach den Weltkriegen musste die Ehrenhalle jeweils erweitert werden. Etwa 850 Weinheimer fielen im Ersten Weltkrieg, 2000 im Zweiten Weltkrieg. „Wenn heute nun in Afghanistan oder in Mali einer unserer Corpsstudenten fallen würde, würden wir hier an ihn erinnern“, sagt der 73 Jahre alte Rudolph. Während des Zweiten Weltkrieges richteten die Nazis auf der Burg eine Lehrwerkstatt zur Ausbesserung von Flugzeugmotoren ein; nach der Befreiung durch die Amerikaner war der Festungsbau ein Offizierskasino einer „Railway Splitter“-Einheit. 50.000 Euro im Jahr lassen sich die Weinheimer den Unterhalt kosten. Vor kurzem wurde die Burg für eine Million Euro grundlegend saniert, die Burgschenke von einer Gastronomin aus Heidelberg übernommen.

          Die Wachenburg soll ein beliebtes Ausflugsziel und eine moderne Tagungsstätte in der Rhein-Neckar-Region werden. Im Burghof sollen nach dem Willen der neuen Wirtin Juliane Wasser künftig Wagner-Opern und Fußballspiele übertragen werden. Das passt zu den Öffnungsbestrebungen des Weinheimer Corps. Wegen ihrer Republikfeindschaft (der Reichsgründer Otto von Bismarck und Kaiser Wilhelm II. waren Corpsstudenten) und ihrer nationalkonservativ-großdeutschen Einstellung leiden die Corps bis heute unter einem schlechten Image. Sie reagieren allergisch, wenn sie mit rechtsradikalen Tendenzen einiger Burschenschaften in Verbindung gebracht werden.

          Im Selbstverständnis der studentischen Corps haben das Toleranzgebot, die Überkonfessionalität und die Überparteilichkeit immer eine große Rolle gespielt. Beitreten kann auch, wer keine deutsche Staatsangehörigkeit hat. In Weinheim reihten sich auch Corpsstudenten afrikanischer und asiatischer Herkunft unter die Feiernden. „Begeisterung“, „Offenherzigkeit“, „Tapferkeit“, „Vaterlandsliebe“ - das sind die Leitmotive, die 1913 im Festsaal der Wachenburg ins Holz geschnitzt worden sind.

          Der Anspruch der Corps ist es bis heute, zur Charakterbildung der Studenten beizutragen und künftigen Führungspersönlichkeiten „gesellschaftlichen Schliff“ oder, moderner gesagt, soziale Kompetenz zu vermitteln. Seit einiger Zeit bieten die Weinheimer ein Coaching-Programm für junge Führungskräfte an: Alte Herren beraten junge Manager, besonders in ethischen Fragen. Der Bologna-Prozess, die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge, bringt den Corps nach deren Angaben wieder mehr Zulauf. Die Studenten, die sich heute als „Füchse“ um die Aufnahme bewerben, gelten als wesentlich trinkfester als früher - weil sie schon mit 14 Jahren begonnen haben, harte Sachen zu trinken. Sie haben durch die Verschulung und Verkürzung des Studiums auch ein viel größeres Bedürfnis nach Gemeinschaftserlebnissen und sozialem Zusammenhalt.

          “Natürlich haben wir auch ein Imageproblem. Wir sind tolerant und weltoffen, es wird aber alles in einen Topf geworfen. Wir grenzen uns deshalb bewusst von den Burschenschaften ab“, sagt Tim Neff, Vorortsprecher des WSC.

          Falco Schickerling, Anwalt aus Hannover und Alter Herr, denkt politisch nicht konservativ. Er stammt ebenso wie seine Ehefrau aus einem Achtundsechziger-Elternhaus. Seine Frau ist zum Diner in der Wachenburg mitgekommen, auf die Männerbündelei blickt sie bis heute mit gewisser Skepsis. Schickerling entschied sich als junger Student trotz mancher Vorbehalte für die Mensur und das Corpsband. „Wer unsere Riten sieht, der hält uns zunächst natürlich für reaktionär. Wir verändern uns aber auch. Toleranz und Geradlinigkeit einzuüben, das halte ich für moderner denn je“, sagt Schickerling. Im Festsaal der Wachenburg wird jetzt getanzt, im Burghof brennen die Öllampen. Tief unten im Burgverlies, dem Fuchsenkeller, wummern die Bässe. Es läuft der neueste Song des amerikanischen Rappers Macklemore: „Can’t hold us“. In den zwanziger Jahren wurde „Tanzbegeisterung“ in den Corps noch bestraft.

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