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Chemnitz : Die Tücke mit der Brücke

  • -Aktualisiert am

Schöner als Beton: Viele Chemnitzer wollen ihr Viadukt erhalten. Bild: Robert Gommlich

In Chemnitz soll ein mehr als 100 Jahre altes, denkmalgeschütztes Eisenbahnviadukt aus finanziellen Gründen einem Neubau weichen. Unter den Bürgern regt sich Widerstand.

          3 Min.

          Wenn Anke Morgner durch das Chemnitzer Zentrum läuft, möchte sie am liebsten die Augen schließen. „Es ist der reinste Lückenfraß“, sagt die Ärztin. „Überall wird Altes abgerissen, und zurück bleiben nichts als Brachen oder Nullachtfünfzehn-Bauten.“ Vor einigen Jahren schon war die Stadt in die Kritik geraten, weil sie mit Fördermitteln des Programms „Stadtumbau Ost“ Hunderte leerstehende Gründerzeithäuser schleifen ließ. Viele Chemnitzer schmerzte das, hat doch der Zweite Weltkrieg wie in beinahe jeder deutschen Großstadt auch hier nur wenig übrig gelassen: Mehr als 90 Prozent der Innenstadt lagen in Trümmern.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Chemnitz war freilich nie eine Barock- oder Renaissancestadt, sondern eines der Zentren der industriellen Revolution in Deutschland, galt gar als das „sächsische Manchester“. Eines der wenigen baulichen Zeugnisse, die aus dieser Zeit übrig geblieben sind, ist ein filigran gefertigter Eisenbahnviadukt, der Bestandteil der „Sachsen-Franken-Magistrale“ zwischen Dresden und Nürnberg ist. Mehrere Straßen, Tramgleise sowie das Flüsschen Chemnitz überbrückt die elegante 250 Meter lange genietete Stahlkonstruktion, über die täglich nach wie vor zahlreiche Züge fahren. Mit seinen Fachwerkbögen und Balkenträgern prägt der Viadukt das Chemnitzer Stadtbild seit mehr als einem Jahrhundert. Schlanke Stahlsäulen stützen die Konstruktion, und aufwendig gearbeitete Geländer sowie Zierbleche mit Blumenornamenten zeugen davon, dass es der Königlich Sächsischen Staatseisenbahn und der Stadt Chemnitz als Bauherren 1901 nicht nur ums Überbrücken, sondern auch ums Repräsentieren ging.

          Zwei Kriege überstand der Viadukt, doch gegen den Bund hat er keine Chance

          Mehr als 100 Jahre später bestimmen freilich andere Prämissen das Bauen. Zwei Weltkriege und den Sozialismus hat der Viadukt unversehrt überstanden, doch gegen die Bundesrepublik Deutschland hat das Bauwerk nach Lage der Dinge keine Chance. Jetzt will die Deutsche Bahn, nach wie vor zu 100 Prozent in Staatsbesitz, das Denkmal, das ihr heute gehört, abreißen und durch einen Neubau aus Beton und Stahl ersetzen, ausschlaggebend dafür ist offenbar auch Geld: Einen Neubau fördert zum Großteil der Bund, die Sanierung des Denkmals müsste die Bahn dagegen aus ihrem Etat bezahlen.

          Anke Morgner, die einen Verein zur Rettung des Viadukts gegründet hat, würde dann wohl auch an dieser Stelle ihrer Stadt am liebsten ihre Augen schließen. „Es ist nicht so, dass wir hoffnungslose Romantiker sind, die jedes Baudenkmal verklären“, sagt sie. Doch der Viadukt ist nicht baufällig. Nach Ansicht von Stahlbaufachleuten kann er noch viele Jahrzehnte Züge tragen. Die Bahn will sich zum Thema vorerst nicht mehr äußern. Anfangs hatte sie den Viadukt für baufällig erklärt, das aber zurückgenommen. Die Sanierung sei teurer als ein Ersatzbau, teilte sie dann auf einer Bürgerversammlung mit; das Gutachten dazu ließ der Konzern ausgerechnet von jenem Ingenieurbüro anfertigen, das den Wettbewerb für den Neubau gewann.

          „Das ist nicht irgendeine Brücke“

          Freilich bedeuten historische Bauwerke für die Bahn potentiell teure Präzedenzfälle: Rund die Hälfte aller Eisenbahnbrücken in Deutschland entstanden bis zur vorletzten Jahrhundertwende, darunter viele denkmalgeschützte Bauwerke. Die Stadt Chemnitz wiederum positioniert sich nicht; im Planfeststellungsverfahren, das noch in diesem Jahr eröffnet werden soll, hätte ihre Stimme allerdings Gewicht. Wollte sie den Viadukt erhalten, könnte die Bahn sich nicht darüber hinwegsetzen. „Der Viadukt ist nicht irgendeine Brücke, sondern er hat Symbolcharakter für die Stadt“, sagt der Baubürgermeister Bernd Gregorzyk, formuliert dann jedoch: „Wir favorisieren den Erhalt, wenn es zugleich gelingt, die Magistrale wieder für den Fernverkehr zu nutzen.“

          Dahinter steckt ein Trauma: Vor zehn Jahren schnitt die Bahn Chemnitz aus Kostengründen komplett vom Fernverkehr ab. Und so vermutet manch einer jetzt gar, dass der Wiederanschluss der Stadt an die Zustimmung zum Neubau gekoppelt ist. Anke Morgner kritisiert die abwartende Haltung der Stadtpolitiker. „Das kann es doch nicht sein“, sagt auch Frank Kotzerke. Der Architekt ist Sprecher des Stadtforums Chemnitz, in dem sich Bürger gegen die Abrisswut zusammengefunden haben. Bislang sind 9000 Unterschriften für die Erhaltung des Viadukts gesammelt. Chemnitz bezeichne sich selbst als „Stadt der Moderne“, sagt Kotzerke. Doch wer immer mehr Zeugnisse der Moderne abschneide, finde sich am Ende in einer langweiligen Stadt wieder. An diesem Dienstag soll im Rathaus über das weitere Verfahren informiert werden. Die Bahn drängt: 2018 soll Baubeginn sein.

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