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Coco Chanel : Die Agentin mit der Perlenkette

Geschäftsfrau, Geliebte und begabte Opportunistin: Coco Chanel Bild: AFP

Ein neues Buch enthüllt, dass Coco Chanel als Agentin für die Nazis arbeitete. Das passt in das Bild einer Frau, die kühl und berechnend ihren Erfolg vorantrieb. Das Modehaus jedoch sieht seine Fassade nicht bröckeln.

          Es war 1940, als Coco Chanel ihren Offizier traf. Sie war 57 Jahre alt. Ihr Geschäft lief leidlich, fünf Jahre zuvor war ihr Geliebter Paul Iribe an Herzversagen gestorben. "Es gibt nichts Schlimmeres als das Alleinsein", sagte sie zu Freunden. Baron Hans Günther von Dincklage, den sie vermutlich vor dem Krieg schon einmal getroffen hatte, muss ihr wie eine Lichtgestalt vorgekommen sein.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Er war groß und blond, ein schneidiger deutscher Offizier mit blendenden Umgangsformen und 14 Jahre jünger als sie. Der Offizier sprach Englisch, liebte gutes Essen, trank Wein. Er begrüßte Coco morgens mit "How are you this morning?". Und sie sagte gegenüber Freunden wie zur Rechtfertigung: "Er ist kein Deutscher, seine Mutter war Engländerin."

          „Der schwarze Engel“

          Die Liebe zu Baron von Dincklage war aber nicht nur eine weitere ihrer zahlreichen Affären, es war eine Liebschaft mit Brisanz. Denn "Spatz", wie Dincklage sich von Freunden rufen ließ, war Sonderbeauftragter des Reichspropagandaministeriums, wurde von Hitler und Goebbels persönlich empfangen und baute seit Anfang der dreißiger Jahre in Paris und an der Côte d'Azur einen gut funktionierenden Spionagering auf.

          Coco Chanel 1944 in Paris

          Eine Liebe, die Chanels Leben hätte zerstören können, wenn nicht ihr großes Talent darin bestanden hätte, Umstände und Menschen stets zu ihrem Vorteil zu nutzen. Dass sie dabei auch bis zum Äußersten ging, zeigt die gerade erschienene Biographie "Der schwarze Engel" des amerikanischen Journalisten Hal Vaughan.

          Coco Chanel alias Agentin F-7124

          In Frankreich sorgt das Buch seit seinem Erscheinen vergangene Woche für einige Aufregung. Drei bis vier Interviews gibt Vaughan täglich, obwohl der 84 Jahre alte Journalist, der früher für das amerikanische Außenministerium arbeitete, gerade im Krankenhaus liegt. Vor vier Jahren stolperte er zufällig in Archiven über Dokumente, die bis dahin offenbar niemanden interessiert hatten. Er fand Akten, in denen Gabrielle "Coco" Chanel als Agentin F-7124 mit dem Codenamen "Westminster" geführt wird und die belegen, dass sie mindestens zwei Aufträge für die deutsche Abwehr während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich ausführte - vermittelt durch ihren Liebhaber Baron von Dincklage. Das klingt außerordentlich: die Ikone der französischen Mode eine Spionin des Feindes?

          Doch es klingt auch schlüssig: Die Deutschen waren vor allem an Chanels ausgezeichneten Kontakten interessiert. Durch ihre Liaison Ende der zwanziger Jahre mit dem Herzog von Westminster war sie bis in die höchsten Kreise der britischen Gesellschaft vernetzt. Winston Churchill und der Herzog von Windsor zählten zu ihren Freunden. Zu Hause in Paris tummelte sie sich im illustren Kreis aus Intellektuellen, Künstlern und reichen Industriellen.

          Chanels Plan scheitert

          Die Drehscheibe ihres gesellschaftlichen Lebens war das Hotel Ritz an der Place Vendôme, in dem sie seit 1934 eine Suite bewohnte. Als der Krieg über Europa zog und die Deutschen Paris besetzten, änderte sich nichts Wesentliches an ihrem Lebensstil. Das Essen für die Bevölkerung wurde rationiert, im Ritz, zunehmend auch Treffpunkt deutscher Nazi-Größen, gab es als Mittagsmenü Fasanensuppe, Kalbsmedaillons an Bratapfel und Château Latour Pauillac Premier Cru classé, Jahrgang 1929.

          Von den Deutschen wiederum erhoffte sich Coco Chanel, dass sie ihr helfen würden, die "Société des Parfums Chanel", die ihr berühmtes Parfum Chanel N° 5 vertrieb und seit 1924 mehrheitlich den Brüdern Wertheimer gehörte, in ihren Besitz zu bringen. Man arrangierte für sie ein Treffen mit dem Nazifunktionär Kurt Blanke, der für die "Arisierung" jüdischen Vermögens zuständig war. Doch die Wertheimers, die mittlerweile im amerikanischen Exil lebten, hatten vorgesorgt und ihr Unternehmen pro forma an den Flugzeugfabrikanten Félix Amiot übertragen, der es treuhänderisch verwalten sollte. Chanels Vorhaben misslang.

          „Operation Modellhut“

          Ihre erste Mission für die Deutschen startete sie im August 1941 mit einer Reise nach Madrid an der Seite des V-Manns Baron Louis de Vaufreland. Dort sollte sie ihre guten Kontakte zu britischen Botschaftskreisen nutzen, um an wichtige Informationen zu kommen. Auch hier erwartete Chanel eine Gegenleistung: die Befreiung ihres Neffen André aus einem deutschen Gefangenenlager. Wie erfolgreich ihre Arbeit als Agentin war, lässt sich nicht rekonstruieren, ihr Neffe kam allerdings tatsächlich frei.

          In der windigen "Operation Modellhut", die Chanel mit von Dincklage und dem SS-Oberführer Walter Schellenberg im Reichssicherheitshauptamt in Berlin Ende 1943 vorbereitete, sollte Chanel Winston Churchill zu Gesprächen mit den Deutschen über ein mögliches Kriegsende überreden. Die Mission misslang, weil Churchill, der in Madrid erwartet wurde, erkrankte. Ein dringlicher Brief, den Chanel auf dem Papier des Madrider Hotel Ritz schrieb, hat den Premierminister vermutlich nie erreicht.

          Eine überzeugende Tarnung

          Es ist anzunehmen, dass Chanel nicht aus politischer Überzeugung handelte, obwohl sie wie viele ihrer französischen und britischen Freunde durchaus antisemitisch eingestellt war. "Sie war eine außergewöhnliche Opportunistin", sagt Vaughan. Selbst zu dem Zeitpunkt, als sich die Schlinge um ihren Hals zu legen schien, konnte sie auf ihre hervorragenden Kontakte zählen: Im September 1944 wurde sie im Hotel Ritz als Kollaborateurin verhaftet und schon nach wenigen Stunden wieder freigelassen.

          Man vermutet bis heute, dass es Churchill persönlich war, der die Anweisung erteilte. Chanel floh in die Schweiz, von Dincklage folgte ihr. Sie war damals 61, er 48 Jahre alt. Noch bis 1950 sollten sie ein Liebespaar bleiben. Laut Vaughan unterstützte sie ihn und einige andere Nazifunktionäre finanziell und brachte sie damit gleichzeitig zum Schweigen.

          „Für immer ein Mysterium“

          Auch in den folgenden Jahrzehnten war sie stets darum bemüht, weite Teile ihrer Vergangenheit im Ungefähren zu lassen. Vermutlich wollte es auch keiner mehr so genau wissen, als sie 1954 ihr Comeback in Paris startete. Bald begann sie, junge Filmstars wie Jeanne Moreau und Romy Schneider auszustatten, die Präsidentengattin Claude Pompidou wurde ihre Stammkundin. Auch die Wertheimers waren nicht daran interessiert, die alte Geschichte aufzurollen; sie handelten nach dem Krieg mit Chanel einen neuen Vertrag aus.

          Heute gehört das Unternehmen, das immer noch im Besitz der Familie Wertheimer ist, zu den erfolgreichsten Luxuskonzernen der Welt. Die Vorwürfe, Chanel sei eine Spionin im Dienste der Nazis gewesen, hält man im Stammhaus für haltlos. Was damals genau passiert sei, so heißt es in einer Stellungnahme ganz im Sinne von Coco Chanel, werde "ohne Zweifel für immer ein Mysterium bleiben".

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