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Bundes-Barkeeper geht in Rente : „Die vertrauenswürdigste Person im Bundestag“

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Osvaldo Cempellin kellnerte in der Parlamentarischen Gesellschaft, einer Art Club, der allein Abgeordneten vorbehalten ist Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

So diskret, wie er als Barkeeper im Bundestag war, so geht Osvaldo Cempellin nach 40 Jahren auch. Nicht einmal ein Foto möchte er von sich veröffentlicht sehen. Bei ihm wurde Politik gemacht - jenseits der Kameras.

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          Den Menschen „draußen im Lande“ ist er unbekannt geblieben. Es gibt keine Filme über ihn, kaum Bilder, und weil er aus einer tief vergangenen Zeit stammt, auch so gut wie keine Einträge bei Google. Er hat sich nicht in den Vordergrund gedrängt und will wenig Aufhebens von sich machen – anders als Scheinprominente seiner Zunft auf Sylt oder sonst wo. Doch er hat zu den Stützen der Republik gehört, zu den Trägern des politischen Systems, zu den wenigen Konstanten der Bundesrepublik Deutschland. Nicht einmal Wolfgang Schäuble, der als einziger der Abgeordneten nun in der elften Legislaturperiode Mitglied des Deutschen Bundestages ist, seit 1972 also, kann auf eine solch lange Arbeit im Parlament zurückblicken. Als Schäuble kam, war Osvaldo Cempellin schon zwei Jahre da. Er schien ewig zu sein. Osvaldo Cempellin war der Barkeeper im Bundeshaus am Rhein und dann in der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin – gegenüber dem Reichstagsgebäude. Er war eine Institution. Manche nennen ihn die „vertrauenswürdigste Persönlichkeit des Deutschen Bundestages“. An diesem Donnerstagabend wird sein letzter Arbeitstag zu Ende gehen. Er wird gefeiert werden.

          Eigentlich niemand spricht Osvaldo Cempellin mit „Herr Cempellin“ oder auch nur mit „Osvaldo“ an. Wer seine Arbeit und ihn als Person schätzt, sagt „Ossi“ zu ihm, nicht „Herr Ossi“, sondern „Ossi“. Das klingt scheinbar plump vertraulich. In Wirklichkeit ist die Anrede voll freundlichem Respekt – bar jeder Hochnäsigkeit oder Herablassung. Und Ossi umgibt sich nicht mit der Aura eines Barkeepers, der alles besser weiß, bloß weil er die Mächtigen kennt und sogar deren Vorgänger. Auch er ist nicht plump vertraulich. Er pflegt den ihm entgegengebrachten Respekt zu erwidern.

          Aus Liebe in die Bundeshauptstadt

          Osvaldo Cempellin stammt aus dem Friaul, wo er in der Gemeinde Cordenons am 30. November 1944 geboren wurde. Überliefert ist, er habe das Fachabitur in Chemie gemacht. Doch den Ladiner zog es hinaus, als Steward italienischer Passagierschiffe der Reederei Costa und dabei auf der damals neuen „Flavia“. Er kam in der Welt herum, ohne, wie er erzählen kann, von der Welt etwas zu sehen. Der Liebe wegen geriet der junge Mann nach Deutschland, in die Bundesrepublik, in die Bundeshauptstadt. Das war 1970, genauer am 10. Oktober 1970. Ossi kellnerte erst im – damals auch neuen – „Langen Eugen“, dem nach dem kleinen Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier benannten Abgeordnetenhochhaus. Willy Brandt war da ein Jahr lang Bundeskanzler, und die Opposition wurde von Rainer Barzel geführt. Es heißt, Ossi habe nur kurz am Rhein bleiben wollen. Er blieb bis 1999. Die Verhältnisse zogen ihn an die Spree. 40 Jahre wirkte er am Regierungssitz, was zwei Drittel der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ausmacht.

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