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Chaos in Heathrow : „Whitemare“ vor Weihnachten

Nächster verfügbarer Flug in vier Tagen Bild: AFP

Auf dem Londoner Flughafen Heathrow warten Gestrandete schon seit Tagen auf ihren Flug. Für viele wird es knapp, bis Weihnachten nach Hause zu kommen. Die Wartenden fühlen sich allein gelassen.

          Am Montag wölbt sich blassblau der Himmel über dem Chaos von Heathrow. Die Gestrandeten auf der Abflugebene des Terminals 5 können in der Ferne die Schatten des Königsschlosses von Windsor sehen. Aber die meisten haben keine Augen dafür. Ihre Blicke gehen nirgendwo hin, nicht einmal zu den Abflugtafeln, auf denen auch am Montag, dem vierten Tag in Folge, meist die Auskunft „gestrichen“ auftaucht – in der Rubrik, in der eigentlich ein Flugsteig angekündigt werden sollte.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Janos Kalman, ein Psychiater aus Budapest, hat die Nacht am gläsernen Geländer auf einer Isoliermatte verbracht, es war schon seine zweite Übernachtung im Terminal. Er war zu einer Tagung nach Oxford gereist und sollte am Samstag morgen zurück nach Ungarn fliegen. „Dann hieß es, Samstag abend, dann Sonntag, dann Montag mittag“, sagt Kalman, der trotz seines professionellen Wissens um menschliche Stimmungen die eigene Enttäuschung nicht aus seinem Gesicht vertreiben kann. Die erste Nacht sei schlimmer gewesen, da schlief er unten in der Ankunftshalle. „Da war es auch kälter.“ Niemand vom Flughafenpersonal habe sich blicken lassen. Für die zweite Nacht teilten Angestellte dann Matten, Decken, Wasser und Sandwiches aus. So um die 1000 Menschen seien in der Halle bestimmt beisammen gewesen. Aber bei der Umbuchung des Fluges habe niemand geholfen, das habe er über sein Handy mit Freunden in Budapest versucht.

          „Keiner sagt was, keiner weiß was“

          Die weitgespannte Abflughalle des Terminals von British Airways teilt sich am Montag in mehrere Zonen: Vorne an den Abfertigungsschaltern stehen die Glücklichen, deren Maschine tatsächlich an diesem Montag Heathrow verlassen soll, und laden ihr Gepäck ab. In der Mitte der Halle wartet, eingehegt von Absperrbändern, die dunkle Menge der Umbucher. „Vier bis fünf Stunden mindestens dauert es, bis wir an der Reihe sind“, sagen jene, die es bis zum Buchungsschalter geschafft haben. Sie dürfen dankbar sein, denn kurz darauf ziehen Frauen in Flughafen-Uniformen die Absperrungen vollständig zu, begleitet von Anweisungen ihres Chefs: „Passt auf, dass dahinten keiner drüberspringt!“ Stattdessen verteilen sie Handzettel. Auf ihnen stehen Internet-Adresse und Telefonnummer, umrahmt von gewundenen Verzeihungsbitten der Fluglinie: „Bitte nehmen Sie unsere ernsthaften Entschuldigungen für die Störungen entgegen, die Sie heute erleben mussten. Wir unterschätzen keineswegs die Unbequemlichkeiten, die Ihnen dadurch bereitet wurden.“

          Lager der Enttäuschten

          Der Augenschein straft diese Worte Lügen. Im Lager der Enttäuschten, die an der Rückseite der Abflughalle seit Tagen kampieren, stehen auch Manfred Steiner und sein Kollege aus Schwerin. Die beiden wollten am Sonntag zurück nach Hamburg fliegen. Stattdessen stehen sie jetzt ratlos vor ihren Notbetten, Decken und Habseligkeiten sauber zusammengelegt, und wissen nicht recht, was werden soll. „Wegen so’n bisschen Schnee“, sagt Steiner aufgebracht, und sein Freund meint: „Und keiner sagt was, keiner weiß was.“

          Auf Kaution ins verschneite London

          Flughafensprecher Andrew Teacher versucht unverdrossen, Verständnis für die Lage zu wecken. Am Samstag seien in wenigen Stunden 15 Zentimeter Schnee gefallen, und es sei eben auch mit noch so vielen Räumgeräten nicht möglich, in kurzer Zeit hunderte Parkpositionen für Flugzeuge freizuschaufeln. Als Indiz dafür, dass nicht der Mangel an Schneepflügen und Personal in Heathrow die Schuld tragen, fügt der Sprecher den Hinweis an, das Fußballstadion des Erstliga-Clubs FC Chelsea habe am Sonntag wegen des Schnees ja auch geschlossen werden müssen. Und dann sagt er noch, immerhin habe der Flughafenbetreiber an allen Terminals kostenlose W-Lan-Verbindungen freigeschaltet, damit sich die Gestrandeten über Alternativrouten informieren können.

          Für Alex, Andrea, Calcie und Chris, allesamt Studenten aus Chicago, ist das kostenlose Internet zwar keine Rettung, aber immerhin ein Zeitvertreib. Sie haben ihre Gepäcktrolleys wie eine Wagenburg um die Matten und Decken gestellt, die seit zwei Nächten ihr Zuhause sind. Der nächste verfügbare Flug nach Amerika, der ihnen zugesagt wurde, soll in vier Tagen von Heathrow abgehen: an Heiligabend. British Airways habe ihnen Gutscheine angeboten, berichtet Alex, für ein Hotel am Hyde Park. Aber sie müssten dann jeden Tag wieder hinaus auf den Flughafen kommen, um einen neuen Gutschein für die nächste Übernachtung abzuholen. Sie wollen lieber weiter freiwillig im Terminal 5 gefangen bleiben, als auf Kaution ins verschneite London entlassen zu werden.

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