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„Floating Piers“ eröffnet : Christos Flucht übers Wasser

Wackelpudding-Kunstwerk

Mit seinem Wackelpudding-Kunstwerk schafft Christo also so etwas wie eine authentische Erfahrung in sozialmedial entfremdeten Zeiten. Banal ausgedrückt: Es ist psychisch, medizinisch, sozial und spirituell besser, über die „Floating Piers“ zu spazieren, als seine Befindlichkeiten auf dem heimischen Sofa im Internet zu posten. Trotz all der geläufigen Street-Art und der Mitmachkunst gelingt es wohl kaum einem Künstler so gut, so viele Menschen in Bewegung zu versetzen.

Denn auch das Konzept der „limited edition“ hat Christo schon erfunden, als Sportartikelhersteller und Luxuskonzerne noch gar nicht daran dachten: Nur bis zum 3. Juli ist der Lago d’Iseo bis hinüber zu den Inseln Monte Isola und Isola di San Paolo begehbar. Da will man dann natürlich schnell hin.

Für die Region nördlich von Brescia brechen nun neue Zeiten an. Man sieht es in dem mittelalterlichen Städtchen Sulzano, das bisher im Windschatten der Geschichte lag. Die Gegend ist außer für ihre Fallwinde vor allem für den Franciacorta bekannt, den Schaumwein, der so gut ist wie Champagner, sich aber nicht so nennen darf. Die lieblichen Weinhänge, der See und das Alpenpanorama schufen bisher ein recht gemütliches Lebensgefühl. Nun kann man sich von den organisatorischen Fähigkeiten der Lombarden überzeugen. Am Abend vor der Eröffnung ist die Haltestelle der Shuttle-Busse superschnell von einem Dutzend Falschparkern befreit. „Normalerweise schleppen wir hier im Ort vielleicht drei Fahrzeuge in der Woche ab“, sagt die diensthabende Polizistin. Nun sind es vier Autos in einer Viertelstunde.

Boomendes Geschäft

Überall herrscht das Geschäft. Alle Zimmer im Ort sind belegt. An den Weinständen wird gut getrunken. Im Schnelllokal „Pizza in Piazza“ stapeln sich die leeren Verpackungen bis zur Decke. Und wenn sich der Ofen spät in der Nacht nicht mehr so hektisch dreht, macht nebenan schon der Bäcker auf. An der orangefarbenen Strecke ebenfalls: Cafés, Eisdielen, Würstchenbuden, Andenken-Shops. Dieses Kunstwerk ist auch ein riesiger Budenzauber.

Auf dem Steg verteilt ein Christo-Mitarbeiter kleine quadratische Stoffstücke und sagt jedes Mal dazu „corpo di Christo“ („der Leib Christi“), wie in der Kirche. Alle lachen, doch schöner könnte der Mann mit den grauen Haaren und dem dunklen Mitarbeiter-Habit den quasi-sakralen Charakter der Veranstaltung wirklich nicht in Worte fassen.

Aber er ist nur der Prophet. Denn da taucht aus dem frühmorgendlichen Dunst des ersten Tages doch tatsächlich der Schöpfer selbst auf. In den vergangenen Tagen war er vor allem auf dem Wasser unterwegs, also im Boot, um die Helfer zu dirigieren. Nun kommt er zu Fuß auf dem Wackelpudding-Ponton in Richtung Sulzano, und sofort umringen ihn 20, 100, schließlich 200 Menschen, klatschen, pfeifen und rufen: „Bravo, Christo!“, „Grazie, Christo!“.

Der Künstler selbst aber scheint sich gar nicht wohl zu fühlen: So viele Menschen auf nur 100 Quadratmetern – wird die schwimmende Brücke das aushalten? Christo sieht mitgenommen aus nach monatelanger Arbeit. Gestern ist er auch noch gestürzt und hat nun einen blauen Fleck an der Wange. Und er wirkt so alt, wie er ist, grau, klein, fragil, faltig – und ziemlich fertig.

„Wie fühlen Sie sich jetzt, Christo?“ Die Antwort könnte nicht einsilbiger sein: „No, no, no!“ Er will, dass die Leute weitergehen und sich verteilen. Aber alle bleiben an ihm hängen. Also geht er selbst wütend los, schnellen Schrittes, Richtung Sulzano, und der Tross läuft hinterher. Der Steg wackelt, das Wasser am Rand plätschert, die Sonne geht auf, und Christo ist verschwunden.

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