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„Schleichende“ Corona-Kampagne : Triumphieren die Impfmärchen über die Fakten?

Impfkampagne des Deutschen Roten Kreuzes im Tierpark Nordhorn. Bild: dpa

Corona-Impfung am Scheideweg: Einerseits beklagen Hausärzte die Impfflaute im Land, andererseits gibt es immer neue wissenschaftliche Gründe für den Impfnutzen.

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          In den sozialen Medien mündet inzwischen jede glaubwürdige Information über die Corona-Impfung über kurz oder lang im Sumpf der Impfmärchen, billige Rechthaberei löst den ernsten Austausch ab, und jede Woche startet die Denunziation unter einem anderen Hashtag neu. Neuester Kandidat ist das Wort des Präsidenten des Hausärzteverbandes, Markus Beier: „Unser schärfstes Schwert“ titulierte er in einem Interview für die Funke Mediengruppe die Corona-Impfstoffe.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der Mediziner bedauerte, „dass die Impfkampagne aktuell stagniert“. Offenbar verfängt auch die vor drei Wochen vom Bundesgesundheitsministerium gestartete Testimonial-Kampagne „Ich schütze mich“ nicht wie gewünscht. Im Gegenteil: Mit ihrem Start ist die Bereitschaft zu impfen oder nachzuimpfen noch einmal spürbar gesunken. Am vergangenen Samstag haben sich laut Robert-Koch-Institut nur noch 54.000 Menschen deutschlandweit eine Injektion geben lassen, das ist noch etwas weniger als der Sieben-Tages-Schnitt der vergangenen Woche. An den erfolgreichsten Impftagen waren es gut eine Million Impfungen gewesen.

          Wenig mehr als 62 Prozent der Bundesbürger sind bisher dreifach – formal also vollständig – geimpft. Die Zahl der Vierfachgeimpften, also mindestens einmal geboosterten Impflinge beläuft sich auf zehn Millionen Bürger, nicht einmal jeder Achte im Land hat sich den Booster geholt.

          Das ist zum Teil mit den seit Tagen sinkenden offiziellen Fallzahlen und sinkenden Hospitalisierungsraten zu erklären. Tatsächlich aber liegt der Anteil derer, denen vor dem Winter ein Update des Covid-19-Immunschutzes wegen des Alters, Vorerkrankungen und Immundefiziten empfohlen wird, viel höher als die Booster-Rate. Viele halten offenbar eine Auffrischung für überflüssig, nicht wenige dürften verunsichert sein angesichts der aggressiven Gegenkampagnen aus den Reihen der Impfgegner. Tatsächlich sind zuletzt Hospitalisierungsraten und die Zahl der Covid-19-Sterbefälle gefallen, aber immer noch sterben wöchentlich fast tausend Menschen und damit so viele, dass bei diesem Stand über ein Jahr gesehen doppelt so viele Opfer zu beklagen wären wie bei einer schweren Grippeepidemie.

          Die Hausärzte erhielten bei Weitem nicht so viele Impfanfragen von Patienten, wie es laut Ständiger Impfkommission empfohlen wäre. Die niedergelassenen Praxen nutzten jede Möglichkeit, um über die Impfungen aufzuklären, „aber der Output ist mittlerweile eher mau. Man muss es ganz klar sagen: Der Run auf die Corona-Impfungen hat sich mittlerweile auf ein Schleichen verlangsamt“, sagt Hausärzteverbandspräsident Beier.

          Versandet allmählich das Vertrauen in die Nützlichkeit der Impfung? Solche Narrative werden derzeit genährt von Behauptungen, es handele sich noch immer um „experimentelle“ Corona-Impfstoffe und die Wirkstoffe versagten am Ende ganz. Betrachtet man jedoch die zuletzt von Wissenschaftlern gelieferten zahlreichen Befunde, die sowohl Realweltdaten wie aktuelle Laborergebnisse liefern, gibt es nach wie vor kaum Anlass für solche Versagensthesen. Beispielhaft sind die Resultate einer Studie von Immunologen der Universitätsklinik Tübingen um Juliane Wald und Yacine Maringer, die in „Science Immunology“ erstmals ausführliche Vergleiche verschiedener Impf- und Infektionsverläufe im Hinblick auf die T-Zell-Immunität geliefert haben. Die spezialisierten T-Zellen im Blut sind neben den B-Zellen, die für die Produktion der virusspezifischen Antikörper verantwortlich sind, die wichtigste Säule im Schutz gegen schwere Covid-19-Verläufe. In der Studie kamen noch nicht die neuen angepassten, bivalenten Omikron-Impfstoffe zum Einsatz.

          Die Tübinger haben gezeigt: Jede Impfung und jeder der hierzulande verwendeten Corona-Impfstoffe sorgt dafür, dass nach der dritten Impfdosis ebenso viele gegen das Virus-Spike-Protein gerichtete T-Zellen wie nach einer Corona-Ansteckung gebildet werden – und für mindestens ein halbes Jahr auch stabil erhalten bleiben. Die Unterschiede zwischen den Impfschemata, ob dreimal die gleichen Vakzine oder unterschiedliche Impfstoffe verwendet werden, sind für die Realwelt nicht so relevant. Was den Booster angeht, hat der vor allem für eine schnelle, aggressive Antikörperantwort erhebliche Bedeutung. Die Antikörperproduktion, ob im Blut von Infizierten oder Geimpften, geht nämlich schon nach wenigen Monaten deutlich zurück. Die je nach Land zwischen dem dritten und sechsten Monat verabreichte vierte Dosis, der Booster, verdoppelt praktisch auf einen Schlag die Schlagkraft der Antikörperantwort.

          T-Zell-Immunantwort bleibt stabil

          Was den Immunschutz gegen die neuen und möglichen künftigen Omikron-Varianten angeht, haben die Tübinger Forscher ebenfalls spannende Ergebnisse geliefert: Es gibt eine deutliche Kreuzimmunität bei allen vollständig Geimpften. Die T-Zell-Antwort ist so breit gegen verschiedene Abschnitte des Spike-Oberflächenproteins gerichtet, dass auch der langfristige T-Zell-Immunschutz gegen neuere und aktuell dominierende Varianten über den Winter stabil bleibt, sofern die letzte Impfdosis nicht viele Monate zurückliegt.

          Einige aussagekräftige immunologische Daten gibt es inzwischen auch gegen die allerneuesten, sich inzwischen weltweit ausbreitenden Omikronvarianten wie BQ.1.1 oder XBB. In fast einem halben Dutzend Studien (wenn auch zum Teil in noch nicht begutachteten Preprints) ist der Nutzen der an BA.5- und BA.4-Omikronvarianten angepassten, sogenannten bivalenten Impfstoffe in Laborstudien nachgewiesen worden. Dabei wurde geprüft, ob und inwieweit die durch die Impfung gebildeten Antikörper im Blut die wegen ihrer starken Immunflucht gefürchteten neuen Varianten neutralisieren können. Im Vordergrund stand bei diesen Untersuchungen also wieder die schnelle Antikörperantwort. Die Pfizer-Biontech-Gruppe selbst hatte mitgeteilt, dass ihr als Booster eigesetzter, angepasster Impfstoff eine vierfache Neutralisationskapazität –verglichen mit dem Originalimpfstoff – besitze. Nicht alle Laboruntersuchungen haben diese deutliche Überlegenheit bestätigt. Dennoch: In drei Studien, in denen der Impfstoff teils als zweiter Booster verabreicht wurde, war sogar nach wenigen Wochen erhöhte Antikörperkonzentrationen gegen BQ.1.1– als Zweitbooster sogar zehnfach erhöht – ermittelt worden – die Omikron-Variante, die sich anschickt, im Winter in Europa und Nordamerika dominant zu werden.

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