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Botschafterin für Frauenrechte : Wonder Woman bringt UN Sexismus-Vorwürfe ein

  • Aktualisiert am

Lange Beine und ein überaus knapper Badeanzug: So sieht nach Ansicht der Vereinten Nationen eine für Gleichberechtigung kämpfende Frau im Jahr 2016 aus. Bild: DC Comics/dpa

Pin-Up oder feministische Ikone? Die Comicfigur Wonder Woman taugt nach Ansicht der UN als Vorbild für Mädchen und Frauen in aller Welt. Das sorgt für Ärger – die eigenen Mitarbeiter protestieren.

          Die UN haben die amerikanische Comic-Heldin Wonder Woman am Freitag damit betraut, weltweit die Frauenrechte voranzubringen. Zu diesem Zweck wurde Wonder Woman zur Ehrenbotschafterin der Vereinten Nationen ernannt - in Anwesenheit der Schauspielerin Lynda Carter, die sie im Fernsehen verkörperte, und von Diane Nelson, der Vorsitzenden von DC Entertainment, der Inhaberin der Rechte für Wonder Woman. Die UN-Untergeneralsekretärin Cristina Gallach lobte das „Engagement von Wonder Woman für Gerechtigkeit, Frieden und Gleichheit“.

          Frauenorganisationen und UN-Mitarbeiter protestierten unter dem Motto „Let's get real“ gegen die Initiative und verwiesen darauf, dass echte Frauen für den Job besser geeignet gewesen wären. Während der Zeremonie im Saal des UN-Gebäudes wandten dutzende Menschen, Frauen und Männer, dem Podium den Rücken zu, einige reckten die Faust. Eine von bislang fast 2000 UN-Beschäftigten unterzeichnete Petition forderte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon auf, das Projekt fallen zu lassen.

          Sie waren schon Wonder Woman: Die Schauspielerinnen Lynda Carter und Gal Gadot bei der Zeremonie in New York.

          Die Kampagne fällt mit den 75. „Geburtstag“ von Wonder Woman zusammen, die im Zweiten Weltkrieg ihren ersten Auftritt in einem Comic hatte. Sie ist somit älter als die Vereinten Nationen. Im kommenden Sommer soll ein neuer Film mit der Superheldin in die Kinos kommen. Die israelische Schauspielerin Gal Gadot, die sie in der Neuverfilmung verkörpert und dieses Jahr bereits einen Kurzauftritt in „Batman vs. Superman“ hatte, nahm an der Zeremonie ebenfalls teil.

          „Schlechter Scherz“

          In der Einleitung zur Online-Petition hieß es kritisch, Wonder Woman sei die „Inkarnation eines Pin-up-Girls: weiße Frau mit üppigem Busen und unwahrscheinlichen Körpermaßen“ mit eng anliegendem, an die amerikanische Flagge angelehntem Kostüm. In Kommentaren war von „schlechtem Scherz“ und „Beleidigung für Frauen“ die Rede. Gallach sagte, es komme nicht auf das Äußere, sondern auf die „von Wonder Woman verkörperten Werte“ an.

          „Erst dachte ich, das ist ein Witz“, sagt Shazia Rafi, die mit der Kampagne „She4SG“ für die Wahl einer Frau zur UN-Generalsekretärin kämpfte, der Deutschen Presse-Agentur. Nicht nur, dass es mit dem Portugiesen António Guterres stattdessen ein Mann wurde - nun müsse auch noch eine übernatürliche Comic-Heldin als Frauenvorbild in der Weltdiplomatie dienen. „Wir haben den Punkt überschritten, an dem wir eine vollbusige, muskulöse Version von Barbie in kurz geschnittenen Hosen brauchen, um Gleichheit zu repräsentieren“, sagt Rafi.

          Nicht die erste fiktive Figur bei den UN

          Es ist nicht das erste Mal, dass bei den UN fiktive Charaktere den Kampf für bestimmte Anliegen anführen. Der scheidende Generalsekretär Ban Ki Moon hatte etwa die einem Computerspiel entsprungenen Angry Birds an den East River geladen, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Die Idee: Die grimmig dreinblickenden Vögel sind wütend und sollen mit umweltschützenden Maßnahmen glücklich gemacht werden. Zuvor mussten die Peter-Pan-Fee Glöckchen (Umweltschutz) und der Disney-Bär Winnie Puuh (Freundschaft) für UN-Kampagnen herhalten.

          Ban zwischen den gefiederten, lebensgroßen Angry-Bird-Masskottchen sah seltsam aus, doch bei Wonder Woman ist echte Empörung zu spüren. „Ist das wirklich die Botschaft, die wir unseren Töchtern über die Stärkung der Frauen in einer Ära senden wollen, in dem es eine Reihe voll bekleideter, vor allem mächtiger weiblicher Rollenbilder gibt?“, fragt die „New York Times“.

          Feministische Ikone?

          Als Wonder Woman 1941 in einem Comic-Heft auftauchte, war die Figur als starke, selbstständige Kämpferin für Recht und Gleichheit eine kleine Sensation. Als feministische Ikone zwang die Amazone Menschen mit ihrem magischen Lasso, die Wahrheit zu sagen. Dem alten Griechenland war sie entflohen, um der Versklavung in einer von Männern beherrschten Welt zu entkommen. William Moulton Marston, der sie erschuf, ließ sich von den Suffragetten inspirieren, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in England für das Wahlrecht für Frauen stritten und mit teils militanten Mitteln kämpften.

          Doch schon damals sorgte Wonder Woman, die erotischer Pin-up-Kunst nachempfunden war und deren Lasso an Bondage-Sexpraktiken erinnerte, für Diskussionen. Im UN-Hauptquartier scheint das wenig zu kümmern: Wonder Woman sei eine weltberühmte Ikone, die für „Stärke, Fairness, ihr Mitgefühl sowie ihr Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und Gleichheit“ bekannt sei, teilt Maher Nasser vom UN-Büro für Öffentlichkeitsarbeit dem Radiosender NPR mit. Die Hoffnung ist wohl auch, ein jüngeres Publikum zu erreichen, das sich sonst nicht für politische Anliegen interessiert.

          Passend oder nicht - das Timing nur eine Woche nach der Wahl des neuen Generalsekretärs könnte schlechter kaum sein. „Die UN haben keine weibliche Generalsekretärin gewählt. Stattdessen haben sie Wonder Women zur Botschafterin ernannt. Sprachlos“, twitterte Marie O’Reilly vom Institut für Friedens- und Konfliktforschung Inclusive Security in Washington, das auf die Stärkung von Frauen ausgerichtet ist. Das Spitzenamt könnten Frauen bei den UN wohl nicht haben, meint Shazia Rafi - „aber einen Cartoon“.

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