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China und seine Kinder : Das geheime Experiment von Yicheng

Chinas Nachwuchs: Seit 30 Jahren gilt die Ein-Kind-Politik Bild: REUTERS

Die Ein-Kind-Politik sollte eigentlich überall in China gelten. Mao Tse-tungs Nachfolger hielten Bevölkerungswachstum für eines der größten Hindernisse der wirtschaftlichen Entwicklung. In einem Landkreis galt aber eine Ausnahme.

          5 Min.

          Yang Yaqin ist reich, auch wenn sie nicht viel Geld hat. In ihrem Hof rennen zwei Jungen über den staubigen Boden, der Ältere keck vorweg, der Jüngere unbeholfen hinterher. Es ist ein Bild, das es eigentlich nicht geben dürfte. In China gilt seit 30 Jahren die Ein-Kind-Politik, die in vielen Fällen auch heute noch strikt durchgesetzt wird. Doch Yang Yaqin hat zwei Söhne und damit aus chinesischer Sicht doppeltes Glück. Sie muss nicht einmal fürchten, für ihren Kinderreichtum bestraft zu werden: Yang Yaqins Dorf Renwang ist Teil eines Experiments, das lange geheim gehalten wurde. Hier gilt schon seit 25 Jahren die „Zwei-Kind-Politik“.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Geschichte beginnt mit der Einführung der Geburtenkontrolle in China im Jahr 1980. Mao Tse-tung erachtete eine große Bevölkerung als Voraussetzung für den Aufbau einer „starken Nation“. Seine Nachfolger hielten das Bevölkerungswachstum für eines der größten Hindernisse der wirtschaftlichen Entwicklung. In der Folge wurde die wohl strengste Bevölkerungspolitik der Welt erdacht. Ihre Durchsetzung ist nicht nur ein behördlicher Kraftakt, sondern ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen, bei dem zahllose Frauen zu Abtreibung und Sterilisation gezwungen wurden. Von Anfang an war die Politik deshalb unbeliebt, bei den einfachen Chinesen und bei manchen Fachleuten.

          „Legen sie los!“

          Zu den Kritikern zählte auch der Sozialwissenschaftler Liang Zhongtang, damals Lehrer an der Parteischule der Provinz Shanxi in Zentralchina. In einem Brief an den damaligen Parteichef Hu Yaobang erbat er 1984 die Erlaubnis, das Experiment mit der Zwei-Kind-Politik im Landkreis Yicheng im Süden der Provinz machen zu dürfen. Die Antwort des Parteiführers war kurz: „Legen sie los!“ Bei einem Treffen weihte Liang die örtlichen Kader in seinen Plan ein. Die Presse und die allgemeine Bevölkerung sollten nicht informiert werden.

          Schulkinder in China: die Zwei-Kind-Politik könnte zumindest in den ländlichen Gegenden eingeführt werden

          Seither gilt in den ländlichen Gebieten Yichengs eine Politik, die sich von der strikten Geburtenkontrolle im übrigen Land unterscheidet. Im Büro der „Vereinigung für Familienplanung“ von Yicheng sitzt der Vize-Direktor Wu Baotang an seinem Schreibtisch und erklärt ihre Grundsätze: späte Hochzeit (bei Frauen von 23 Jahren an), späte Geburt des ersten Kindes (bei Frauen von 24 Jahren an) und Wartezeit bis zur Geburt des zweiten Kindes (bei Frauen anfangs von 30 Jahren, heute von 28 Jahren an). Mit Hilfe von Strafen und Anreizen sollen diese Prinzipien durchgesetzt werden.

          Alles ist hier durchschnittlich

          Seitdem das Experiment durch chinesische Medienberichte vor kurzem schließlich doch bekannt wurde, feuert es die Diskussion um die Zukunft der Geburtenkontrolle weiter an. Die Ein-Kind-Politik ist schon länger in die Kritik geraten. Die rapide Alterung der Gesellschaft, so meinen Fachleute, sei nur eine der vielen Folgen der Bevölkerungspolitik (siehe Kasten). Zu deren Popularität trägt auch nicht gerade bei, dass immer mehr Familien ohnehin schon von der Ein-Kind-Regel ausgenommen sind: Angehörige der ethnischen Minderheiten dürfen mehr Kinder haben; Bauern ist ein zweites Kind erlaubt, wenn das erste ein Mädchen war; Eltern, die selbst als Einzelkinder aufgewachsen sind, dürfen auch ein zweites Kind bekommen. Auf dem Land ist es zudem verbreitet, Nachkommen vor den Behörden zu verstecken. Die Reichen nehmen wiederum die Strafen für ein Extra-Kind gern in Kauf. Nur 35,9 Prozent der Bevölkerung dürfen nur ein Kind haben, 52,9 Prozent ein zweites Kind, wenn das erste ein Mädchen ist, und elf Prozent zwei oder mehr Kinder.

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