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Corona-Krise : Vor der Zerreißprobe

Corona zum Trotz: Menschen genießen das Frühlingswetter. Bild: dpa

Noch immer beharren Leute darauf, ihr Leben im Freien zu genießen. Wer sie als Egoisten anklagt, den beschimpfen sie als Blockwart. Über ein gespaltenes Land.

          3 Min.

          Wenn die Corona-Krise zu einer echten Zerreißprobe für die deutsche Gesellschaft wird, dann trägt die Schuld daran, zu einen gewissen Maß jedenfalls, das Wetter. Jenes milde, frühlingshafte Wetter nämlich, das eine ganze Menge Menschen, nachdem sie ihren morgendlichen Hygieneartikel-Großeinkauf hinter sich haben, hinaus in die Sonne treibt.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So sitzen sie entspannt in den Parks, ziehen in gutgelaunten Gruppen durch die Straßen und prosten einander, wenn sie auf dem Trottoir vor den Cafés eng beieinander stehen, mit ihren Weinchen zu. Wir lassen uns, so die Botschaft, von einem doofen Virus nicht vorschreiben, wie wir unser Leben leben. Und wir zeigen, dass wir auch in diesen schweren Zeiten zusammenhalten.

          Das Problem dabei: Das soll man ja eigentlich gar nicht, jedenfalls nicht im wörtlichen Sinn. Man soll einander besser loslassen und auf Distanz gehen. So wünscht es sich die Bundesregierung, so wünschen es sich die meisten der Virologen, die uns den Weg durch die Krise weisen. Weil aber Wünschen nur selten hilft, werden Forderungen nach Befehlen laut: Ohne eine von der Regierung verhängte Ausgangssperre sei das Virus nicht zu besiegen.

          Wer dazu neigt, den Experten und den Politikern zu glauben, der betrachtet die Menschenansammlungen mit Befremden, ja Entsetzen. Im Internet postet man neben den Fotos leerer Regalreihen nun auch Fotos voller Straßencafés und Plätze. Sind die, die hier sitzen und ihre Corona-Ferien genießen, uninformiert und dumm? Im Gegenteil: Es sind eher die eigentlich Gutgebildeten und Besserverdienenden, die fest entschlossen sind, ihre Lebensart, ihr Lebensgefühl gegen das Virus verteidigen. „Wohlstandstrotz“ hat diese Einstellung der „Zeit online“-Redakteur Lenz Jacobsen genannt.

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          Jung, unbekümmert, relaxt

          Ihre Verdrängungsleistung ist enorm: Es sind ja gerade sie, durch die das Virus am schnellsten verbreitet wird. Nicht der Bergarbeiter unter Tage oder die Frau, die einsam in aller Herrgottsfrüh die Zeitungen austrägt, sondern die mobile Elite mit ihren Bonusmeilen-Karten und den vielen sozialen Kontakten. Auf dem berühmt gewordenen Foto vom proppenvollen Münchner Viktualienmarkt vom Samstag sind etliche von ihnen zu sehen: jung, cool, unbekümmert, relaxt. Ein Sommermärchen im Corona-März.

          Die anderen hingegen, die Sorgenvollen und Drosten-Jünger, erblicken hier: Gefährder. Rücksichtslose Egoisten und Erfüllungsgehilfen des Virus, das über sie den Weg finden wird zu jenen, die sich hier niemals versammeln würden – die Alten, Schwachen und Kranken. In Südkorea sind diejenigen, die das Virus im Verhältnis am häufigsten in sich tragen – es aber oft, mangels Symptomen, gar nicht merken -, die Zwanzig- bis Neunundzwanzigjährigen. Sehr wahrscheinlich, dass dies bei uns nicht anders ist. Doch auch Mittvierziger scharten sich die Woche zu lustigen Grüppchen auf der Straße.

          Vom anderen, dem besorgten Lager, trennen sie weit mehr als die berühmten anderthalb Meter. Es ist ein tiefer Riss, der durchs Land geht: Für die Spaßfraktion sind die, die mit dem Finger auf sie zeigen, spießige Spielverderber, regierungshörige Angsthasen, Blockwarte, Denunzianten. Eine „Lust am Autoritären“ meint die Publizistin Sara Hassan in der Bevölkerung zu erkennen. Der Soziologe Armin Nassehi hingegen dreht die Sache um: Für ihn verkörpern gerade die vermeintlich lässigen Lebemenschen „die moderne Version des autoritären Charakters: Das Wichtige wird nur getan, wenn es ausdrücklich befohlen wird.“ Es ist kompliziert, und es wird noch komplizierter dadurch, dass auch die Sorglosen ein paar Experten hinter sich wissen, die die ganze Aufregung für übertrieben halten.

          Zum Stammpersonal in Horror- und Katastrophenfilmen gehört der Amtsträger, der die drängende Gefahr aus Überheblichkeit oder Geldgier kleinredet und die hellsichtigen Mahner in seiner Sturheit zur Verzweiflung treibt; eine Hassfigur, die zur Strafe meist als einer der ersten vom Monster verspeist oder vom Alien pulverisiert wird. Mit so einem würden sich all die sonnigen Gemüter nie im Leben identifizieren wollen, in ihrer Ignoranz aber sind sie ihm ausgesprochen ähnlich.

          Nicht einmal der schlimmste Rechthaber sollte den Corona-Verdrängern wünschen, vom Virus dahingerafft zu werden; der Gedanke, sie zu ihrer Gesundheit zwingen zu müssen, scheint so abwegig freilich nicht – selbst wenn er unangenehm autoritär ist. Nach und nach nehmen auch deutsche Spitzenpolitiker das unschöne Wort „Ausgangssperre“ in den Mund. Ein Hashtag wie das vom Bundesgesundheitsministerium verbreitete #WirbleibenZuhause dürfte jedenfalls weitgehend wirkungslos bleiben.

          Wollen wir hoffen, dass wenigstens bald das Wetter mies wird.

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