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Integration : Sprachlos in Deutschland

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Heterogene Gruppe

Doch den Traum von der Festanstellung teilen nicht alle Betroffenen. Die Gruppe angehender Integrationslehrer ist so heterogen wie die Zielgruppe ihrer Kurse: Frauen in den Zwanzigern und im Rentenalter sitzen hier, längst nicht alle sind studierte Pädagoginnen. Die 700 bis 1400 Euro Gebühr für die Fortbildung zahlt mal ein Kulturverein, mal die Arbeitsagentur, mal der Teilnehmer selbst. Zurückerstattet wird das Geld nur, wenn sie sich in absehbarer Zeit nicht – wie Julia Maas – abwerben lassen. Auf dem freien Markt hat sich die Zusatzqualifikation des Bamf längst zum Gütesiegel entwickelt.

In der Sprache liegt der Schlüssel zur Integration: Vielen Migranten fehlt die Möglichkeit an Kursen teilzunehmen.

Die Fortbildung fordert den Teilnehmern viel ab. Didaktikeinheiten, Unterrichtsplanung und zielorientiertes Arbeiten mit Menschen unterschiedlicher Kulturen stehen auf dem Lehrplan. „Es ist mehr Aufwand als gedacht“, sagt eine Teilnehmerin. „Wir arbeiten ja auch fast alle nebenbei. Ein bisschen erinnert es mich an die Uni.“ Viele von ihnen leiten schon jetzt unter der Woche die Kurse, für die sie parallel erst ausgebildet werden. Um dem akuten Lehrkraftmangel zu begegnen, hat das Bamf seine Anforderungen gelockert: Jetzt reicht es schon, die Zusatzqualifikation anzustreben, um vor eine Integrationsklasse zu treten. Die absolvierte Fortbildung muss erst bis Jahresende nachgereicht werden.

Zeitgleich lässt das Bamf auch immer mehr Bewerber aus Berufsgruppen zu, die wenig bis keine Erfahrung mit Sprachenunterricht oder noch nie vor einer Klasse gestanden haben. Ausbilder berichten von Krankenschwestern, Sport- und Chemielehrern, die sich inzwischen für Schnellkurse zum Deutschdozenten eintragen wollten. Inzwischen lehnt das Bamf aus der Masse der Quereinsteiger jeden vierten ab. „Da kommen teilweise Leute aus unseren Qualifikationen, die ich selbst nicht als Deutschlehrer anstellen würde“, erklärt die Leiterin eines Instituts, das sowohl Kursleiter ausbildet als auch Integrationskurse durchführt. „Es zeigt sich dann: Diesen Job kann eben doch nicht jeder.“ Die Zugeständnisse des Bamf sind eine Notlösung. „Natürlich geht das zu Lasten der Qualität“, sagt Matthias Jung, Vorsitzender des Fachverbands Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. „Weniger geeignete Lehrkräfte bedeuten negative Folgen für Motivation und Lernerfolg der Migranten.“

„Das ist ein echter Beruf“

Die Wiesbadener Ausbilderin Arambašić hofft trotzdem, dass sich das Engagement ihrer Teilnehmer auszahlt, wenn sie den Stuhlkreis in einigen Wochen als zertifizierte Kursleiter verlassen. „Die Integrationslehrer brauchen einfach gesellschaftliche Anerkennung für das, was sie tun“, sagt sie. „Das ist ein echter Beruf, harte Arbeit. Und wenn ich abends heimkomme, bin ich müde.“

Unter ihren Kandidatinnen sind auch Frauen, die einst selbst nach Deutschland eingewandert sind, aus der Ukraine und Rumänien zum Beispiel. Sie wollen ihre Erfahrung mit der Ankunft in Deutschland an die nächste Generation von Zuwanderern weiterreichen. Eine Teilnehmerin ist sicher: „Wir können mit dieser Arbeit wirklich etwas bewirken.“ Dass die angehenden Deutschlehrerinnen selbst mit Akzent sprechen, ist inzwischen auch vom Bamf abgesegnet: Seit kurzem verpflichtet es die Leiter seiner Kurse nicht mehr dazu, selbst deutsche Muttersprachler zu sein; das hohe Fremdsprachler-Niveau C1 soll dafür ausreichen. So gibt es den Neuankömmlingen die Gelegenheit, sich selbst davon zu überzeugen: Die Integration kann gelingen. Und so herb die deutsche Sprache für manche Ohren klingen mag, lernen kann man sie doch.

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