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Brandunglück : Schlafwagen-Schaffner nicht auf seinem Posten

  • Aktualisiert am

Informationen zum Brandunglück Bild: dpa

Zwölf Menschen starben, als im Nachtzug Paris-München ein Brand ausbrach. Hätte ein Schaffner, der nicht auf seinem Platz war, Schlimmeres verhindern können?

          Bei dem Brandunglück im Schlafwagen der Deutschen Bahn im Nachtzug Paris-München ist der zuständige Schaffner nach Aussage der französischen Ermittler nicht an seinem Platz gewesen. Als das Feuer ausbrach, habe sich dieser in einem benachbarten Wagen aufgehalten und konnte wegen des Feuers und des dichten Qualms nicht mehr zurück, sagte Staatsanwalt Michel Senthille am Mittwoch in Nancy. Der Schaffner habe von dort aus dann Alarm gegeben. Die Hypothese eines Unfalls als Ursache für das Feuer sei zunächst am wahrscheinlichsten, erklärte der Staatsanwalt.

          Ob der Schaffner auf seinem korrekten Postendie Folgen des Feuers hätte mindern können, darüber wurde bisher nichts gesagt. Der Brand hat zwölf Menschen das Leben gekostet. Unter den Toten sind nach Angaben der Deutschen Bahn drei Männer aus Deutschland. Die meisten Opfer wurden von den Flammen im Schlaf überrascht und starben an Rauchvergiftung. Der Brand brach am Mittwoch gegen 2.15 Uhr im ostfranzösischen Nancy in dem Schlafwagen aus, der an der Zugspitze hinter der Lok fuhr. In dem 38 Jahre alten Schlafwagen gab es keinen Rauchmelder. Dies sei in den Zügen auch nicht vorgesehen, sagte Bahn-Vorstand Hans G. Koch in Frankfurt/Main. „Ein Rauchmelder hätte auch nicht mehr tun können, als den Brand zu melden.“ Dies habe auch der Schaffner getan.

          Neun Reisende entkamen der Falle

          Zu den Toten gehören auch fünf Amerikaner, darunter zwei Kinder im Alter von acht und zwölf Jahren. Als das Feuer ausbrach, hielten sich 21 Reisende in dem Schlafwagen auf. Neun konnten sich aus der Todesfalle befreien. Einigen gelang es, mit Nothämmern die Fenster einzuschlagen und sich durch einen Sprung ins Freie zu retten. Andere flüchteten in den nächsten Wagen. Der Münchner Marcus Schniedel berichtete: „Ich habe Rauch gerochen. Dann habe ich gesehen, dass zwei Kontrolleure nach vorne liefen und dann ist der Zug zum Stehen gekommen.“

          Todesfalle Schlafwagen - Rettungskräfte bei Nancy

          Weitere neun Reisende, darunter vier Deutsche, erlitten Rauchvergiftungen oder Brandverletzungen, die jedoch nach Angaben der Präfektur von Nancy nicht lebensgefährlich sind. Die meisten der fast 200 Passagiere in dem Nachtzug kamen mit dem Schrecken davon und wurden im Verlauf des Tages nach Deutschland gebracht. „Wir wussten lange nicht, was überhaupt passiert ist“, sagte Marie Forget bei der Ankunft in Frankfurt. Jean Noel, der in dem Schlafwagen war, berichtete, der Rauch habe ihn geweckt. Panik sei unter den Reisenden nicht ausgebrochen.

          „Ich bin aufgewacht, weil ich auf die Toilette musste“, berichtete der 52 Jahre alte Kroate Zelimir Istoc Novak in München. Dann habe er den Rauch gerochen. Er habe Flammen und ein großes Feuer gesehen. „Ich bin durch mehrere Waggons gerannt - ich hatte Angst.“ Zuvor sei ein Schaffner durch die Wagen gerannt, habe an die Türen geklopft und die Leute aufgefordert, ihre Abteile zu verlassen. „Es hat nach brennendem Holz gerochen“, sagte Charles Beinio. „So bin ich wach geworden“, berichtete der 50-Jährige.

          Rettungsdienste binnen Minuten am Unfallort

          Der deutsch-französische Nachtzug D 261 war um 22.58 Uhr in Paris abgefahren. Die französische Staatsbahn SNCF berichtete entgegen der Deutschen Bahn, Gleiskontrolleure in Nancy hätten den Rauch bemerkt, den Zugführer per Funk informiert und die Stromversorgung des Zuges gestoppt. Etwa sechs Minuten nach dem Feuer waren die Rettungsdienste am Unglücksort. „Wir waren sofort da“, berichtete die Feuerwehr.

          Nach Angaben der französischen Behörden wurde der Herd des Brandes dort festgestellt, wo die Heizungsanlage untergebracht ist und die Stromkabel verlaufen. Von dort sollen sich die Flammen ausgebreitet haben, die zwei Abteile des Schlafwagens völlig zerstörten. Christoph Franz von der Deutschen Bahn bestritt jedoch, dass ein technischer Defekt der Heizungsanlage verantwortlich sein könnte und schloss auch einen „menschlichen Fehler“ als Unglücksursache nicht aus.

          Experten sollen nun die genaue Unglücksursache ermitteln und den Fahrtenschreiber auswerten. Auch das Eisenbahnbundesamt hat Experten aus Bonn zur Unglücksstelle entsandt. Der Pariser Verkehrsminister Gilles de Robien erwartet einen ersten Bericht zum Unglückshergang in zwei Wochen. Ein Sprecher des Bundesgrenzschutzes (BGS) erklärte in Frankfurt, der Nachtzug solle zur Untersuchung in Frankreich bleiben.

          "Ein schreckliches Drama"

          Der Zug sollte um 8.51 Uhr in München eintreffen. Mehrere Wagen hätten zuvor abgekoppelt werden müssen, um nach Frankfurt am Main weitergeleitet zu werden. „Das ist ein schreckliches Drama“, sagte der Chef der französischen Staatsbahn, Louis Gallois, im Rundfunk. Auch Deutsche Bahnchef Hartmut Mehdorn sprach den Angehörigen sein tiefes Mitgefühl aus. Gallois erklärte, zuständig sei die SNCF, da der Zug zum Zeitpunkt des Unglücks auf dem französischen Streckennetz fuhr. Bahn-Vorstand Koch betonte, der Schlafwagen sei 1999 umfassend modernisiert und im Juni 2001 gewartet worden.

          Nach Angaben der Bahn sind 16 der 152 Schlafwagen, die täglich im Einsatz sind, baugleich mit dem Unglücks-Waggon. Das Unternehmen sieht keine Sicherheitslücke im Nachtreiseverkehr, will aber vorsorglich alle Zugbegleiter vor Dienstantritt erneut über die Sicherheitsbestimmungen informieren.

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