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Integration : Sprachlos in Deutschland

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Planungssicherheit und Geld fehlen

Julia Maas hat den Integrationskursen den Rücken gekehrt – aus wirtschaftlichen Gründen. Sie unterrichtete dort jahrelang Deutsch, bis es ihr irgendwann reichte. „Es kam einfach nichts dabei rum, rein finanziell“, sagt sie. „Und auf Dauer konnte auch keine Planungssicherheit entstehen.“ Heute unterrichtet Maas an einer privaten Grundschule. Insbesondere die Vorteile einer Festanstellung – Lohnfortzahlungen, Urlaubszeit und ein Arbeitgeber, der sich an Sozial- und Rentenversicherung beteiligt – entlasten sie. „Ich muss nicht mehr wie besessen arbeiten, weil ich denke: Vielleicht bin ich nächsten Monat krank und verdiene gar nichts.“ Wenn sie heute noch Deutschunterricht für Einwanderer gibt, dann nur noch ehrenamtlich. „Die Politik sagt immer, Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Aber sie wird erst aufwachen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist“, sagt Maas heute. „Und das wird nicht mehr lange dauern.“

Über eine halbe Million Migranten sollen dieses Jahr in Integrationskursen unterkommen: Illustration aus einem Lehrbuch über das „Leben in Deutschland“.

Um überhaupt als Integrationslehrer arbeiten zu können, müssen viele Bewerber Fortbildungen wie die in Wiesbaden absolvieren. Das Bamf schreibt diese Zusatzqualifizierung vor: Wer keinen Studienabschluss in Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache oder eine vergleichbare Qualifikation hat, bekommt hier innerhalb weniger Wochen oder Monate einen Abriss dessen vermittelt, was im Regelfall fünf Jahre Hochschulstudium bedeutet. Doch die Plätze der 18 vom Bamf zertifizierten Ausbildungsstätten, die es deutschlandweit gibt, sind ausgebucht. Inzwischen sind die Wartezeiten für potentielle Kursleiter länger als die für die Teilnehmer von Integrationskursen. Wer sich um eine Ausbildung bemüht, muss sich fast überall bis zum Frühjahr 2017 gedulden. „Die meisten unserer Teilnehmer warten seit Anfang 2015 auf einen Platz“, sagt Vera Seibel, die den Lehrgang in Wiesbaden an der Seite von Arambašić leitet. Die Institute, die die Qualifizierungen vornehmen, haben längst die Grenze ihrer Kapazitäten erreicht. Ihnen fehlen nicht Bewerber, sondern Referenten für die Weiterbildungen – Lehrer für die angehenden Lehrer. Noch so ein Nadelöhr.

Schlechte Aussichten auf ständige Bezahlung

Ist der Bewerber aber erst mal ausgebildet, findet sich auch ein Job. Nur: „Die Aussichten auf eine anständige Bezahlung sind schlecht“, sagt eine der Integrationslehrerinnen in spe. „Meine Hoffnung ist, dass sich das ändert.“ 23 bis 25 Euro erhielten die Kursleiter bisher pro Unterrichtseinheit, Vor- und Nachbereitung nicht eingeschlossen. Dass das zu wenig ist, um qualifizierte Kandidaten zu binden, hat die Politik eingesehen: Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat beschlossen, den Betrag auf 35 Euro zu erhöhen. Das umzusetzen liegt jetzt beim Innenministerium. Doch bis jetzt soll der Etat nicht aufgestockt werden: Die 559 Millionen Euro, die einst für 300.000 Kursplätze ausgelegt waren, sollen auch für 550.000 reichen. Ein Ministeriumssprecher hält das für „auskömmlich veranschlagt“; man wolle bei Bedarf nachsteuern.

Lehrerinitiativen sehen das Versprechen höherer Honorare trotzdem mit Skepsis. „Selbst wenn diese Erhöhung wirklich kommt, wird das nicht reichen“, sagt beispielsweise Stephan Pabel vom Bonner Offenen Kreis. „Was wir wollen, sind Festanstellungen, wie sie Berufsschullehrer haben. Wir haben schließlich ähnliche Aufgaben.“ Dass etwa manche seiner Kollegen ihr Einkommen durch Hartz IV aufstocken müssten, sei nicht hinnehmbar. „Wir sind quasi Sub-Sub-Subunternehmer des Innenministeriums und des Bamf.“ Pabel hofft auf eine tarifliche Bezahlung, mindestens 3000 Euro Bruttogehalt und eine maximale Arbeitsbelastung von 39 Stunden pro Woche.

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