https://www.faz.net/-gum-ovil

China : "Sorgt euch um die Mädchen!"

  • -Aktualisiert am

Kampagne in China: „Sorgt euch um die Mädchen!” Bild: AP

In China werden so viel mehr Jungen als Mädchen geboren, daß Bevölkerungswissenschaftler und Politiker gleichermaßen auf Veränderungen drängen, um "schlimme gesellschaftliche Folgen" zu vermeiden.

          Die Dorfvorsteher sind instruiert, die Spruchbänder bedruckt, die Parolen ausgegeben: "Die Zeiten haben sich geändert, Mädchen und Jungen sind gleich gut." - "Wer sagt, daß Jungen besser sind als Mädchen?" - "Mädchen und Jungen sind die Hoffnung der Nation." - "Mädchen von heute sind die Arbeiter von morgen."

          Das chinesische Bevölkerungsministerium will die Mädchen schützen und hat dafür in 265 Landkreisen verschiedener Provinzen Pilotprojekte begonnen: So will man der ländlichen Bevölkerung den weiblichen Nachwuchs ans Herz legen. Die Aktion "Sorgt euch um die Mädchen", die alle Familienplanungseinheiten mobilisieren soll, hat einen ernsten Hintergrund. Das Geburtenverhältnis zwischen Mädchen und Jungen ist in der Volksrepublik China aus dem Gleichgewicht geraten. Es werden so viel mehr Jungen als Mädchen geboren, daß Bevölkerungswissenschaftler und Politiker gleichermaßen sagen, es müsse schnell etwas unternommen werden, um "schlimme gesellschaftliche Folgen" zu vermeiden.

          Ungleiches Geschlechterverhältnis

          Im Landesdurchschnitt kommen in China auf 100 Mädchengeburten 117 Jungengeburten, das normale Verhältnis liegt bei 100 zu 104 bis 107. In einigen Regionen Chinas ist die Abweichung von der Norm noch größer. Dazu gehören die reiche südchinesische Provinz Guangdong und die arme südwestchinesische Provinz Guangxi mit einem Verhältnis von mehr als 130 Jungen zu 100 Mädchen. Der chinesische Bevölkerungswissenschaftler Yu Xuejun hat aber noch einen alarmierenden Trend festgestellt. Besonders bei der Geburt eines zweiten und dritten Kindes in den ländlichen Familien steigt der Anteil der Jungen stark. Beim zweiten Kind ist das Geschlechterverhältnis 100 Mädchen zu 151,9 Jungen und bei einem dritten sogar bei 100:159,4.

          In der Provinz Shaanxi lag das Geschlechterverhältnis sogar beim zweiten Kind schon bei 100:253,5. Der Grund: Die Eltern lassen das Geschlecht ihres Kindes per Ultraschalluntersuchung bestimmen, und weibliche Föten werden abgetrieben. Das ist zwar illegal, doch gibt es genügend medizinisches Personal, das gegen eine Bezahlung oder für ein Geschenk dem Wunsch der werdenden Eltern nachkommt. Zudem gibt es nach Berichten chinesischer Zeitungen auf dem Land fahrende Ärzte, die speziell diesen Dienst anbieten. Jeder auf dem Land kennt und versteht den Wunsch nach einem männlichen Nachkommen.

          Ein Sohn als Krankenversicherung

          Noch immer zieht Chinas Landbevölkerung den Sohn der Tochter vor. Das sei, wie Chinas Bevölkerungswissenschaftler hervorzuheben nicht müde werden, ein Relikt aus "feudalistischen Zeiten". Damals galt - unter dem Einfluß der konfuzianischen Kultur - die Sorge um den Nachwuchs und die Erhaltung der männlichen Erblinie als wichtigste Aufgabe einer Familie. Nur der Sohn, so das Denken, kann die Familie fortsetzen, während das Mädchen mit der Heirat in eine andere Familie überwechselt und somit für die Eltern verloren ist.

          Für den Sohn sprechen aber auch praktische Gründe. Ein Sohn ist auf dem Land eine bessere Arbeitskraft als ein Mädchen. Ein Sohn kann harte körperliche Arbeit verrichten und die Interessen der Familie verteidigen. Ein Sohn hat zusammen mit seiner Frau die Aufgabe, für seine Eltern in Krankheit und im Alter aufzukommen. Bislang haben nur die wenigsten chinesischen Bauern eine Krankenversicherung. Altersrente ist auf dem Land, außer für staatliche Funktionäre, unbekannt.

          Offiziell wird nicht so gern darüber gesprochen, daß auch Chinas staatlich verordnete Ein-Kind-Politik zur Verhinderung von Mädchengeburten beiträgt. Zwar gilt auch auf dem Land offiziell die Ein-Kind-Politik, doch tatsächlich haben die meisten bäuerlichen Familien zwei und viele sogar mehr Kinder. Wenn das erste Kind ein Mädchen war, dürfen die Bauern ein zweites bekommen; sollte auch das zweite ein Mädchen sein, so versucht man es oft gegen die staatlichen Bestimmungen ein drittes Mal. Und um beim zweiten oder dritten dann wirklich sicherzugehen, daß ein Junge geboren wird, geht man dann zur Ultraschalluntersuchung und läßt Mädchen abtreiben. Zudem kommt es trotz der Androhung von Strafen und jahrelangen Aufklärungskampagnen noch immer vor, daß unerwünschte weibliche Säuglinge ausgesetzt oder verkauft werden.

          "Sorgt euch um die Mädchen!"

          Nun warnen Bevölkerungswissenschaftler davor, daß es bei der Jungenüberzahl die Männer bald schwer haben werden, eine Ehefrau zu finden. Im nächsten Jahrzehnt werden nach Berechnungen in China 60 Millionen Frauen fehlen. Der Mangel an Frauen könne zu einer Ausweitung von Menschenhandel, Menschenraub und Prostitution führen, sagen chinesische Soziologen.

          Auch die Vereinten Nationen warnen in ihrem diesjährigen Entwicklungsbericht vor dem Trend. Die Kampagne "Sorgt euch um die Mädchen!" soll ihn jetzt aufhalten. So haben einige Provinzen in den Pilotprojekten Prämien und Renten für bäuerliche Eltern ausgesetzt, die nur Töchter haben. Andere versprechen den Mädchen eine Minderung des Schulgelds oder Hilfe bei der Jobsuche. Gleichzeitig wurden die lokalen Familienplaner mit fünfzehn Parolen ausgerüstet, die den Bauern die Gleichheit der Mädchen vor Augen führen sollen. Außerdem will man die Kontrolle über Krankenhäuser und ländliche Arztpraxen verstärken, damit sie keine Abtreibungen mehr wegen des Geschlechts vornehmen.

          Weitere Themen

          Lasst den Orang-Utan malen! Video-Seite öffnen

          Happy Birthday, Nenette : Lasst den Orang-Utan malen!

          Im Pariser Jardin des Plantes lebt seit Anfang der 70er Jahre ein Menschenaffe, der nun 50. Geburtstag feiert. Und nicht nur das: Orang-Utan-Dame Nenette verfügt darüber hinaus über künstlerische Fähigkeiten.

          Topmeldungen

          Die Spitzen der großen Koalition bei ihrem Treffen im Kanzleramt

          Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

          Die Spitzen der großen Koalition haben bei der Reform der Grundsteuer einen Kompromiss erzielt. Das Gesetz soll nach monatelangem Streit noch vor der Sommerpause im Bundestag beraten werden.

          TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

          In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.