https://www.faz.net/-gum-7ujqo

Doktortitel-Affäre auf dem Land : Promovieren auf Transsilvanisch

Jednotne spolocnosti: Bürgermeister Dr. Heinrich Götz und Haigerloch Bild: Fricke, Helmut

Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan und jetzt Heinrich Götz? Der promovierte Bürgermeister von Haigerloch will hoch hinaus, doch seine Titelhuberei könnte ihm zum Verhängnis werden.

          5 Min.

          Das Bild im Besprechungszimmer des Haigerlocher Bürgerhauses zeigt einen surrealen Wald. Bürgermeister Heinrich Götz erzählt über seine Stadt am Rande der Schwäbischen Alb: die neuen Gewerbegebiete, den schweren Wohnhausbrand, den Niedergang der Schlossbrauerei. Dann sagt er einen Satz, der so surreal ist wie das Gemälde, vor dem er sitzt: „Was hat die Quantenmechanik schon herausgefunden? So gut wie nichts. Die theoretische Physik ist auch nicht der Nabel der Welt.“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Bürgermeister von Kleinstädten äußern sich normalerweise nicht abwertend über Quantenmechanik. Götz aber liefert sich seit mehr als zwei Jahren mit dem Hamburger Physikprofessor Michael Thorwart einen bizarren Streit darüber, wie seine Doktorarbeit zustande gekommen ist. „Promovieren auf Transsilvanisch“, heißt ein Aufsatz des Physikers, der demnächst in der Zeitschrift „Kritische Justiz“ erscheinen soll.

          Darin wirft Thorwart dem Bürgermeister vor, auf unzulässige Weise seine Doktorarbeit an der staatlichen slowakischen Universität Mateja Bela in Banská Bystrica zusammengeschustert zu haben – ohne wissenschaftliche Erkenntnis. Die Zeitschrift hat eine entscheidende Rolle bei der Entlarvung der Plagiate des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg gespielt. Und auch in der Provinz wirken Diskussionen über gekaufte Titel oder mutmaßliche Plagiate als politisches Gift – besonders kurz vor dem Bürgermeisterwahlkampf.

          Slowakische Wissenschaft: zwei oder drei Mal in der Uni

          Haigerloch liegt in einem romantischen Muschelkalktal des Flüsschens Eyach. Das Renaissance-Schloss, das Graf von Hohenzollern-Haigerloch bauen ließ, thront über dem Tal mit seinen steilen Schluchten. Über den schnell erworbenen Doktortitel regen sich die Bürger eigentlich gar nicht so auf, aber den Ehrentitel seines Vorgängers, „König vom Eyachtal“, werden sie Götz so schnell wohl nicht verleihen. Seine Partei, die CDU, hätte ihn fast nicht zur Kreistagswahl aufgestellt.

          Denn der Stadt könnte es besser gehen. Eine alte Samentrocknungsfabrik schimmelt baufällig vor sich hin. Das Restaurant eines Sternekochs musste schließen. Auf den alten Leuchtreklameschildern der lange schon insolventen „Haigerlocher Schlossbrauerei“ wuchert Moos. 14 Millionen Euro Schulden hat die Stadt.

          Götz musste einige Altlasten seines Vorgängers beiseiteräumen. Richtig vorangekommen ist er aber nicht. Obwohl der Bürgermeister einen gewissen Hang zur Perfektion hat. Sein weißer Audi ist poliert, das Kennzeichen trägt seine Initialen. Götz sagt, mit der Doktorarbeit habe er seinen Horizont erweitern wollen. „Ich war damals Anwalt und habe über einen Mandanten Kontakt zu Professor Mojmir Mamojka bekommen. Ich wollte noch einmal etwas anderes machen. Wer 16 Jahre den gleichen Tennislehrer hat, dem wird ja auch langweilig.“ Professor Mamojka habe in der Slowakischen Republik dann eine wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt, die fließend Deutsch sprechen konnte. Er selbst sei „zwei oder drei Mal“ an der Universität gewesen.

          Der Doktortitel als Lebenswegkrönung

          Aber erweitert man mit einer 156 Seiten starken Dissertation, zusammengestellt aus der juristischen Standardliteratur zum Thema „Jednotne spolocnosti GmbH & Co KG“, also zur Einheits-GmbH im deutschen Gesellschaftsrecht, seinen Horizont? Die kurze Schlussfolgerung der Dissertation klingt so: „Man kann feststellen, dass das Problem der Anwendung des Stimmrechts durch eine exakte Bestimmung im Gesellschaftsvertrag zu einer juristisch übereinstimmenden und praktischen Lösung führen kann. Dadurch stellt die Frage der Form der Anwendung des Stimmrechts keinen Grund für die Ablehnung der Einheitsgesellschaft dar.“

          Götz hätte das alles eigentlich gar nicht nötig, seine Großeltern waren wohlhabende Textilfabrikanten, sein Vater Lehrer am Oberschulamt. Für das Prestige braucht man in Deutschland aber offenbar immer noch einen Titel. Vor acht Jahren ist er ohne Doktortitel Bürgermeister geworden. Das Gymnasium hatte er ohne Abitur verlassen und eine Drogistenlehre gemacht, das Jurastudium war in seinem Leben zunächst nicht vorgesehen. Der Doktortitel ist für ihn nun die Krönung seiner Bildungskarriere.

          Es geht um die Ehre

          „Manche sagen Dr. Götz zu mir, manche Herr Götz, mir ist das egal, ich schreibe manchmal auch einfach nur MfG Götz unter meine Briefe“, sagt er. Ohne die Plagiatsfälle Schavan und Guttenberg hätte sich wohl niemand für die Doktorarbeit eines Bürgermeisters interessiert – zumal sie lange nur in slowakischer Sprache vorlag.

          Am Rande des Haigerlocher Stadtkerns steht ein Turm, von dem man ins Eyachtal blicken kann, man sieht die ehemalige Synagoge, das evangelische Pfarrhaus, das Schloss und das Dorf Gruol. Dort ist Götz’ Antipode Michael Thorwart aufgewachsen. Seit dem Frühjahr 2012 kämpft der Professor für ein ernsthaftes Verständnis von Wissenschaftlichkeit und somit gegen den Bürgermeister. „Wissenschaft ist nicht dazu da, dass man sich in der Öffentlichkeit Titel hinschreibt, um glaubwürdig zu sein. Das geht gegen meine wissenschaftliche Ehre“, sagt Thorwart.

          Der Physiker hatte zunächst bei der slowakischen Universität nachgefragt und festgestellt, dass die Arbeit im Katalog der dortigen Bibliothek nicht korrekt verzeichnet war. Auch per Fernleihe war die Dissertation nicht zu bekommen. Thorwart fragte Götz, ob er die deutsche Ursprungsfassung lesen könne. Götz weigerte sich, Thorwart recherchierte weiter. Er fand heraus, dass der slowakische Doktorvater, ein Sozialdemokrat, auch dem früheren Vizevorsitzenden der tschechischen Sozialdemokraten, Michal Hasek, an einer slowakischen Privatuniversität zu einem Doktortitel verholfen haben soll. Thorwarts Interesse wuchs, er sammelte Geld für eine Übersetzung, und 5850 Euro kamen zusammen. Die etwa 50 Spender wollten anonym bleiben. Man kann sich auch fragen, ob ein deutscher Hochschulprofessor nichts Besseres zu tun hat.

          Titeljagd: Bürgermeister will Landrat werden

          Nachdem wegen der holprigen Erstübersetzung ins Slowakische zwei Expertinnen für die Rückübersetzung hinzugezogen werden mussten, liegt seit ein paar Wochen nun der deutsche Text vor. Das Urheberrecht auch für diese Fassung liegt weiter bei Heinrich Götz. Die deutsche Übersetzung kann deshalb niemand ganz lesen, der kein wissenschaftliches Interesse nachweist.

          „Abwegig erscheint mir allerdings Ihre Bitte“, schrieb der Bürgermeister an den Professor, „Sie zu berechtigen, eine Übersetzung zu verbreiten, die ich gar nicht kenne. Dies wäre ja in hohem Maße fahrlässig.“ Ein Plagiatsfall kann aus der Haigerlocher Dissertations-Affäre nicht mehr werden. Denn selbst wenn Götz den deutschen Text freigäbe, könnte wegen der Hin-und-Her-Übersetzung keine Textanalyse mit einem Computerprogramm gemacht werden.

          Heinrich Götz möchte gern noch mehr werden: Er soll Vorgespräche über einen Landratsposten geführt haben, hat wohl auch immer mal wieder gehofft, in einer größeren Stadt mit Doktortitel noch einmal Oberbürgermeister zu werden.

          Bürgermeister Götz lässt sich nicht abschreiben

          „Damit ein Bürgermeister eine gute Arbeit macht, braucht er keinen Doktortitel“, meint das grüne Kreisratsmitglied Konrad Wiget. „Irgendwann hat er im Gemeinderat gedroht, er werde gegen jeden strafrechtlich vorgehen, der seine Doktorarbeit in Frage stelle. Aber eigentlich hat er sonst keine großen Fehler gemacht.“

          Ein bisschen hat der Streit auch mit Physik zu tun. Denn Haigerloch kennt jeder Physiker, weil Werner Heisenberg, Karl Wirtz und Carl-Friedrich von Weizsäcker 1945, wenige Tage vor Kriegsende, in einem Bierkeller einen Atommeiler ausprobierten. Der Atomkeller ist heute ein Museum. Der heimatliebende Physiker Michael Thorwart, Anhänger der Kernenergie, machte vor einigen Jahren mal einen Vorschlag zur Neugestaltung des Museums. Götz gefiel das nicht. „Der Dr. Götz“, sagt ein Gemeinderatsmitglied, das ungenannt bleiben möchte, „führt gern unnütze Kleinkriege. Auf einen solchen Kleinkrieg geht auch diese Geschichte zurück.“ Dorfschulze gegen Professor.

          Heinrich Götz sagt, wenn er geahnt hätte, wie viel Ärger er mit dem Doktortitel haben würde, hätte er ihn geheim gehalten. In Haigerloch wolle er jedenfalls noch ein paar „Rädle drehen“. Für die Wahl gibt es bislang nur einen Herausforderer, einen ehemaligen Bademeister, ohne Doktortitel.

          Weitere Themen

          „Die zweite Welle ist da“

          Infektiologe Clemens Wendtner : „Die zweite Welle ist da“

          Chefarzt Clemens Wendtner hat im Januar in München die ersten Corona-Patienten in Deutschland behandelt. Im Interview spricht er über Laxheit, Lüftungsanlagen – und warum die Jugend für die Eindämmung der Pandemie so wichtig ist.

          Topmeldungen

          Maske auf! Clemens Wendtner rät zum Mund-Nasen-Schutz.

          Infektiologe Clemens Wendtner : „Die zweite Welle ist da“

          Chefarzt Clemens Wendtner hat im Januar in München die ersten Corona-Patienten in Deutschland behandelt. Im Interview spricht er über Laxheit, Lüftungsanlagen – und warum die Jugend für die Eindämmung der Pandemie so wichtig ist.
           Unsere Autorin: Jessica von Blazekovic

          F.A.Z.-Newsletter : In München ist die Party vorbei

          München erlässt eine Maskenpflicht in der Fußgängerzone und die EU-Kommission will Kryptowährungen regulieren. Was sonst noch wichtig ist, erfahren Sie im Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.