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Bulgarien : Die Kyrillisierung Europas

Kyrillisch, wohin man schaut: Zwei Frauen vor einem Imbiß in in Kosloduj Bild: Anna Mutter

Bulgarien bringt bei ihrem EU-Beitritt nicht nur eine zusätzliche Sprache, sondern auch eine ungewohnte Schrift mit nach Brüssel. Den Bulgaren bereitet vor allem eines Kopfzerbrechen - Wie sollen sie die Gemeinschaftswährung nennen?

          Bis zum EU-Beitritt Bulgariens dauert es zwar nur noch wenige Tage, die Aufnahme in die Eurozone hingegen dürfte noch Jahre auf sich warten lassen. Die Bulgaren machen sich vorsichtshalber aber jetzt schon einige Sorgen darum. Sie kreisen vor allem um die Frage, wie die gemeinsame Währung im Bulgarischen genannt werden soll - schließlich bringt das Land nicht nur eine zusätzliche Sprache, sondern auch eine ungewohnte Schrift mit nach Brüssel. Im vergangenen Monat warb Nikolaj Wassilew, Sofias Minister für Staatsverwaltung, ebendort für den Standpunkt seiner Regierung, der Euro müsse bei den Bulgaren „Ewro“ (kyrillisch: „EBPO“) heißen dürfen. Da die Gemeinschaftswährung bei der bulgarischen Bevölkerung unter dieser Bezeichnung bekannt ist, will die Regierung eine Abweichung von der im Einzugsbereich der lateinischen Schrift üblichen Schreibweise durchsetzen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Dabei beruft sie sich auf einen Präzedenzfall aus der direkten Nachbarschaft. Schließlich gibt es seit 2001 auch die hellenische Variante der Währung: Den „EYP Ω“ samt betörend schönem Omega am Ende, zum Beispiel in Form der Athener Ein-Euro-Münzen mit einer Eule auf dem Revers, die den wachsamen Blick der EU-Statistikbehörde Eurostat auf die griechischen Rechentricks zur Einhaltung der Stabilitätskriterien symbolisieren soll. In einem Kommentar des bulgarischen EU-Pressezentrums, das von der Regierung damit beauftragt wurde, Bulgarien in der EU bekannter zu machen, hieß es zur Frage der kyrillischen Euro-Bezeichnung unlängst, der Euro müsse auf bulgarisch zum Ewro werden, weil dies seit Jahren die einzige Art ist, in der acht Millionen Bulgaren den Namen der gemeinsamen europäischen Währung schreiben und aussprechen. Das Plädoyer gipfelte in einer recht eigenwilligen Aufzählung: „Wir sagen auch Ewropa für Europa, Ewgenij für Eugen und Ewtanasia für Euthanasie.“

          Initiative „Verständliches Bulgarien“

          Bis der Beitritt zur Ewrozone unmittelbar bevorsteht, gibt es zwischen der EU und Bulgarien indes noch einige dringendere Schwierigkeiten mit dem sperrigen neuen Alphabet zu lösen. Bei der Transliteration der bulgarischen Variante des Kyrillischen herrscht bislang nämlich ein großes Durcheinander, das oft am Beispiel des Namens der Donaustadt Russe - auch Ruse oder Rousse - veranschaulicht wird. In Landkarten und auch auf Straßenverkehrshinweisen sind die Bezeichnungen nicht eindeutig, obschon es Gegenden gibt, wo der Bulgarien allein Bereisende selbst für wissenschaftlich ungenau transkribierte Anhaltspunkte dankbar wäre, besonders an manchen Kreuzungen auf dem Lande, die den suchenden Autofahrer gar nicht erst durch störende Beschilderung verwirren.

          Zeitungsverkäuferin am Straßenrand in Sofia

          Uneinheitlich fällt die Transkription vor allem dort aus, wo aus einem Buchstaben bestehende lateinische Entsprechungen zu bulgarischen Lettern fehlen, zum Beispiel im Fall des „scht“ (sieht aus wie eine Gabelspitze mit einem kleinen Zacken an der Seite), des „ja“ (ein umgeklapptes großes R) oder des „ju“ (ein von der Seite betrachteter Korkenzieher, im Korken steckend). Im August haben das Institut für bulgarische Sprache, die bulgarische Akademie der Wissenschaften und das Staatsverwaltungsministerium des erwähnten Ministers Nikolaj Wassilew - der sich auf englisch Nikolay Vassilev schreibt - deshalb die Initiative „Verständliches Bulgarien“ ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, eine einheitliche Transkription durchzusetzen in Bulgarien, dessen Landesname sich laut Aussage von Staatspräsident Parwanow (englisch Purvanov) 9400 Millionen Mal bei der Internetsuchmaschine „Google“ findet. Allerdings wird der Suchende dort auch 106 000 Mal fündig, wenn als Suchwort „Balgarija“ eingegeben wird, und immerhin 46.300 Mal bei „Balgaria“.

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