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Brasilien : Rassisten und Sexisten

  • -Aktualisiert am

Internet-Aktion: Brasilianerin protestiert gegen Vergewaltigungen. Bild: Protesto

Viele Brasilianer tolerieren Gewalt gegen Frauen. Die Präsidentin des Landes unterstützt die Proteste dagegen - obwohl sie im Wahljahr andere Sorgen hat.

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          Wie alle Klischees war auch das von der friedlichen „Regenbogennation“ Brasilien, die keinen Rassismus und nur wenig Sexismus kennt, schon immer falsch. Dennoch dürfte Präsidentin Dilma Rousseff, die erste Frau an der Staatsspitze Brasiliens, davon überrascht sein, wie sehr sie sich im Wahljahr 2014 dem Kampf gegen die Verachtung von Schwarzen und Frauen widmen muss – statt jenem gegen Inflation und Rezession.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Im Februar hatte es in mehreren Stadien Brasiliens rassistische Ausfälle gegen schwarze Fußball-Profis und Schiedsrichter gegeben, die als „Makaken“ beschimpft und mit Bananen beworfen wurden. Rousseff lud die Opfer umgehend in den Präsidentenpalast: Rassismus dürfe in der „größten schwarzen Nation außerhalb Afrikas“ keinen Platz haben.

          Mehr als 500.000 Vergewaltigungen im Jahr

          Nun sieht sich die Präsidentin abermals veranlasst, sich an die Spitze einer informellen Bewegung gegen die Verachtung einer ganzen Bevölkerungsgruppe zu setzen. In der vergangenen Woche veröffentlichte das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (Ipea) die Ergebnisse einer Umfrage vom Mai und Juni 2013 zur Duldung von Gewalt gegen Frauen. Die erschreckenden Ergebnisse haben besonderes Gewicht, weil Ipea ein von der Regierung eingesetztes und finanziertes Institut ist, dessen Umfrage- und Forschungsergebnisse direkt in die Entscheidungen von Präsidentenamt, Kabinett und Parlament einfließen.

          Mittels Fragebogen wurden die Meinungen von knapp 4000 Bürgern – zwei Drittel von ihnen übrigens Frauen – aus gut 200 Städten und Gemeinden eingeholt. 65,1 Prozent der Befragten stimmten der Ansicht voll oder teilweise zu, dass Frauen es verdienen, angegriffen zu werden, wenn sie mit ihrer Kleidung ihren Körper zur Schau stellen. Zu der Aussage, „es würde weniger Vergewaltigungen geben, wenn sich die Frauen zu benehmen wüssten“, äußerten 58,5 Prozent der Befragten volle oder teilweise Zustimmung. Nach den Erhebungen von Ipea gibt es in Brasilien pro Jahr 527.000 Vergewaltigungen. 70 Prozent der Opfer seien Mädchen und Kinder, nur zehn Prozent der Fälle würden der Polizei gemeldet.

          Frauen posieren halbnackt gegen Gewalt

          Präsidentin Rousseff zeigte sich von den Ergebnissen schockiert. Dass die Gewalt gegen Frauen von vielen brasilianischen Frauen toleriert wird, erfuhr die Journalistin Nana Queiroz. Als Reaktion auf die Umfrage rief sie im Internet auf zu einer Aktion unter dem Motto „Eu não mereço ser estuprada“ (Ich habe es nicht verdient, vergewaltigt zu werden).

          Sie forderte Frauen auf, sich mit entblößtem oder bekleidetem Oberkörper zu fotografieren, sich in jedem Fall aber mit einem Parolen-Schild zu bedecken: „Auch ich habe es nicht verdient, vergewaltigt zu werden“.

          Viele Frauen beteiligten sich, aber es schlug auch eine Welle aggressiver Ablehnung über der Aktivistin zusammen. Aufgebrachte Frauen wünschten ihr eine Vergewaltigung, hasserfüllte Männer drohten ihr mit Vergewaltigung. Präsidentin Rousseff schrieb darauf zu Wochenbeginn im Kurznachrichtendienst Twitter: „Nana Queiroz verdient all’ meine Solidarität und meinen Respekt. Die Regierung und das Gesetz stehen an ihrer Seite und an der Seite aller Frauen, die Opfer von Gewalt oder Bedrohungen sind.“

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