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Chinesisches Neujahr : Flucht im Zeichen des Schafs

  • -Aktualisiert am

Heim oder bloß weg: Reisende am Mittwoch im Pekinger Hauptbahnhof Bild: dpa

In China steht der Jahreswechsel bevor. Viele Chinesen feiern dies mit einer Reise, um das Neujahrsfest zu vermeiden. Schwangere baten um Kaiserschnitte, damit ihre Kinder noch im Zeichen des Pferdes geboren würden.

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          Was ist nur aus Chinas Familienwerten geworden? Das fragte sich Liu Mei, als sie kurz vor dem Fest noch eine Reise für das Chinesische Neujahr buchen wollte. Sie hatte einen Flug für die Neujahrsnacht angefragt, in der Annahme, dass in dieser größten Festnacht Chinas niemand würde reisen wollen. Doch alles war ausgebucht. Die Neujahrsnacht sei die bevorzugte Reisezeit geworden, teilte ihr das Reisebüro mit. An diesem Donnerstag beginnt in China das neue Jahr, das Jahr des Schafes, wie üblich mit viel Feuerwerk, Böllerei und ausgiebigem Essen. Als das Wichtigste am Fest galt aber bislang, dass sich am letzten Tag des alten Jahrs die ganze Familie trifft.

          Dafür setzt in China eine wahre Völkerwanderung ein; vor allem die 250 Millionen Wanderarbeiter packen ihre Taschen voller Geschenke, verlassen die Städte und machen sich auf in ihre ländlichen Heimatorte. Reisen um diese Zeit sind kein Vergnügen. Trotz eines von der chinesischen Regierung vor einigen Jahren neu eingeführten Online-Buchungssystems für Züge, das den Schwarzmarkt unterlaufen sollte, ist es schwer, ein Ticket zu reservieren. Schon vor zwei Monaten waren die beliebtesten Strecken ausgebucht. Die einzigen, denen das Online-Ticket-System nutzt, sind wieder die Schwarzhändler. Züge und Überlandbusse sind übervoll, die Wanderarbeiter können sich meist nur Stehplätze in langsamen Zügen leisten. Wer zur Mittelklasse gehört, steht auf den Autobahnen endlos im Stau oder drängt sich in den Bahnhofshallen der Hochgeschwindigkeitszüge.

          „Das Neujahrsfest vermeiden“

          Den Stress tun sich viele Chinesen jetzt nicht mehr an, vor allem solche aus der städtischen Mittelschicht. „Binian“ heißt der neue Trend, „das Neujahrsfest vermeiden“. So hatte sich das auch Liu Mei gedacht: Lieber einen Kurztrip zur Erholung, als mit der Familie den ganzen Neujahrstag essen und sich langweilen. Dass so viele schon so denken, damit hatte sie allerdings nicht gerechnet. Dieses Jahr dürften so viele Chinesen wie noch nie dem Neujahrsfest entflohen sein. Um 70 Prozent stiegen die Buchungen von Auslandsreisen, die Nachbarländer Südkorea und Thailand erleben einen wahren Ansturm chinesischer Touristen. Aber auch Taiwan und die Malediven sind beliebte Ziele. Taiwan hat die Touristenvisa schon limitiert, um eine Überlastung der Hotels zu vermeiden. Trotz politischer Spannungen reisen auch viele Chinesen nach Japan, vor allem zum Einkauf japanischer Qualitätsprodukte. An Platz sechs der Lieblingsziele liegen nach Angaben der Zeitung „China Daily“ die Vereinigten Staaten und auf Platz acht Europa. Viele reisen mit Eltern und Kindern: anstatt zuhause im Elternhaus zu feiern könne man ja auch zusammen reisen, heißt es jetzt.

          Hatte Parteichef Xi Jinping die neuen Trends im Sinn, als er in seiner Neujahrsansprache am Mittwoch sagte, dass die chinesischen Tugenden familiärer Harmonie nicht vergessen werden dürften? Die Familie sei der Kern der Gesellschaft, trotz der vielen gesellschaftlichen Veränderungen müsse die Familienzusammenhalt gewahrt bleiben, sagte der Staatspräsident, als er dem „großen Land und dem großen Volk“ seine Glückwünsche aussprach. Auch Werbeplakate allenthalben erinnern daran, dass das schönste Geschenk für die Eltern doch sei, wenn man sie besuchen komme.

          Das Jahr der Ziege gilt nicht als eines der Besten

          Nach dem chinesischen Mondkalender gibt es zwölf Tierkreiszeichen. Welches Tier dieses Jahr das Schicksal bestimmt, ist nicht ganz eindeutig. Das chinesische Schriftzeichen „yang“ lässt sowohl die Deutung „Schaf“ als auch „Ziege“ oder „Steinbock“ zu. Die meisten Forscher glauben, dass die Ziege gemeint ist, da sie als frühestes Haustier in China nachgewiesen ist. Doch Schaf und Bock seien auch möglich. Das Jahr der Ziege gilt nicht als eines der besten im Tierkreisreigen. Besonders Frauen, die im Jahr der Ziege geboren sind, sollen ein schweres Schicksal haben.

          Alles Blödsinn, sagen viele, und chinesische Zeitungen und Internetseiten verweisen darauf, dass das Schaf in China eigentlich von alters her als ein glücksbringendes Tier gilt. Das Ganze sei eine historische Finte aus dem 19. Jahrhundert, als der Spruch „im Schafjahr kein Glück“ benutzt wurde, um die unbeliebte Kaiserin Cixi, eine Schafgeborene, zu kritisieren. Chinesische Zeitungen stellten in den vergangenen Tagen viele im Zeichen des Schafes geborene Menschen vor, die ein glückliches und erfolgreiches Leben führen. Möglicherweise hat zu der Umdeutung der Schafe auch die Tatsache beigetragen, dass Ministerpräsident Li Keqiang 1955, im Jahr des Schafes geboren ist. Man will ja ungern einem Regierungschef nachsagen, dass er unter einem schlechten Stern steht.

          Viele werdende Mütter in China wollten trotzdem auf Nummer sicher gehen. Die Geburtsstationen der Krankenhäuser erlebten vor dem Jahreswechsel einen Ansturm Schwangerer, die um einen Kaiserschnitt baten, damit ihre Kinder noch im Zeichen des Pferdes geboren würden.

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