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Brasilien : Sojafelder bedrohen das Amazonasbecken

  • -Aktualisiert am

Sojasilo in Brasilien Bild: Gerhard Dilger

Widersprüche in Amazonien: Die Bundesregierung unterstützt das Tropenwaldprogramm - und den größten Sojaproduzenten Brasiliens.

          2 Min.

          Links der schnurgeraden Straße nach Norden leuchten Tausende weißer Baumwollbäuschchen. Rechts reichen die kahlen, abgeernteten Sojafelder bis zum Horizont. Da taucht im Blickfeld ein langgestrecktes, silbern glänzendes Silo auf.

          Hier, am Übergang von der ehemals artenreichen Cerrado-Savanne nach Amazonien, lagert der brasilianische Sojakonzern „Sementes Maggi“ 70.000 Tonnen der proteinhaltigen gelben Bohnen, die er von den Bauern der Umgebung aufgekauft hat. Von hier aus wird das Soja von firmeneigenen Lastwagen und Großkähnen zu den Exporthäfen am Amazonas gebracht.

          Gen Norden wird die Vegetation bald üppiger, doch auch die Spuren von Rodungen sind unübersehbar. Immer wieder ragen zwischen den Bäumen dünne, abgestorbene Äste in den Himmel, dann folgen ausgedehnte Viehweiden.

          Kleinbauern können nicht mithalten

          „Für die Kleinbauern ist der Sojaanbau zu teuer,“ bedauert Antenoide Simon von der örtlichen Landarbeitergewerkschaft im nahe gelegenen Brasnorte (Mato Grosso). Nur kapitalkräftige Produzenten können sich den Einsatz von Pestiziden und teuren Maschinen leisten. Außerdem müssen die nährstoffarmen Böden mit Kalk angereichert werden.

          Simon ist in den 80er Jahren in den brasilianischen Mittelwesten gekommen - aus dem Süden des Landes, wo im Zuge des ersten Sojabooms Hunderttausende von Kleinbauern verdrängt wurden. 40 Prozent aller in Brasnorte Angesiedelten haben ihr Land schon wieder verkauft. Dann ziehen sie weiter - nach Norden, wo sie per Axt und Brandrodung neues Land erschließen, oder in die Armutsviertel der Städte.

          Im Schwitzkasten des Weltmarktes

          Der Landstrich 150 Kilometer weiter südlich ist bereits fest in der Hand der Sojaproduzenten. Der Bürgermeister und der Agrardezernent von Campo Novo dos Parecis sind Großgrundbesitzer. Neben Maggi haben auch die wichtigsten Sojamultis wie Cargill oder Archer Daniels Midland (ADM) Lagerhallen am Ort.

          Mit seinem 9.600-Hektar-Landgut ist Hédio Froehlich ein typischer Vertreter der lokalen Produzenten. Der deutschstämmige Großbauer pendelt seit sieben Jahren zwischen seinen Ländereien in Campo Novo und in Südbrasilien hin und her. „Die Gewinnmargen werden immer geringer,“ sagt Froehlich. Für einen 60-Kilo-Sack bekommt er sechs Dollar, davon blieben ganze 50 Cent Reingewinn. Vor vier Jahren lag der Preis noch bei 10,50 Dollar. „Gegenüber Maggi musste ich mich verpflichten, die Ernte bis Anfang Juni zu verkaufen. Inzwischen ist der Preis zwar leicht gestiegen, aber davon habe ich nichts.“ So wie er müssen die meisten Produzenten die Bedingungen akzeptieren, die ihnen die Aufkäufer diktieren.

          Gegen die hochsubventionierte Konkurrenz aus den USA haben die Brasilianer einen schweren Stand. In diesem Jahr konnten sie zwar die Rekordernte von 36 Millionen Tonnen einfahren, über elf Prozent mehr als 2000. Da aber in den USA mit einem Volumen von 80 Millionen Tonnen gerechnet wird, sind die Weltmarktpreise weiter gefallen.

          Ein umstrittenes Darlehen

          Doch Sojabauern aus Campo Novo sehen keine Alternativen zur Ausweitung der Produktion. Sie hoffen auf die Verringerung der Transportkosten durch den Bau neuer Asphalt- und Wasserstraßen nach Norden. Die Regierung will Milliarden in diese Großprojekte stecken, denn der Devisenbringer Soja hilft, die Auslandsschulden zu bedienen.

          Durchaus umstritten ist jedoch, dass die bundeseigene „Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft“ (DEG) den Maggi-Konzern unterstützt. Ende 2000 stellte die DEG einen Kredit über sechs Millionen Dollar bereit, mit dem etwa das Silo in Brasnorte finanziert wurde.

          Die Begründung: Als Alternative zum in Europa verbotenen Tiermehl biete sich brasilianisches Sojaschrot an, da es im Gegensatz zu jenem aus den USA nicht gentechnisch verändert sei. Durch das Darlehen wolle man Maggi „ermöglichen, die Chancen, die sich aus der wachsenden Nachfrage ergeben, zu nutzen.“ Tatsächlich wurden von Januar bis April diesen Jahres aus Brasilien über drei Millionen Tonnen Sojaschrot nach Europa exportiert - 32 Prozent mehr als im Vorjahr.

          Für die DEG wie für Maggi wird sich das Darlehen rechnen. Doch ob es „entwicklungspolitisch sinnvoll“ oder „ökologisch verträglich“ ist (Eigenwerbung DEG), bezweifeln brasilianische Umweltschützer ebenso wie hohe Beamte des deutschen Entwicklungshilfe-Ministeriums.

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