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Brasilien : Angekündigtes Blutbad

  • -Aktualisiert am

Mindestens 27 Häftlinge starben in Westamazonien. Das Gefängnis-Massaker von Porto Velho zeigt erneut, wie reformbedürftig der brasilianische Strafvollzug ist.

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          Gleich zu Beginn des neuen Jahres ist ein grelles Schlaglicht auf eines der drängendsten Probleme Brasiliens geworfen worden - die katastrophalen Zustände in den Gefängnissen des Landes. In Porto Velho, der Hauptstadt des Amazonas-Bundesstaats Rondônia, starben mindestens 27 Menschen.

          Die Revolte in der Haftanstalt Urso Branco war am Mittwochmorgen ausgebrochen. Nach Angaben der Militärpolizei gingen Häftlinge verfeindeter Gruppen mit Messern und Eisenstangen aufeinander los. Etliche Gefangene wurden von hohen Mauern auf den Hof der Haftanstalt gestoßen. Bei einem gescheiterten Fluchtversuch am Vortag war es bereits zu Schusswechseln zwischen Häftlingen und dem Wachpersonal gekommen.

          Erst im Lauf des Nachmittags konnten Militärpolizisten die Lage unter Kontrolle bringen. Zuvor hatten die Behörden den Gefangenen zugesichert, 35 besonders gefürchtete Kriminelle in den Hochsicherheitstrakt zu verlegen.

          Bild des Grauens

          Als die Polizisten in die Anstalt eindrangen, waren die Leichen auf dem Gefängnishof aufgetürmt. Moacyr Grecchi, der Erzbischof von Rondônia, berichtete, ein Gefangener sei enthauptet worden. Ebenso wie Polizeistellen sprach er am Mittwochabend von 45 Toten. Am Donnerstagmorgen gab die Militärpolizei eine angeblich definitive Liste der Todesopfer bekannt. Danach seien „nur“ 27 Gefangene umgekommen.

          Während der oppositionelle Bundesabgeordnete Nelson Pelegrino eine „rigorose Untersuchung“ des Blutbades forderte, kündigte die Staatssekretärin im Justizministerium Elizabeth Süssekind an, sie werde vor Ort konkrete Schritte einleiten - unter anderem den Bau weiterer Gefängnisse.

          Hölle auf Erden

          Wie die meisten brasilianischen Haftanstalten ist Urso Branco chronisch überbelegt. Statt der vorgesehenen 360 sind dort rund 900 Menschen inhaftiert. Erst vor einem Monat hatte die „Kommission Justitia et Pax“ der Erzdiözese von Porto Velho einen Bericht über die Lage im Gefängnis vorgelegt. Nach den Unruhen des Jahres 2000 und 2001, bei denen ebenfalls Todesopfer zu beklagen waren, habe man vorgesehen, die gefährlichsten Häftlinge in einen neuen Trakt eines anderen Gefängnisses zu verlegen, doch wegen Korruption hätten sich die Baumaßnahmen verzögert.

          Im vergangenen Jahr gelang 53 Gefangenen die Flucht, und eine Mordserie verbreitete innerhalb der Gefängnismauern Angst und Schrecken. Die Situation in Porto Velho geriet allmählich außer Kontrolle, nachdem Kriminelle aus dem Süden des Landes dorthin verlegt worden waren.

          Amnesty fordert radikale Reform

          Die Untätigkeit der Behörden in Rondônia erklärt geradezu exemplarisch, warum die Gefängnisrevolten in ganz Brasilien trauriger Alltag sind. Amnesty International hatte vor kurzem festgestellt, das „System der Untersuchungshaft“ nähere sich „dem Kollaps“, weil die Anzahl der Häftlinge ständig steige. Die brasilianischen Behörden müssten eine „grundlegende Reform des Strafvollzugs“ in Angriff nehmen. Dem stehen vor allem in den federführenden Bundesstaaten Korruption und Vetternwirtschaft entgegen.

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