https://www.faz.net/-gum-8ie1u

Integration : Sprachlos in Deutschland

  • -Aktualisiert am

In Deutschland angekommen: Integrationskurse sollen Migranten helfen, doch es fehlt an Geld. Bild: dpa

Die Bundesregierung will das Angebot an Integrationskursen massiv ausweiten. Doch vielerorts sind die Wartelisten lang – weil die Ausbilder fehlen. Dem Beruf als Integrationslehrer fehlt es an Perspektive.

          Verkehrte Welt in einem hellen Saal der Volkshochschule Wiesbaden: An einem Freitagnachmittag werden Lehrer hier zu Schülern. „Wie erkläre ich einem Iraker oder Syrer, der kein Deutsch kann, was die Wörter ‚Zug‘ oder ‚Tasse‘ bedeuten?“ Ana Arambašić, klein und blond, schaut fragend in die Runde. 14 Frauen starren zurück, eine hebt schließlich zögerlich die Hand: „Mit Bildern?“ „Ja, ganz richtig, durch Fotos und Bilder zum Beispiel“, antwortet Arambašić und notiert den Gedanken mit einem bunten Filzstift auf einem Flipchart. „Wie noch?“ Abgefragt werden, das ist neu für die Teilnehmerinnen der Fortbildung. Normalerweise sind sie es, die die Fragen stellen und eigene Schüler prüfen. Nun sitzen sie selbst im Stuhlkreis und müssen pauken. Ihr Ziel ist es, zu lernen, wie sie Migranten erfolgreich Deutsch beibringen.

          Während in Wiesbaden der Aufbau eines neuen Wortschatzes geprobt wird, sind auf Bundesebene viel größere Bauarbeiten im Gange: Nachdem 2015 eine Rekordzahl an Flüchtlingen nach Deutschland gelangt ist, müssen die Menschen, die bleiben dürfen, möglichst schnell eingegliedert werden. Wichtigstes Werkzeug sind dabei die Integrationskurse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Die aber haben sich zu einem Nadelöhr des Verfahrens entwickelt. Denn statt der einstmals für 2016 veranschlagten 300.000 sollen nun 550.000 Menschen die Kurse besuchen – dreimal so viel wie 2015. Das ist eine erhebliche Belastung insbesondere für die Volkshochschulen, die etwa 40 Prozent der Klassen veranstalten. Resultat: „Die Volkshochschulen wissen nicht mehr, wo hinten und wo vorne ist“, sagt Barbara von der Meden vom hessischen Volkshochschulverband.

          Neue Zielmarke

          Grund für die neue Zielmarke für die Kurse, die Zuwanderern seit 2005 ausreichend Deutsch für den Arbeitsmarkt und die wichtigsten Eckpunkte des Grundgesetzes beibringen sollen: Bisher saßen dort vor allem Einwanderer aus anderen EU-Staaten sowie anerkannte Asylbewerber und Familienmitglieder bereits hier lebender Ausländer. Doch angesichts der Flüchtlingskrise hat die Regierung erkannt, dass Integration schneller passieren muss, als die Mühlen des Asylapparats mahlen. Deshalb werden jetzt auch Flüchtlinge mit einer guten Bleibeperspektive zugelassen, also Einwanderer aus Eritrea, Irak, Iran und Syrien. Sie haben erfahrungsgemäß die größten Chancen auf Anerkennung ihrer Asylanträge.

          Ebendeshalb ist der Bedarf an Kursleitern in vielen Kommunen immens, und das bundesweit. Dabei müsste es genug Lehrkräfte geben: 32.000 Integrationslehrer hat das Bamf bereits zertifiziert, davon allein 16.000 in den vergangenen anderthalb Jahren. Doch laut Deutschem Volkshochschulverband treten bis zu 90 Prozent der vom Bamf qualifizierten Kursleiter den Job in Integrationsklassen gar nicht an – oder hängen ihn früh an den Nagel zugunsten von attraktiveren Festanstellungen. Vor allem reguläre Schulen buhlen um die Lehrer; in den letzten beiden Jahren sollen nach offiziellen Schätzungen 325.000 Flüchtlinge im Schulalter nach Deutschland gekommen sein.

          Weitere Themen

          Indien fliegt zum Mond Video-Seite öffnen

          „Chandrayaan-2“ : Indien fliegt zum Mond

          Indiens Rakete mit der Sonde Chandrayaan-2 ist erfolgreich gestartet. Vor einer Woche war die Mission knapp eine Stunde vor dem Start noch wegen eines technischen Problems abgebrochen worden.

          Topmeldungen

          Spahns Notfallplan : Fast schon verdächtig viel Zustimmung

          Der Gesundheitsminister will Kassenärzte und Krankenhäuser zur Zusammenarbeit zwingen – und erhält dafür Lob von allen Seiten. Doch bei der Umsetzung sperren sich die Verantwortlichen noch.
          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.