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Bundesgartenschau : Grüne Ekstasen und dann eine Maß

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Unter dem Motto „Perspektivenwechsel” erwarten Besucher ungewöhnliche Blickwinkel auf die Natur Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wer wollte nicht einmal ein Maulwurf sein? Ungesehen sich sein Weg bahnen, ohne Gefahr, sich einen Sonnenbrand zu holen. In München steht von Donnerstag an diesem Erlebnis nichts mehr im Wege - wenn die Bundesgartenschau ihre Pforten öffnet.

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          Wer wollte nicht einmal ein Maulwurf sein? Ungesehen sich sein Weg bahnen, ohne Gefahr, sich einen Sonnenbrand zu holen - das müßte doch eine Wonne sein. In München steht von Donnerstag an diesem Erlebnis nichts mehr im Wege, wenn die Bundesgartenschau ihre Pforten öffnet. Zu ihren Attraktionen gehört ein Maulwurfshügel in zwanzigfacher Vergrößerung, mit einem begehbaren Gang- und Höhlensystem. Zumindest das Seelenleben des schwarzen Gesellen mit seinen großen Grabhänden kann der Besucher darin nachempfinden; eigene Wühlversuche müssen bis zur Rückkehr in den heimischen Garten warten.

          Nicht nur im Maulwurfshügel soll der Besucher der Bundesgartenschau in München, der "Buga 05", neue Sichtweisen auf die Natur gewinnen; der Perspektivenwechsel ist das gestalterische Grundprinzip, dem sich ihre Planer verschrieben haben. So hat sich auch ein Riesenvogel auf die Bundesgartenschau verirrt und ein kunstvolles Nest aus Baumstämmen, Ästen und Reisig gebaut. Mancher Besucher dürfte, wenn er um die fünf großen Eier streicht, die durch die aufwendige Konstruktion geschützt werden, ängstlich nach oben schauen, ob nicht der Nestbauer mit erzürntem Flügelschlag zurückkehrt.

          Gärtnerisches Wunderland

          Es ist ein gärtnerisches Wunderland entstanden auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen München-Riem, der 1992 stillgelegt worden ist. Selbstverständlich auch für den Besucher, den allein schon der Anblick von Vergißmeinnicht, Goldlack, Mohn und Gänseblümchen verzaubert und der gar nicht der Sprünge zwischen Mikro- und Makrokosmos bedarf, um in grüne Ekstase zu geraten.

          Ein Gärtner verpaßt den Blumen einen letzten Schliff

          Den Besucher also, der lieber nicht in die Lage einer Ameise versetzt werden will, die sich in mal sandigen, mal moosigen, mal nassen Fugen ihre Weg bahnen muß und unversehens auf ein Sperrwerk aus Weidenschößlingen stößt, wie es in einem anderen der vielen Einzelgärten der Bundesgartenschau geschieht, in dem riesige Betonblöcke und ein überdimensionaler begehbarer Pflasterstein auf Eroberernaturen warten.

          Ehrwürdige Tradition

          In München wird eine ehrwürdige Tradition spielerisch interpretiert: Seit mehr als fünfzig Jahren verwandeln Bundesgartenschauen Brachflächen und Industrieareale in blühende Landschaften. Und zwar auf Dauer: Das Logo der Gartenschau geht mit den Herbststürmen, die Parks bleiben. Der Britzer Garten in Berlin, der Rheinauenpark in Bonn, das Grüne U in Stuttgart - die grüne Ahnenreihe ist lang und ansehnlich. In München-Riem, wo einst Flugzeuge starteten und landeten, hat eine dreigeteilte Metamorphose stattgefunden: Die Münchner Messe wurde dorthin verlagert, Wohn- und Gewerbegebiete ausgewiesen und ein großer Landschaftspark geplant.

          Die Idee, diese Planung mit einer Bewerbung für eine Bundesgartenschau zu verbinden, hatte schon für den Kämmerer der Stadt München ihre Reize. Für den Landschaftspark stehen 65 Millionen Euro zur Verfügung, davon 6,4 Millionen Euro als Zuschuß vom Freistaat Bayern. Die Bundesgartenschau, die gleichsam im Landschaftspark ein Gastspiel gibt, kostet noch einmal 41 Millionen Euro; die Stadt trägt davon 7,7 Millionen Euro, der Rest wird durch Pachtverträge, Eintrittsgeld und Sponsoren finanziert.

          Reizvolle Kombination

          Die Münchner Bewerbung für die Bundesgartenschau diente aber nicht nur der finanziellen Ökologie der Stadt; es bot sich auch die Möglichkeit einer reizvollen Kombination unterschiedlicher Kulturen in der Landschaftsarchitektur. Einen ersten Wettbewerb für den 200 Hektar umfassenden Landschaftspark gewann der Pariser Gilles Vexlard, der einen Kontrapunkt zum ehrwürdigen Englischen Garten setzte, immer noch das grüne Herz Münchens, wo die Spaziergänger auf geschwungenen Wegen und weiten Wiesenflächen sich in einem Landschaftsgemälde des 19. Jahrhunderts wähnen können. Den Riemer Landschaftspark prägen lange Wegeachsen, klare Kanten, gerade Linien; selbst die Ufer des neu- geschaffenen Badesees verbergen nicht ihre Geburt auf dem Reißbrett.

          Den Wettbewerb für die Gestaltung der Bundesgartenschau entschied der Münchner Rainer Schmidt für sich. Sein Leitmotiv des Perspektivenwechsels erschüttert immer wieder die Wahrnehmungsgewohnheiten des Besuchers - etwa durch Gärten, die Strukturen von Pflanzen nachempfunden sind, wie sie sich unter dem Mikroskop unter starker Vergrößerung darbieten. Die Zellwandstruktur einer Alge ist so zu einem gärtnerischen Kunstwerk geworden - mit geneigten Rasenflächen, die von Feldern mit Stauden, Gräsern und duftenden Kräutern durchsetzt sind.

          Kühne Metamorphosen

          Wem von solch kühnen Metamorphosen der Kopf schwirrt, kann leicht wieder die angemessene Erdung gewinnen. Er kann sich informieren, wie sich sein Schrebergarten zur "Wellnessoase" aufwerten läßt, selbstverständlich mit "Wellnesslaube" aus naturbelassenem Lärchenholz. Aber auch wer weder einen Schreber-, pardon Wellnessgarten hat noch in seinem heimischen Schloßgarten von seiner Gärtnermannschaft das Stützgewebe des Sprosses der Weißen Taubnessel oder die Blattunterseite der Sumpfdotterblume mit ihren Epidermiszellen nachbauen lassen kann, kommt nicht zu kurz.

          Denn auch das ökologische Sehnsuchtsland des kleinen Mannes, das wunderbare Balkonien, findet sich auf der Bundesgartenschau. Mit vielfältigen Anregungen, wie auch auf kleinem Raum das grüne Ego entfaltet werden kann - sei es mehr utilitaristisch orientiert, mit möglichst großen Erträgen an Tomaten und Basilikum, sei es mehr dem Hedonismus verpflichtet mit Liegestuhl und Springbrunnen. Das Dolce far niente muß auf der Bundesgartenschau ohnehin nicht vernachlässigt werden, denn selbstverständlich fehlt nicht die in Bayern beliebteste Gartenart - der Biergarten. Gestärkt mit einer kühlen Maß und einem Hendl, kann dort ganz in Ruhe nachgedacht werden - über das Leben als Maulwurf, als Riesenvogel und als Gartenschaubesucher.

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