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Bürger-Supermarkt : Die Selbstversorger von Bad Schlema

Ein bisher unbekanntes Logo: Der Bürger-Supermarkt in Bad Schlema Bild:

Der Bürgermeister hat sie angefleht. Vergeblich. Kein Discounter wollte im beschaulichen Bad Schlema im Erzgebirge einen Supermarkt eröffnen. Zu wenig lukrativ sei der Standort. Schließlich ergriffen die Bürger selbst die Initiative.

          „Eine Woche vor Weihnachten haben die uns einfach im Regen stehen lassen.“ Rosemarie Teucher ist heute noch empört, wenn sie an den Dezember 2005 denkt. Ohne Vorankündigung schloss damals „Penny“, der einzige Supermarkt im Ort, seine Pforten. „Ich war fix und fertig“, sagt die Dreiundsiebzigjährige.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Mein Mann fährt nicht mehr Auto. Wo sollte ich nun einkaufen?“ Eine Frage, die sich damals einige stellten unter den 5500 Einwohnern der kleinen Gemeinde im Erzgebirge zwischen Aue und Schneeberg. Selbst Bürgermeister Jens Müller konnte die missliche Lage nicht verborgen bleiben - nur fünfzig Meter trennten das Rathaus von der gähnend leeren Supermarkthalle in der „Marktpassage“.

          Der Genickschuss

          Gerade diese Ladenpassage war noch Anfang der neunziger Jahre der Stolz der Gemeinde. Eine bayerische Investorengesellschaft hatte auf einem ehemaligen Haldengelände der Uranbergbau-Gesellschaft Wismut „Schlemas neues Ortszentrum“ errichtet: weiß getünchte, eingeschossige Läden mit dunklen Dachziegeln, dazu ein Bau- und ein Supermarkt in zwei großen Hallen, verbunden durch betonierte Fußwege. „Ein reines Abschreibungsprojekt eben“, sagt Bürgermeister Müller.

          Ein Familienunternehmen: Barbara Gehlert und ihr Sohn Nico

          Bis zur Jahrtausendwende lief alles prächtig; es gab Läden für Jeans, Bücher, Schuhe, Kosmetik, Lebensmittel und Blumen, ein Café, einen Friseur und ein Reisebüro. Dann machte eines Tages der Baumarkt dicht. „Das war der Genickschuss“, erzählt Müller.

          „Zu DDR-Zeiten hatten wir wenigstens den Konsum“

          Fortan fehlten jene Kunden, die mit dem Auto vorfuhren und auch in den übrigen Geschäften ihre Einkäufe erledigten. Bald darauf gab der Schuhladen „Deichmann“ auf, dann machte „Penny“ zu, schließlich auch der Obst- und Gemüseladen.

          „Zu DDR-Zeiten hatten wir wenigstens noch einen Konsum“, sagt Rosemarie Teucher. Stattdessen blieb als nächstgelegene Einkaufsquelle nur „Kaufland“ in Aue, drei Kilometer steil bergauf, oder der „Netto“-Markt in Niederschlema, zweieinhalb Kilometer steil bergab.

          Damit war Bad Schlema auf der Liste der knapp achtzig sächsischen Kommunen ohne eigenen Lebensmittelladen gelandet, wie eine Studie des Wirtschaftsministeriums ergab. Im Bundesland Sachsen haben sich überproportional viele Discounter angesiedelt, die nahezu die Hälfte des Lebensmittelhandels beherrschen, während es anderswo nur 25 Prozent sind.

          Discounter denken nur an Autofahrer

          „Die Studie belegt den Verdrängungseffekt der Discounter“, kommentiert Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD). „Deren Dominanz insbesondere an autofreundlichen Standorten geht zu Lasten kleinerer Gemeinden, separater Ortslagen und Wohngebiete.“

          Das musste auch Bürgermeister Müller erfahren. „Ein Jahr lang habe ich sämtliche Handelsketten angeschrieben und gebeten, sich hier anzusiedeln.“ Nichts als Absagen waren die Reaktion - zu wenig Publikum, nicht lukrativ genug.

          „Die Nahversorgung ist denen völlig egal, sie wenden sich ausschließlich an Autofahrer.“ Schwer verständlich, weil ja immerhin täglich 1100 Tagesgäste das Radon-Bad aufsuchen und die Kurhotels und Ferienhäuser 40 000 Übernachtungen im Jahr verzeichnen. Schlema will an die Kur-Tradition anknüpfen, die es nach 1918 als international bekanntes Radium-Bad besaß.

          Bayerischer Dorfladen als Vorbild

          Nach dem Krieg hatte der Uran-Abbau der Sowjets Kurhäuser und Gemeinde beinahe vollständig zugrunde gerichtet. Zurück blieben 1990 nichts als Schlamm, Schutt und riesige Abraumhalden.

          Der Fernsehbericht über einen genossenschaftlich organisierten Dorfladen in Bayern brachte Bürgermeister Müller schließlich auf die Idee, einen Lebensmittelmarkt der anderen Art aufzuziehen. Nach einer Bürgerversammlung ergriffen einige Einwohner die Initiative und gründeten noch im Mai 2006 eine Genossenschaft.

          Die Anteilsscheine über 150 Euro fanden reißend Absatz, einige Schlemaer kauften gleich mehrere. Im Nu kamen 30 000 Euro Startkapital zusammen. „Wir wollten einfach wieder einen Laden im Ort haben“, sagt Rosemarie Teucher, die mit ihrem Mann Ewald zu den ersten Anteilszeichnern gehörte. Selbst einige Kurgäste beteiligten sich an der Genossenschaft, die heute etwa zweihundert Mitglieder zählt.

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