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China-Geschäft : Wir hätten da noch was im Angebot

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Die Hanauer Brennelementeanlage - hinter meterdickem Beton Bild: dpa

Nach dem Transrapid liebäugelt China jetzt auch mit deutscher Kerntechnik. Dabei ist nicht nur die Hanauer Fabrik ein echtes Auslaufmodell.

          Über wenig herrscht in Deutschland Konsens. Darüber schon: Es wird Zeit für die Alt-68er, endlich in Rente zu gehen. Nur stehen manche von ihnen noch unter Dampf. Zeitgleich mit dem Ende des Prager Frühlings ging am 22. September 1968 beispielsweise das Kernkraftwerk Obrigheim in Betrieb.

          Der Druckwasserreaktor am Neckar ist die älteste noch laufende Anlage Deutschlands. Mit dem Segen der Bundesregierung darf sie das weitere zwei Jahre lang bleiben. Anschließend gehen in Obrigheim und anderswo zwar nicht die Lichter aus. Aber ein paar feuchte Augen wird es unter den Veteranen der Kerntechnik wohl geben.

          Es werden immer weniger

          Was früher als Obrigheim ans Netz ging (oder Forschungszwecken diente), ist bereits abgeschaltet, eingemottet oder abgerissen. Das bayerische Versuchsatomkraftwerk Kahl: im Rückbau. Auch Rheinsberg in Brandenburg. Oder Gund-remmingen, Block A, in Bayern. Der Versuchsreaktor von Jülich: kurz vor dem "sicheren Einschluß". Niederaichbach in Bayern: beseitigt. Und so fort.

          Grafenrheinfeld, Bayern. Druckwasserreaktor mit 1.345 Megawatt Leistung. Seit 1981 in Betrieb

          18 kleinere Kernkraftwerksblöcke sind inzwischen stillgelegt worden, 18 größere liefern noch Strom. Insgesamt gut 160000 Terawattstunden pro Jahr, knapp dreißig Prozent der deutschen Elektrizitätsproduktion. Aber es werden immer weniger. Bis dann, um das Jahr 2020 herum, auch der letzte Meiler endgültig heruntergefahren wird.

          Spitzentechnik zum Schleuderpreis

          Gerade mal ein halbes Jahrhundert hat das Zeitalter der Atomenergie in Deutschland gedauert. Verknüpft, wie im Godesberger Programm der SPD von 1959, mit der Hoffnung, "daß der Mensch sein Leben erleichtern, von Sorgen befreien und Wohlstand für alle schaffen kann". Ist diese Hoffnung mit dem Ausstieg aus der Kernenergie zuschanden geworden? Oder hinterläßt ihr Verschwinden am Ende weniger Substitutionsprobleme "als das Verschwinden des Fahrrads, des Kugellagers oder hundert anderer Techniken, nach denen nie ein Zeitalter benannt wurde", wie der ehemalige Atommanager Klaus Traube schrieb?

          Den Ausverkauf deutschen Know-hows malen zur Zeit die Zweckpessimisten an die Wand. Und auf den ersten Blick sieht es tatsächlich so aus, als würde sich China mit der Hanauer Brennelementefabrik ein Stück Spitzentechnik zum Schleuderpreis sichern wollen. Die Anlage sei, sagt Siemens-Sprecher Rainer Jend, "first-of-a-kind" und stets sorgfältig gewartet worden. Nicht ganz klar ist, zu welchem Zweck. Das Hanauer Werk war von Anfang an so dimensioniert, daß es eigentlich nur einen wirtschaftlichen und technischen Sinn ergeben hätte, wenn Deutschland, wie ursprünglich geplant, einen kompletten Plutoniumkreislauf in Gang gesetzt hätte.

          Dazu wären nicht nur der Schnelle Brüter von Kalkar, sondern etliche Anlagen dieser Art nötig gewesen - bis zu 80.000 Megawatt Brüterleistung, wie in einer Studie des Kernforschungszentrums Karlsruhe Mitte der sechziger Jahre vorgeschlagen. Wegen unkalkulierbarer Kosten haben die deutschen Energieversorger diesen Weg bekanntlich aufgegeben. Schnelle Brüter leisten nirgendwo einen größeren Beitrag zur Stromproduktion; selbst die Vereinigten Staaten beziehen 100.000 Megawatt Atomstrom nur aus Siede- oder Druckwasserreaktoren.

          Verlegenheitslösung zur Beseitigung von Plutonium

          Die Brennelemente aus Uranoxyd und Plutoniumoxyd, die Hanau produzieren sollte, sind eine Verlegenheitslösung. Die Mühlen, Pressen und Sintereinrichtungen, die China für angeblich fünfzig Millionen Euro erwerben will, sollten nur dem Zweck dienen, unwillkommenes Plutonium zu entsorgen. Es stammt aus der Wiederaufarbeitung von abgebrannten deutschen Uranelementen, die im französischen La Hague und im britischen Sellafield noch bis zum Jahre 2008 vertraglich abgewickelt wird.

          Plutonium ist, anders als Uran, extrem giftig und schwer zu handhaben. Unter einigem Aufwand läßt es sich als fünfprozentige Beimischung in neuen Brennstäben unterbringen, was diese allerdings deutlich teurer macht. Der Markt für solche Mischoxyd-(Mox-)Brennstäbe ist nicht besonders groß; nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA liegt er bei 200 Tonnen pro Jahr. Abnehmer sind Frankreich, Belgien, Deutschland und die Schweiz. Japan und Indien experimentieren noch, die Vereinigten Staaten und Rußland planen, auf diesem Weg einen Teil ihres Waffen-Plutoniums loszuwerden.

          Sprengkraft schwer berechenbar

          120 Tonnen Mox-Brennstoff hätte die Hanauer Anlage jährlich herstellen können. Was will China damit? Den Weltmarkt aufrollen? Einen eigenen Plutoniumkreislauf samt Schnellem Brüter installieren? Oder am Ende doch Bomben bauen? Darüber, ob die Hanauer Fabrik "waffenfähig" sei oder nicht, gab es in der vergangenen Woche widersprüchliche Auskünfte. Tatsächlich ist Reaktorplutonium prinzipiell zum Bau einer schmutzigen Bombe geeignet. Weil es nach dem Abbrand in einer Mischung verschiedener Isotope vorliegt, ist seine Sprengkraft allerdings nicht besonders präzise zu berechnen; Bomben aus Reaktorplutonium sind eher etwas für Terroristen - eine Nuklearmacht wie China hat sie nicht nötig.

          Weit weniger entwickelt als der militärische Einsatz ist in China die zivile Nutzung der Kernenergie. Falls sich die Chinesen entschließen sollten, ihre Brennstäbe wiederaufzuarbeiten (oder wiederaufarbeiten zu lassen), könnten sie die Mox-Anlage schon brauchen. Und noch einiges mehr. Vier Reaktoren sind in China zur Zeit im Bau; im benachbarten Indien sind es sogar sieben. Die IAEA rechnet damit, daß der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung in Asien bis zum Jahr 2020 etwa im selben Umfang steigen wird, wie er in Europa und Nordamerika sinkt. Global wird er von heute 16 auf 12 bis 14 Prozent zurückgehen. Atomstrom wird also weiter eine Rolle spielen. Nur keine besonders große.

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