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Chinas Babyklappen : Nach Ablegen des Kindes strömen die Tränen

  • -Aktualisiert am

Insbesondere auf dem Land fehlt den Familien oft das Geld, für kranke Kinder zu sorgen Bild: AFP

Seit drei Jahren gibt es in China die „Baby-Inseln“. Dort werden vor allem schwer kranke und behinderte Kinder abgegeben. Das eigentliche Problem sehen viele im unzureichenden Wohlfahrtssystem der Volksrepublik.

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          Das letzte Mal beobachtete Frau Wang, wie ein älteres Paar ein Kind zur Babyklappe brachte. Sie kamen zu Fuß den langen düsteren Weg um das ehemalige Fabrikgelände, hinter dem das staatliche Waisenhaus liegt. „Das Baby, das sie auf dem Arm hatten, war ganz ruhig auf dem Weg, aber als die beiden es im Häuschen abgelegt hatten, hörte ich es weinen. Das Paar ging schnell weg, der Frau strömten die Tränen über das Gesicht.“ Frau Wang wohnt in der Nähe des Fürsorgeheims von Shijiazhuang, und weil sie spät abends und früh morgens oft die Runde mit ihrem Hund macht, konnte sie schon öfter beobachten, wie einzelne Frauen oder auch Paare verstohlen Babys in dem Häuschen vor dem Waisenhaus ablegen. Die beiden, die sie vor einigen Tagen beobachtete, werden wohl die Großeltern gewesen sein, vermutet sie. Der Kleidung nach zu urteilen, waren es Leute vom Land. „Es ist eine traurige Sache“, seufzt Frau Wang. Die Leute, die im Heim arbeiten, sagen ihr, dass alle Kinder, die dort abgegeben werden, schwer krank oder behindert sind.

          Vor dem Fürsorgeheim der Millionenstadt Shijiazhuang wurde vor drei Jahren die erste „Babyklappe“ Chinas eingerichtet. Sie heißt „Sichere Insel für Babys“. Der Weg dahin durch ein Industriegebiet und Baustellen ist auf Straßenschildern besonders ausgezeichnet. Das Häuschen ist bunt bemalt, mit einem kleinen Bett und einem Brutkasten ausgestattet. „Alle Kinder dieser Welt haben ein Recht auf Schutz“, steht auf einem bunten Bild vor der Eingangstür, und auf die Wand daneben sind Sätze aus der Kinderschutzkonvention der Vereinten Nationen geschrieben.

          „Kind ablegen, Klingel drücken“, lautet die Anweisung. Aber auch ohne Klingelalarm wird alle zwei Stunden nachgesehen, ob ein Kind im Bett liegt. „Wenn ein Baby abgelegt wurde, kommt als Erstes die Polizei und dokumentiert den Fall“, sagt Frau Wang, dann erst wird es ins Heim gebracht. Mehr als 200 Kinder sind nach offiziellen Angaben seit Einrichtung der „Insel“ abgegeben worden.

          Oft ist eine aufwendige Behandlung nötig

          Nach dem Beispiel von Shijiazhuang sind in der Volksrepublik China in den vergangenen drei Jahren in 25 Städten „Baby-Inseln“ eingerichtet worden, in denen man anonym und ohne das Risiko strafrechtlicher Verfolgung Kinder abgeben kann, die letzte zu Beginn des Jahres im südchinesischen Guangzhou (Kanton). Die musste jetzt geschlossen werden. Das Waisenhaus war überlastet, in sechs Wochen wurden 262 Kinder abgegeben, und alle waren schwer krank oder behindert. Zwanzig starben kurz nach der Ankunft. Wegen Guangzhou ist jetzt eine Debatte darüber entbrannt, ob die „Baby-Inseln“ wirklich der richtige Weg sind, um ein schweres soziales Problem zu lösen. Immer wieder setzen Eltern in China Kinder mit schweren Krankheiten oder Behinderungen aus. Viele sterben, wenn sie nicht rechtzeitig gefunden werden.

          „Die Inseln machen es den Eltern einfach, sich aus der Verantwortung zu stehlen“, sagt Frau Wang und gibt damit einer weitverbreiteten Meinung in China Ausdruck. „Wir brauchen die Inseln, um Kinder zu retten“, sagen dagegen ihre Befürworter. Es sei kein einfacher Schritt für die Eltern, Kinder auszusetzen oder abzugeben, sagt Tong Xiaojun von der Pekinger Jugend-Hochschule für Politik. Ohne die Inseln würden viele Kinder sterben.

          Die Zahl chinesischer Eltern, die nicht in der Lage sind, ein behindertes oder pflegebedürftiges Kind großzuziehen, ist groß. Auf dem Land gibt es, wenn überhaupt, nur eine rudimentäre Krankenversicherung. Rehabilitation und Pflege von Behinderten ist aber teuer, zudem gibt es auf dem Land kaum Fachkräfte dafür. Die in den Inseln abgelegten Kinder haben oft Infantile Zerebralparese, Tumore, Kinderlähmung, verkrüppelte Gliedmaßen oder Herzfehler, die eine aufwendige Behandlung nötig machen.

          Mehr Baby-Inseln als Übergangslösung?

          Aber auch in den Städten steht eine Familie mit einem behinderten oder chronisch kranken Kind vor großen Kosten und Einkommensverlusten, denn zumindest einer muss die Arbeit aufgeben, um sich um das Kind zu kümmern. Der Staat zahlt, wenn die Behinderung amtlich anerkannt ist, nur eine kleine Beihilfe. Viele Ehen brächen wegen der Überlastung auseinander, sagt Tong Xiaojun.

          Das zuständige Innenministerium hat allen Wohlfahrtseinrichtungen Anweisung gegeben, keine Auskünfte zum Thema Baby-Inseln zu geben. Es wirft ein schlechtes Licht auf China, das neue Bahnhöfe, Flughäfen und Wolkenkratzer baut und Milliarden in die Raumfahrt steckt, wenn es nichts für seine behinderten Kinder tut. Nach offiziellen Schätzungen kommen jedes Jahr 900.000 Kinder behindert oder krank zur Welt. Tong Xiaojun fordert, die gesundheitliche Betreuung und Aufklärung der Frauen bei Schwangerschaft und Geburt müsse verbessert werden. Schon damit könne die Zahl der behinderten Kinder stark verringert werden. China brauche aber ein umfassendes Wohlfahrtssystem für Kinder. Der Staat habe das inzwischen erkannt. Bis es so weit sei, brauche China mehr Baby-Inseln, nicht weniger.

          Auch das Innenministerium will die Inseln beibehalten. Selbst die offizielle „Volkszeitung“ kommentiert, „die Baby-Inseln seien Ausdruck staatlichen Schutzes der Kinder und nicht Anreiz für die Eltern, Kinder auszusetzen. Frau Wang aus Shijiazhuang sagt, der Staat müsse den Eltern Geld geben, dann gäben sie ihre behinderten Kinder nicht auf. Es sei doch auch viel besser, wenn die Kinder von ihren Eltern gepflegt werden. Im Heim würden sie nie so gut behandelt wie zu Hause.

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