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Britische Gartenkunst : Gärtnern mit Mut und Verstand

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Beeindruckend: Mit ihrem Kiesgarten hat Beht Chatto gezeigt, was auch an einem trockenen Standort möglich ist Bild: Ina Sperl

Ihre Art der Gartengestaltung prägte eine ganze Generation, an seinem extravaganten Stil schieden sich die Geister. Die beiden Briten Beth Chatto und Christopher Lloyd haben eine eigene Philosophie des Gärtnern kreiert.

          5 Min.

          Die hohen Eichen sind viele Jahrzehnte alt und bilden ein lichtes Laubdach. Unten am Boden wachsen Waldlilien und zarte Elfenblumen, Sterndolden und Purpurglöckchen. Im Frühling leuchten die Kaiserkronen, im Herbst heben sich die schlanken Rispen der Silberkerzen vor dem umgebenden Dickicht ab. Im „Waldgarten“ von Beth Chatto blüht trotz des dichten Schattens das ganze Jahr über etwas. Im „Wassergarten“, einer Reihe von Teichen, auf die die Gärtnerin von ihrem Wohnzimmerfenster aus blickt, entfaltet das Mammutblatt sein riesiges Laub. Dort blüht violetter Wasserdost neben dem Schilf, und Sumpfzypressen heben ihre holzigen Knie aus dem Erdreich. Am spektakulärsten ist jedoch der Kiesgarten: Bizarre Elfenbeindisteln buhlen um Aufmerksamkeit neben kräftigen Yucca, robuste Bergenien stehen neben feinblütigem Meerkohl, gelbe Königskerzen leuchten vor tiefblauen Schmucklilien.

          Was hier wächst, kommt mit Trockenheit zurecht. Denn bewässert wird nicht, obwohl der Garten im Dorf Elmstead Market, in der Grafschaft Essex, liegt - einer der trockensten Regionen Großbritanniens. Hier fallen weniger als 50 Zentimeter Regen im Jahr. Was 1991 als Experiment auf einer problematischen, verdichteten Fläche begann, hat sich über die Jahre zum ökologischen Vorzeigeobjekt entwickelt. Denn der Kiesgarten beweist: An jedem Standort kann etwas wachsen - solange die richtigen Pflanzen ausgewählt werden. „Right plant, right place“, ist Beth Chattos Philosophie.

          Richtige Pflanzenverwendung als neue Art zu gärtnern

          Die Engländerin, die im Juni 90 Jahre alt wird, gilt als Grande Dame der Gartenkunst. In Zeiten, als dreifach gefüllte Rosen und hochgezüchtete Dahlien in den Hausgärten wuchsen, suchte sie Wildformen und setzte sie an die passenden, der Natur entsprechenden Standorte. Die Idee war nicht neu, schon der Ire William Robinson forderte im 19. Jahrhundert Ähnliches, und auch in Deutschland machte man sich Gedanken über die richtige Pflanzenverwendung. Nirgends aber wurde diese Art zu gärtnern so beachtet wie bei Beth Chatto, die mit ihrer Leidenschaft so viele Menschen ansteckte. Fast alle jungen britischen Gärtner und Gartendesigner sehen sich heute in ihrer Tradition.

          Ihr Wissen bezog Chatto, die ihren Garten in den 1960er Jahren anlegte, aus den Studien ihres Mannes Andrew. Er war Obstfarmer, seine Leidenschaft galt jedoch der Botanik, er erforschte die Herkunft von Pflanzen. Als Autodidaktin und Frau der Tat setzte sie die Kenntnisse auf ihrem Grundstück um. Sie öffnete auch eine Gärtnerei für „ungewöhnliche Pflanzen“, und in den 1970er Jahren brachten ihr Ausstellungen bei der Chelsea Flower Show in London Goldmedaillen ein. Beth Chatto erhielt eine Ehrendoktorwürde, Prince Charles verlieh ihr den Verdienstorden „Order of the British Empire“ (OBE).

          Wiesen voller Leidenschaft und Farbe

          Zwei Stunden dauert eine Autofahrt von Elmstead Market nach Northiam. Dort, in East Sussex, liegt Great Dixter, ein mittelalterliches Herrenhaus mit umgebendem Garten. Schon am Eingangstor fällt auf, dass hier etwas anders ist als in anderen englischen Gärten: Neben dem Plattenweg, wo feinster Rasen zu erwarten wäre, ist: Wiese. Bunt gesprenkelt mit violettem Knabenkraut, blauen Hasenglöckchen und Butterblumen.

          Wiesen waren eine der großen Leidenschaften Christopher Lloyds, des Pflanzenkenners, Kolumnisten und Buchautors, der hier gegärtnert hat. Wo möglich, ersetzte er Rasen durch eine bunte Artenvielfalt. Auch seine Rabatten, am bekanntesten die 90 Meter lange „Long Border“, strotzten vor Farben.

          Lloyd pflanzte, wie es ihm gefiel, und scherte sich nicht um Konventionen. Orangefarbene Tulpen neben grüner Wolfsmilch, gelbe Königskerzen vor einer lila Clematis - warum nicht? Er gab leuchtenden Kontrasten den Vorzug, als noch zarte Pastelltöne en vogue waren. Einen Aufschrei der Empörung provozierte er in der internationalen Gartenszene, als er seinen 80 Jahre alten Rosengarten umgrub und in einen Exotischen Garten mit feurigen Dahlien, Bananenstauden und dunkelrotem Rizinus verwandelte.

          Was andere dachten, kümmerte ihn nicht. Auch in seinen Büchern und Kolumnen, die international große Beachtung fanden, hielt er seine eigene Meinung nie zurück. Dennoch erhielt das Enfant terrible der Gartenkultur, wie auch Beth Chatto, den „OBE“ und eine Ehrendoktorwürde.

          Christopher Lloyd wurde in Great Dixter geboren. Dort lebte er auch bis zu seinem Tod 2006 im Alter von 84 Jahren. Seine Eltern hatten das mittelalterliche Haus 1910 von dem Architekten Edwin Lutyens restaurieren lassen. Von Lutyens stammt auch der Grundriss des Gartens, der bis heute unverändert ist und um dessen intelligent angelegte, gepflasterte Wege Beth Chatto Lloyd immer beneidet hat. Die Liebe zur Natur hatte er von seiner Mutter geerbt, bis in die 1970er Jahre hinein gärtnerten sie gemeinsam.

          Als junger Mann studierte er Sprachen in Oxford, später Gartenbau am Wye College. Lloyd gründete keine Familie, war allerdings selten ohne seine beiden schwarzen Dackel zu sehen und machte Great Dixter zu einem Treffpunkt für Gartenliebhaber und Studenten. Legendär ist seine Gastfreundschaft - er kochte eigenhändig mehrgängige Menüs für seine Gäste. Auch Beth Chatto gehörte häufig zu den Besuchern, stets bekam sie das beste Zimmer. Denn die beiden verband eine enge Freundschaft.

          „Dear Friend and Gardener“

          Ein kleiner Zwist war es, der die Gärtner zusammengeführt hat: „Er hielt nichts von Bergenien“, erinnert sich Chatto, die diese Pflanzen sehr schätzte und die ihr gerade auf kargem Boden gute Dienste erwiesen. So schrieb sie Lloyd einen Brief, als Antwort erhielt sie eine Einladung nach Great Dixter. Das war der Beginn eines regen Austauschs und gegenseitiger Besuche. Sie unternahmen sogar gemeinsame Vortragsreisen bis nach Neuseeland.

          Beide waren und sind richtungsweisend, der etwas exzentrische Pflanzenkenner mit seinen unkonventionellen Rabatten, und die kluge Gärtnerin, die hinschaut, was Pflanzen wirklich brauchen. Auch sie schrieb Bücher, und die Werke beider gehören zum Standardrepertoire aller ernsthaft Garteninteressierten. In den neunziger Jahren, ließen sich Chatto und Lloyd - längst international bekannt - auf einen Briefwechsel ein, der publiziert werden sollte. „Dear Friend and Gardener“ entstand 1996 und 1997 und bietet einen Einblick in das Leben der beiden leidenschaftlichen Gärtner. Nicht nur um Gartenbeobachtungen und die Sorge um fehlenden Regen geht es darin, auch um gemeinsame Opernbesuche oder das Einmachen von Quitten. Am nächsten fühlt sich den beiden Autoren, wer das Original liest, in diesen Tagen erscheint jedoch auch erstmals eine deutsche Übersetzung.

          Spielen mit Pflanzen ohne Rücksicht auf Trends

          Die Liebe zu den Pflanzen war es, die beide ihre wunderbaren Gärten erschaffen ließ. Und die ist auch heute noch deutlich spürbar. Christopher Lloyd hatte lange vor seinem Tod Fergus Garrett zum Nachfolger bestimmt. Seit 1993 ist er Hauptgärtner in Great Dixter und führt den Garten ganz im Sinne Lloyds weiter. „Wir gärtnern auf eine natürliche Art und Weise, haben ein großes Interesse an Pflanzen und spielen mit ihnen“, sagt Garrett. „Great Dixter war nie der Ort, wo wir etwas gemacht haben, bloß weil es neu oder im Trend war.“

          Die Rabatten sind prachtvoll und überbordend, es wird so intensiv gegärtnert wie eh und je - vielerorts wechselt die Bepflanzung mehrfach jährlich. Eindruck hinterlassen die surreal anmutenden, uralten Formschnitt-Pfaue im „Peacock Garden“ und die ruhige, intime Stimmung im „Sunk Garden“. Beth Chatto zieht sich in ihrem hohen Alter langsam, aber unmerklich zurück und überträgt ihrer Hauptgärtnerin Asa Gregers-Warg die Verantwortung. Auch ihre Gärten, mit viel Vernunft, aber genauso viel Esprit und künstlerischer Kreativität angelegt, gehen nach einem Besuch nicht mehr aus dem Kopf. Große Gartenkunst ganz verschiedener, aber verwandter Geister.

          Beth Chatto, Christopher Lloyd: „Dear Friend and Gardener: Letters on Life and Gardening.“ Engl., Frances Lincoln, 256 Seiten, 1998

          Die deutsche Übersetzung von Christoph Gurlitt und Maria Gurlitt-Sartori von „Dear Friend and Gardener! Briefwechsel über das Leben, das Gärtnern und die Freundschaft“ erscheint am 1. April. Deutsche Verlags-Anstalt, 384 Seiten; 24,95 Euro

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