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Christliche Feste : In Japan essen die Buddhisten Weihnachtskuchen

  • -Aktualisiert am

Als Weihnachtsmann verkleidetes Häschen in einer Zoohandlung in Yokohama Bild: REUTERS

Im nichtchristlichen Japan gehört Weihnachten zum Jahreskalender, vor allem der Einkaufskultur: Die Geschäfte sind mit Weihnachtsdekoration geschmückt, Weihnachtsmänner verteilen Werbeprospekte und englische Weihnachtslieder berieseln die Kunden.

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          Im Stammgeschäft der Konditorei Fujiya auf der Ginza in Tokio laufen Bestellungen schon seit Anfang Dezember ein. Die weiß-roten Prachttorten mit der Aufschrift „Merry Christmas“ können in den Auslagen begutachtet werde. Auch andere Tokioter Cafés und Konditoreien locken vor Weihnachten mit Beeren-Schleckereien. Weihnachten, das bedeutet für viele Japaner vor allem: Sahnetorte mit Erdbeeren.

          Im nichtchristlichen Japan gehört Weihnachten zum Jahreskalender vor allem der Einkaufskultur. Von Anfang November an sind die Geschäfte mit Weihnachtsdekoration geschmückt. Weihnachtsmänner verteilen Werbeprospekte vor den Kaufhäusern. Und Weihnachtslieder in Englisch berieseln die Kundschaft. Die vorweihnachtliche Winterbeleuchtung ganzer Straßenzüge in Tokio und anderen Städten sind Publikumsmagneten. Bei alledem fragt niemand, ob weihnachtliche Atmosphäre in ein vornehmlich buddhistisches Land passt.

          „Wir essen am Abend des 24. Dezember Weihnachtskuchen“, sagt Frau Yoshioka. „Sahnetorte, mit großen Erdbeeren verziert, so kenne ich es seit meiner Kindheit.“ Die Torte gibt es nach dem Abendessen als ein besonderes Dessert. Zwar ist Weihnachten kein Feiertag in Japan. Aber die Japaner bereiten sich zu dieser Zeit auf ihren größten Festtag vor, das Neujahrsfest, das auch ein offizieller Feiertag ist. Weihnachten leitet für viele die Jahresendfeiern ein - und wird selbst wiederum durch den Geburtstag des Kaisers eingeleitet: Der 23. Dezember ist ein nationaler Feiertag, an diesem Donnerstag wird Akihito 77 Jahre alt.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Weihnachten zurück

          Dass ausgerechnet die Erdbeere in Japan zur Weihnachtsfrucht geworden ist, scheint das Ergebnis einer Geschäftsidee der Konditorei-Kette Fujiya zu sein. „Seit 1910 backen wir Weihnachtskuchen“, sagt Fujiya-Sprecher Mizoguchi. Die Konditorei, die als Lieferant für Ausländer in der Hafenstadt Yokohama begann, wollte westliche Essgewohnheiten verbreiten. Zuerst waren es verschiedene Obstkuchen oder auch dunkle Kuchen mit Pflaumen nach Art des englischen „Christmas-Pudding“, die als Weihnachtskuchen verkauft wurden. Während des Kriegs verschwand Weihnachten als Teil der „Feind-Kultur“ aus Japan. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es wieder zurück: Im Zuge der boomenden Wirtschaft und dem amerikanischen Einfluss unter anderem durch Fernsehserien wurde es seit den Sechzigern zu einem beliebten Fest, dem allerdings alles Christliche abgeht.

          „Nach dem Krieg verkauften wir Buttercreme-Torte als Weihnachtskuchen“, sagt Mizoguchi. „Die war lecker und haltbar. Und als in den fünfziger Jahren Kühlschränke verbreitet waren, konnten die Konditoren Sahne verwenden. Wir fingen an, Sahnekuchen mit Erdbeeren als Weihnachtskuchen zu verkaufen.“ Fujiya breitete sich mit Filialen in ganz Japan aus und bewarb erfolgreich den Erdbeerkuchen als die große Delikatesse im Winter. Viele Japaner glauben, dass die Farben Rot und Weiß an den Weihnachtsmann oder auch an die japanische Flagge erinnern sollen. Das sei aber ursprünglich nicht Teil der Geschäftsidee gewesen, versichert man bei Fujiya. Andere Konditoren ahmten die Erdbeertorten nach. Mittlerweile sind zum Weihnachtssortiment auch mit Süßigkeiten gefüllte Stiefel und andere knallbunt verpackte Naschereien für Kinder gekommen.

          Auch Christstollen wurden schon gesichtet

          Auf die Frage nach dem religiösen Hintergrund von Weihnachten kommt verlegenes Lachen. „Ist das nicht christlich?“, fragt Herr Mizoguchi. Seine Mitarbeiterin kommt zu Hilfe: „Ist das nicht der Geburtstag von Jesus? Wurde er nicht in einem Stall geboren?“ Nur zwei Prozent der Japaner bekennen sich zum christlichen Glauben. Doch viele japanische Kinder glauben an den (amerikanischen) Weihnachtsmann.

          Für die jüngere Generation ist Weihnachten auch eine Art Valentinstag geworden, an dem man zum romantischen Essen zu zweit ausgeht oder sich eine Kleinigkeit schenkt. In der Boom-Zeit ging man an Weihnachten in ein Hotel oder in ein Restaurant zum Essen. In den derzeitigen Tagen der Wirtschaftsflaute bleibt man lieber zu Hause und isst sparsam die Erdbeertorte, vielleicht sogar vor einem kleinen Weihnachtsbaum, der freilich zumeist nur aus Plastik ist.

          Aber die Erdbeertorte, die es nur als Gesamtkunstwerk, nicht in einzelnen Stücken zu kaufen gibt, ist nicht billig. Eine kleine Torte aus Schichten von Bisquit-Teig und Sahne kostet umgerechnet zwischen 30 und 40 Euro. In den letzten Jahren haben sich auch andere Tortenkunstwerke zu Weihnachten verbreitet, und junge Japaner kaufen sich schicke Designer-Törtchen in den feinsten Konditoreien. Auch Christstollen wurden schon in Spezialgeschäften gesichtet. Die Sahnetorte mit den Erdbeeren ist trotzdem der Weihnachtsklassiker geblieben.

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