https://www.faz.net/-gum-utn5

China : Kungfu-Meister weicht den Baggern

  • -Aktualisiert am

Vorher: Einsam in luftiger Höhe Bild: AP

Zuletzt ragte es einsam und allein aus einer riesigen Baugrube heraus: ein kleines Backsteinhaus. Jetzt sind die Bagger gekommen, doch der Widerstand der Besitzer hat sich gelohnt. Sie kassierten eine üppige Entschädigung vom Staat.

          3 Min.

          Das Nagelhaus ist weg. Das einsame Haus auf dem Lehmkegel inmitten einer Baugrube, um das seine Besitzer seit Jahren kämpften, wurde in der Nacht zum Dienstag von Bulldozern abgerissen. Das Haus ist zerstört, doch das Bild des Hauses, das die Phantasie Chinas wochenlang besetzt hielt, dürfte daraus so leicht nicht mehr wegzubekommen sein. Zu sehen war, wie das Haus einsam und trutzig auf einem 17 Meter hohen Lehmkegel stand, der sich als Solitär aus der Mitte einer riesigen Baugrube erhob. „Nagelhaus“ wurde es deshalb genannt. Mit „Nagel“ werden im Chinesischen auch Quertreiber oder Störenfriede bezeichnet.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Bild des Hauses zeigte in seiner tückischen Einfachheit eine Störung der Normalität an, wie sie jeden chinesischen Betrachter elektrisieren muss. Normal ist, dass die großen Immobiliengesellschaften, häufig im Verein mit dem Behördenapparat, das Angesicht des Landes und der Städte ruckzuck immer neu verändern, indem sie abreißen und neu bauen, und die Variablen in diesem wie ein Naturgesetz ablaufenden Geschehen sind die Menschen, die flexibel sein und dorthin gehen müssen, wo man es ihnen anweist - und wo gutes Zureden und Geld nicht helfen, helfen oft Prügel, von gedungenen Schlägern erteilt.

          Drei Jahre Sturheit

          Tag für Tag werden in chinesischen Städten alte Häuser, Wohnblöcke und andere Gebäude abgerissen, um Platz für Neubauten zu schaffen. Die Pekinger Altstadt ist so verschwunden und die alten Quartiere in Schanghai, Kunming und Tianjin. In der aktuellen Umbauphase verschwinden die alten Plattenbauten und Wohnhäuser der sozialistischen Gründerzeit. An ihre Stelle werden Hochhäuser und Bürotürme gebaut.

          Bei der Arbeit: der Bagger beginnt sein Werk

          In Chongqing aber, der nominell größten Stadt der Welt, war es anders. Als hier eine Firma namens „Chongqing Zheng sheng“ ein neues Einkaufszentrum errichten wollte, ließen sich 280 Hauseigentümer erwartungsgemäß mit 18.000 Yuan pro Quadratmeter abfinden und umsiedeln. Nur ein Ehepaar, dem dort ein einstöckiges Haus mit Restaurant gehörte, blieb stur, und aus bislang nicht geklärten Gründen ist es ihm gelungen, mit dieser Sturheit drei Jahre lang bis zum Beginn der Woche durchzukommen. Der Kampf von Frau Wu Ping und Herrn Yang Wu begann im Jahr 2004. Eine Entschädigung von 2,4 Millionen Yuan (240.000 Euro) lehnten die beiden ab; sie verlangten eine Immobilie am selben Ort.

          „Sicherheitsmänner“ eigenhändig vertrieben

          Vor zehn Tagen dann erklomm der Mann, ein am Ort bekannter Kungfu-Kämpfer, das seit zwei Jahren leerstehende Haus und hisste eine rote Fahne, auf der stand: „Das rechtmäßige Privateigentum eines Bürgers ist unantastbar“ - eine unverhohlene Anspielung auf das gerade erst verabschiedete neue Eigentumsgesetz. Darin ist zwar festgelegt, dass in Chinas sozialistischer Marktwirtschaft privates Eigentum genauso geschützt werden soll wie öffentliches. Das Gesetz legt aber fest, dass der Staat im „öffentlichen Interesse“ enteignen darf.

          Viele Kommentatoren nutzten die Gelegenheit des Kampfes um das Nagelhaus, auf die Mängel dieses neuen Gesetzes hinzuweisen. Es lege nicht fest, was „öffentliches Interesse“ ist. Und es bringe auch keine wirksame Einschränkung und Kontrolle der Verwaltung. Es verhindere die zu niedrigen Entschädgungen durch die Bauherren nicht, auch nicht die Fälle von Betrug und Zangsevakuierung. Herr Yang übrigens vertrieb die von den Bauunternehmen ausgesandten „Sicherheitsmänner“ eigenhändig.

          Die Frau am Strick nach oben transportiert

          Das Nagelhaus mit 219 Quadratmetern war seit Generationen in Familienbesitz. Die ursprüngliche Holzkonstruktion war im Jahr 1993 ausgebaut worden. Das Haus beherbergte lange Zeit einen Gemischtwarenladen, und zu der Zeit, als die Bauunternehmen auf den Grund begierig wurden, hatten die Besitzer es an einen Restaurantbetreiber verpachtet. Als in der Nachbarschaft die Bulldozer vorrückten, verbarrikadierte sich Besitzer Yang in seinem Haus, das mittlerweile von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten war.

          Am 19. März befand ein örtliches Gericht, dass Herr Yang das Haus zu räumen habe. Im nun allein auf der Spitze des Lehmbergs stehenden Haus wurde er von seiner Frau mit Wasser und Lebensmitteln versorgt, die er an einem Strick nach oben hievte. Vor Besuchern rief er nach unten: „Ich will mit dem Bürgermeister sprechen.“ Seine Frau sprach mit Journalisten und Besuchern.

          „Ich wollte meine Würde verteidigen“

          Bilder des Hauses gingen durch das Internet. Chinesische Zeitungen berichteten ausführlich. Die Wochenzeitung „Southern Weekend“ machte den Fall zu einer Titelgeschichte: „Die coolsten Quertreiber Chinas“. Nach einer Umfrage des chinesischen Internetportals Sina unterstützten 85 Prozent der Befragten das Ehepaar, das sich dem Abriss seines alten Hauses entgegenstellte. Dagegen bekamen die Bauunternehmen, die Behörden und die Justiz von den Chinesen reichlich Kritik zu hören. So demonstriert der Fall auch, wie groß die Macht der öffentlichen Meinung geworden ist. Das Haus wurde zum nationalen Symbol für einen ganz und gar unwahrscheinlichen Widerstand gegen die massenhafte Entwurzelung - die Kehrseite der gesetzlich kaum erfassten chinesischen Markt-Dynamisierung.

          Das Ehepaar gab seinen heroischen Kampf gegen Bauunternehmer und Stadtverwaltung am Montag dennoch auf. Dem Vernehmen nach sagten die Behörden ihm eine neue Wohnung im Wert von drei Millionen Yuan (etwa 292.000 Euro) und eine Entschädigung von 900.000 Yuan zu. „Ich wollte meine Würde und meine Rechte verteidigen“, sagte Frau Wu Ping vor dem Abriss. Diese Haltung hat ihr in China die Sympathien von Millionen eingebracht. Und sie hat vielen Hausbesitzern Mut dazu gemacht, die kombinierte Macht der Bauunternehmen und Stadtverwaltungen nicht immer nur einfach hinzunehmen.

          Weitere Themen

          Lockdown im Kreis Gütersloh aufgehoben Video-Seite öffnen

          Nach Corona-Ausbruch : Lockdown im Kreis Gütersloh aufgehoben

          Dem Oberverwaltungsgericht in Münster zufolge war die Fortschreibung des Corona-Lockdown im Kreis Gütersloh rechtswidrig und muss deswegen aufgehoben werden. Eine „differenziertere Regelung“ hätte erlassen werden müssen.

          Topmeldungen

          Werder Bremen: Pure Freude

          Werder bleibt in Bundesliga : Mit Ach und Krach

          „Scheiß Saison, gutes Ende“: Werder bleibt der Fußball-Bundesliga doch noch erhalten, Trainer Florian Kohfeldt ist einfach nur froh. Beim 1. FC Heidenheim genügt den Bremern ein 2:2-Remis, sie profitieren von einem kuriosen Eigentor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.