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„Floating Piers“ eröffnet : Christos Flucht übers Wasser

Feierliche Eröffnung

Der Tag der Tage am Lago d’Iseo beginnt dann aber windstill und langsam. Schon in der Nacht zum Samstag stehen Hunderte in den Gassen von Sulzano. Denn laut Gerüchten sollen schon in der Nacht die Pforten geöffnet werden. Aber alles bleibt zu. Das Kunstwerk scheint im Morgengrauen ganz still über dem See zu schweben. Und auch Christo, sein Schöpfer, ist nicht einmal zu erahnen.

Gleich umringt: Christo nach der Eröffnung seines neuen Werks Bilderstrecke

Um 7.18 Uhr beginnen die Leute vor den Absperrgittern zu klatschen, johlen, pfeifen und singen. Dann die ersten Rufe „aprire“ – noch begehrt man die Öffnung im Infinitiv. Um 7.39 Uhr werden die Rufe lauter. Nun heißt es „apri“, in der Befehlsform. Sei es, dass die Arbeiten im Hintergrund endlich fertig sind oder dass man keinen Volksaufstand riskieren möchte: Um 7.42 Uhr dürfen die Leute durch die Gasse und auf das ewig lange orangefarbene Pier laufen. Der erste Kommentar, der zu hören ist: „E bellissimo!“

Ein Kameramann stellt eine Stehleiter auf den Techno-Stoff. Schnell ist ein Ordner da, der es verbietet. So ganz sicher scheinen sich auch die Wächter des Herrn nicht zu sein, ob das wackelige Konstrukt hält. Den Menschen ist es egal: Sie stoßen Jubelschreie aus, eine Frau wirft sich zu Boden und küsst den Stoff, andere ziehen ihre Schuhe aus, um barfuß über den Steg zu gehen wie einst Jesus übers Wasser.

„Ultimative interaktive Kunst“

Der amerikanische Botschafter in Berlin, John B. Emerson, gehört mit seiner Frau zu den Ersten. „Es ist die ultimative interaktive Kunst“, ruft er aus. Er ist nicht nur stolz, dass das hier ein Künstler aus New York geschaffen hat. Er freut sich auch über den Beitrag seines zweiten Lieblingslandes. „Deutsche Technik hat das hier erst möglich gemacht“, sagt Emerson, der privat hier ist, mit seiner Frau und mit Freunden. „Es ist eine wunderbare Form von kultureller Diplomatie“, sagt er. Die Abwechslung zur politischen Diplomatie scheint Emerson sehr zu genießen.

Und wirklich geht es nicht ohne den deutschen Beitrag. Die Stoffe wurden in Deutschland gewebt, die Pontonkonstruktion wurde von Deutschen im Schlick des Sees verankert, und von oben fotografiert der Deutsche Wolfgang Volz. Und die Gäste erst: Allein am Wochenende sind Tausende aus Deutschland gekommen. Ebenfalls schon sehr früh am Wasser war die Berliner PR-Legende Isa von Hardenberg: „Es schaukelt ganz schön, aber es sind wunderbare Eindrücke.“

Belebte Sinne

Überhaupt werden hier alle Sinne angesprochen, schließlich geht es um unmittelbare Wahrnehmung. Das alte Kunstmotto „Bitte nicht berühren!“ wird in sein Gegenteil verkehrt. So schafft der Künstler eine Erfahrung, die alle Sinne belebt, sogar den romantischen Hang zum Vergleich: Jeden Menschen mit wirrem grauem Schopf hält man plötzlich von hinten für Christo.

Ohne den Zuschauer wird nichts aus dieser Kunst. Ohne all die Mütter mit den leuchtenden Augen, die Männer mit ihren riesigen Fotoapparaten, die herumspringenden Kinder und die etwas wackelig wirkenden Hunde, ohne all die Kunstspießer aus Deutschland und die Lebensmenschen aus Italien wäre dieses Werk eben nicht Kunst, sondern nur eine mühsam aufgebaute, seltsame Pontonbrücke über einen See.

So aber ist alles anders. Hier verändert die Kunst den Menschen noch mit magischem Zauber, instagramgerecht und doch erfahrungsecht. Eine der vielen frappierenden Folgen: Selfies werden recht selten gemacht, weil die anderen Perspektiven so schön sind, und weil man beim Selbstfoto so schlecht den orangefarbenen Teppich aufs Bild bekommt.

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