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Cannes : Kollaps an der Croisette

  • -Aktualisiert am

Ein Fest für die Fotografen: Quentin Tarantino und Uma Thurman Bild: AP

Während beim Filmfest von Cannes schöne Frauen und starke Männer über den roten Teppich laufen, tobt im berühmtesten Hotel an der Prachtstraße Croisette der Machtkampf: Gut ein Drittel der Belegschaft ist im Streik.

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          Normalerweise ist Jean Williams stets zu Diensten. Wenn ein Gast in Zimmer 609 des Carlton Rührei mit Tomaten und Pilzen zum Frühstück haben möchte, eilt der Page in den sechsten Stock, klopft leise an, murmelt ein "Bonjour", schiebt den Wagen in das Zimmer und verschwindet wieder, so unauffällig wie möglich.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer an diesem sonnigen Morgen aber nach einem Glas Orangensaft fragt, sollte es sich am besten gleich selbst holen. Gut ein Drittel der Belegschaft des berühmtesten Hotels an der Prachtstraße Croisette ist im Streik. Und damit auch jeder während der Filmfestspiele Notiz davon nimmt, stehen die 150 Kellner, Pagen, Köche und Zimmermädchen auf der Straße. "Carlton dans la Rue" ist ihr Motto. Sie verlangen fünf Prozent mehr Lohn. "Dem Hotel geht es gut, aber wir warten schon lange auf eine Gehaltserhöhung", sagt Jean Williams, der unentwegt Parolen in sein Megaphon brüllt, begleitet vom Trillerkonzert seiner Kollegen. Aber das Management bleibt hart. "Wir halten die Filmfestspiele nicht für den richtigen Zeitpunkt, um so etwas zu thematisieren", sagt eine Sprecherin des Hotels kühl.

          Wenn nicht jetzt, wann dann?

          Die Streikenden sehen das anders: Wenn nicht während der Filmfestspiele, wann dann? Stärker könnte man eine Institution nicht treffen, als in den wichtigsten zehn Tagen des Jahres, wenn Filmregisseure und Schauspieler in der Nobelunterkunft absteigen wie diesmal der Jury-Präsident Quentin Tarantino. Den Rest des Jahres würde die Aktion nur ein paar Touristen stören und wäre höchstens eine Lokalnachricht wert, jetzt gehen die Bilder um die Welt. Das nützt auch den Künstlern, die gegen eine Kürzung der Arbeitslosenversicherung für Freischaffende protestieren. Ihre Aktionen gelten als spektakulär und scheinen von Greenpeace inspiriert, wenn sie sich mit Frischhaltefolie an Filmplakate festbinden lassen.

          Die wenigen Schritte über den roten Teppich sind fast so wichtig wie der Film selbst, das weiß auch Emmanuelle Beart
          Die wenigen Schritte über den roten Teppich sind fast so wichtig wie der Film selbst, das weiß auch Emmanuelle Beart : Bild: AP

          Am späten Samstag nachmittag demonstrieren 500 von ihnen mit einem langen Marsch auf der Croisette, eingereiht hat sich auch der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore, der seinen Film "Fahrenheit 9/11" im Programm hat und grundsätzlich auf der Seite der Entrechteten steht. Während die Demonstranten durch die Straße ziehen, schauen die schwarzgewandeten Verkäufer der Luxusläden verschreckt durch die Fensterscheiben. Hat es jemand auf das Kristallkleid von Gucci abgesehen? Brad Pitt blickt ernst als Achilles überlebensgroß von der Fassade des Carlton herunter, die Stirn in Falten gezogen, als stünde der Aufmarsch in Troja bevor. Als am Abend ein Kino gestürmt werden soll, eskaliert die Situation tatsächlich, die Polizei setzt Schlagstöcke ein, Fenster gehen zu Bruch, am Ende gibt es drei Verletzte nach Angaben der Polizei. Fünf sind es nach Angaben der Demonstranten.

          Alles fing so heiter an

          Proteste, Streiks, Forderungen, Wut. Der Traum eines sorgenfreien Festivals ist geplatzt. Dabei fing alles so heiter an, schöne Frauen und starke Männer, die über den roten Teppich liefen, ausschweifende Partys auf den Yachten, Besucher, die lustige giftgrüne Ohren trugen, wie der Trickfilmheld Shrek, Will Smith und Angelina Jolie, die auf einem Plastikhai in der Bucht schwammen, um ihren neuesten Film zu bewerben. Lange hatten die Veranstalter gehofft, die "Intermittents", wie die protestierenden Künstler genannt werden, im Zaum halten zu können, und damit die Angst gebannt, das Spektakel müßte möglicherweise abgesagt werden, wie im vergangenen Jahr das Theaterfestival in Avignon. Nun scheint die Situation außer Kontrolle zu geraten, trotz oder gerade wegen der 600 Polizisten, die im Einsatz sind. Ministerpräsident Jean-Pierre Raffarin hatte Ende vergangener Woche verlauten lassen, daß er sich nicht erpressen lasse, wenn das Festival als Druckmittel benutzt werde.

          In der Marmorhalle des Carlton versuchen die Mitarbeiter an der Rezeption, Ruhe zu bewahren. Schweißperlen stehen auf der Stirn der Empfangsdame, die Bewegungen sind hektischer als sonst, das "Oui Madame" wie ein kurzer Peitschenhieb, es gilt, die Klagen der Gäste klaglos entgegenzunehmen. An der Säule lehnt ein indischer Geschäftsmann mit mürrischem Blick. "Als ich gestern ankam, mußte ich zehnmal unten anrufen, bis mir ein Page das Gepäck nach oben brachte." Room-Service fordert er gar nicht erst an, die Hotelleitung hat darum gebeten, zum Speisen nach unten zu kommen. Aber auch hier gibt es Engpässe, denn die Brasserie im rechten Erdgeschoß mußte wegen der Streiks geschlossen werden.

          Bleiben müssen die Gäste ohnehin

          Das billigste Zimmer im Carlton kostet 198 Euro, die teuerste Suite mit 400 Quadratmetern 6800 Euro. "Ich habe gefragt, warum man nicht mit dem Preis runtergeht, wenn der Service so schlecht ist", berichtet der Geschäftsmann. Doch das Management gibt auch in diesem Fall nicht nach. Bleiben müssen die Gäste ohnehin, denn alle Hotels in Cannes sind ausgebucht. Dem Ruf des Carlton, das 1912 erbaut und vor vier Jahren von dem Hotelkonzern Intercontinental übernommen wurde, könnte das durchaus schaden, schließlich ist man perfekten, unsichtbaren Service gewohnt.

          Der Anblick aufgebrachter Mitarbeiter vor der Kulisse des Belle-Époque-Baus, wo sich sonst leichtbekleidete Blondinen tummeln, wirkt wenig mondän. Schon spricht man von der grundsätzlichen Krise der Luxushotels in Cannes, denn gerade wurde bekannt, daß das benachbarte Noga Hilton wegen wirtschaftlicher Probleme versteigert werden soll. Die Streikenden wollen bis zum Ende der Festspiele am nächsten Sonntag ausharren, sollte sich der Hotelmanager nicht zu Gesprächen bereit erklären. "Wir werden sehen, wer den längeren Atem hat", sagt der Page Jean Williams. Die Sonne über Cannes kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß ein Schatten über dem Festival liegt und irgendwo in einer Suite im sechsten Stock womöglich ein Gast sitzt und vergeblich auf seinen Champagner wartet.

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