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„Floating Piers“ eröffnet : Christos Flucht übers Wasser

Ansturm auf den Stegen: Der Iseo-See am frühen Samstagmorgen Bild: Helmut Fricke

Begeisterung auf dem Iseo-See: Die Installation „Floating Piers“ ist für die Besucher geöffnet. Christos Erscheinen führt zu einer Menschentraube auf dem Wasser – sehr zur Sorge des Künstlers.

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          Am Abend zuvor ist noch gar nichts klar. Robert Meyknecht aus Lübeck hat mit seiner Firma „Die Luftwerker“ lange an der Installation am Lago d’Iseo gearbeitet. Er hat den Stoff so zugeschnitten, dass er richtig auf den schwimmenden Stegen liegt. Auch auf den Wegen zu den Stegen schließt das Polyethylen-Gewebe bündig ab. Und weil er immer einen Überschuss einrechnet, wirft der Stoff dekorative Falten.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Ohne die Technik wäre diese Kunst verloren. So war es schon immer bei Christo, dem amerikanischen Künstler, der mit seinem Projekt „The Floating Piers“ am Iseo-See mal wieder öffentliche Kunst ins Extrem führt. Daher sind viele seiner rund 1000 Helfer Ingenieure, Techniker, Mechaniker und Softwarespezialisten.

          Robert Meyknecht zum Beispiel hat den konfektionierten Stoff in Lübeck verpackt. Schon das war eine Leistung, weil die 90.000 Quadratmeter Gewebe aus Bahnen mit einer Überbreite von 5,20 Metern bestehen. In Containern wurden sie von Hamburg per Zug nach Mailand geschickt, dann mit Lastwagen nach Sulzano an den Lago d’Iseo geholt und schließlich hier ausgelegt. Nach rund 6000 Arbeitsstunden seiner 20 Mitarbeiter, dem größten Projekt in der Firmengeschichte, liegen die Bahnen nun in den Gassen des mittelalterlichen Städtchens und führen an und auf den See.

          Als Robert Meyknecht am Freitagabend die Technik noch einmal erläutert, vibriert die Luft vom Lärm eines Hubschraubers. Darin sitzt Christos Fotograf Wolfgang Volz, der schon den ganzen Tag lang von oben seine Aufnahmen macht – die später vermarktet werden und zur Finanzierung der Projekte beitragen. Christo selbst, mittlerweile 81 Jahre alt, entzieht sich dem Zuspruch möglicher Zaungäste, Helfer und Sicherheitskräfte, indem er die Szene vom Boot aus beobachtet – als wäre er selbst ein entrücktes Geheimnis, das vom Ufer aus nur schwer auszumachen ist.

          Akribische Vorbereitung

          Vielleicht hält er aber auch nur Distanz, um sich nicht zu ärgern. Denn obwohl alles seit Jahren vorbereitet wurde, ist am Abend vor der Eröffnung natürlich noch nicht alles fertig. Einer der Scanner, mit denen die Besucher gezählt werden, funktioniert noch nicht. Für die behördliche Genehmigung muss aber klar sein, dass sich nicht zu viele Menschen gleichzeitig auf dem Riesen-Steg aufhalten. Außerdem hat man nicht bedacht, dass die Orte am See dauernd an sich arbeiten. Die Stoffe wurden zugeschnitten nach den Messungen aus dem vergangenen Jahr. Jetzt passen sie an einigen Stellen nicht mehr, weil Bänke und Blumenkübel versetzt wurden. So müssen die Mitarbeiter nun bis tief in die Nacht die Aussparungen im Stoff mit neuen Stoffstücken zunähen.

          „Auch das Wetter macht mir Bauchschmerzen“, sagt Meyknecht. Damit meint er nicht den Regen, der nun schon wieder herunterprasselt und den leuchtend orangefarbenen Teppich in den Gassen in ein schmutziges Orange verwandelt. „Nein, das nicht. Danke für den Regen“, ruft er und streckt die Hände beschwörend zum Himmel. Denn nur der Regen kann, indem er den Stoff schwerer macht, die größte natürliche Gefahr bannen: den Wind.

          Einige Befestigungen sind schon losgerissen. Als sich Meyknecht in der vergangenen Woche, im Eiscafé sitzend, über den starken Wind wunderte, sagte man ihm: Das sei noch gar nichts. Nun hat er Angst, dass die Fallwinde, die von den Alpen kommen, unter die Tücher gehen und sie wie ein Segel aufblasen. „Hier gibt es kritische Wettersituationen. Die Natur ist der Meister des Geschehens“, sagt Meyknecht. „Ich finde den Regen so klasse!“

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