https://www.faz.net/-gum-72hks

Bombenentschärfung : Eine zündende Idee

  • -Aktualisiert am

Wasser marsch: Der Strahl schneidet rund um den Zünder. Bild: ANT Lübeck

67 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs liegen in Deutschland noch Zehntausende Fliegerbomben unter der Erde. Gegen solche gefährlichen Blindgänger könnte die Fernentschärfung helfen.

          4 Min.

          Zucker nimmt an diesem Morgen keiner. Der Zucker auf dem Tisch im Konferenzraum der Firma ANT Lübeck ist aber auch keiner. Bei dem vermeintlichen Süßstoff handelt es sich um Granatsand, extrem scharfkantig und hart. Das Abrasivmittel wird bei der Entschärfung von Bomben verwendet. Im Wasser-Abrasiv-Suspensions-Verfahren (WAS) wird mittels Wasser und Granatsand der Zünder aus der Bombe geschnitten. Das Wasser ist ein Beschleuniger für das Abrasivmittel, das sich in den Boden der Bombe frisst. „Die ersten Versuche für das WAS-Schneidverfahren gab es schon in den siebziger Jahren in England“, sagt ANT-Geschäftsführer Marco Linde. „Die Ergebnisse waren so erfolgversprechend, dass mehrere Unternehmen weiter daran geforscht haben. Wir sind inzwischen der Marktführer.“

          In Deutschland sind auch 67 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch Zehntausende gefährliche Blindgänger in der Erde - wie sich beim Bombenfund in München wieder einmal gezeigt hat. Bei ANT ist man sich sicher, dass eine Sprengung des Blindgängers in München hätte vermieden werden können. „Eigentlich ist die Entschärfungstechnik inzwischen so weit, dass man Bombenzünder in wenigen Minuten und recht gefahrlos herausschneiden kann. Aber manche Länder setzen diese Möglichkeit noch nicht ein, auch Bayern nicht. Ohne diese modernen Geräte dauert die Entschärfung Stunden, und die Gefahr eines Unfalls ist entsprechend größer. Das ist hochgefährlich für die Kampfmittelräumer“, sagt Linde. Die Bombe habe an der Oberfläche gelegen, und der Zünder sei gut zugänglich gewesen. Unter diesen Bedingungen hätte sich ein Manipulator am Zünder anbringen lassen. In Lübeck glaubt man, die Bombe hätte ferngesteuert und aus sicherer Entfernung entschärft werden können.

          Mehr als 5000 Entschärfungen pro Jahr

          In München ist man freilich anderer Ansicht. Das WAS-Verfahren werde in Bayern schon eingesetzt. Für die Entschärfung der Bombe in Schwabing habe es aber keine Anwendung finden können, heißt es im Innenministerium. Beim WAS-Verfahren wird Wasser mithilfe von Hochdruckpumpen unter Druck gesetzt, bei der Bombenentschärfung sind das rund 700 bar. Durch Schläuche gelangt das Wasser zu dem an der Bombe befestigten Schneidaufsatz, an dem eine Hartmetalldüse montiert ist. Vorher müssen Wasser und Abrasivmittel noch zusammengeführt werden. In der Abrasivmittelzumischeinheit wird ein Teil des Hauptwasserstrahls abgezweigt und in den mit Abrasivmittel gefüllten Druckbehälter geleitet, aus dem dann Granatsand wieder dem Hauptwasserstrahl zugeführt wird. In der Schneiddüse erfolgt die Beschleunigung des Strahls auf knapp 1200 Kilometer pro Stunde. Der Schneidstrahl besteht aus rund 90 Prozent Wasser und zehn Prozent Abrasivmittel. Somit kommt die Technik ohne „Funkenflug“ aus, was eine Explosionsgefahr bedeuten würde.

          Die „Kampfmittelaltlasten“ heißen international „Unexploded Ordnance“ (UXO), nicht oder nicht vollständig explodierte Munition. Besonders hoch ist die Blindgänger-Rate bei Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg. Besonders schwierig zu entschärfen sind heute die Sprengkörper mit chemischen Langzeitzündern, wie man in Schwabing erfahren musste. Sie halten das Gefährdungspotential der Bombe lange aufrecht. Die Detonation wird nicht sofort ausgelöst, sondern um bis zu 140 Stunden verzögert. Auf die Entschärfung solcher chemischer Langzeitzünder, wie sie vor allem in den Fliegerbomben der Amerikaner und Briten zu finden waren, haben sich die ANT-Ingenieure spezialisiert. Mehr als 5000 Entschärfungen pro Jahr haben die deutschen Kampfmittelräumdienste zu leisten. Bei jedem Einsatz riskieren die Fachleute ihr Leben. Aufsehen gibt es nur dann, wenn für die Entschärfung Wohnviertel evakuiert werden, wie jetzt in Schwabing, oder wenn es gar zu Unfällen kommt. Im Juni 2010 etwa kamen in Göttingen drei Kampfmittelexperten um, als ein Blindgänger vor der Entschärfung explodierte. In München war der letzte Bombenfund indes eher kurioser Natur: Im Mai wurde eine Fliegerbombe im Grünwalder Stadion gefunden, wo jahrzehntelang Fußball gespielt worden war.

          Weitere Themen

          Ach du meine Güter

          Frachtverkehr der Bahn : Ach du meine Güter

          Revolution für den Güterverkehr auf der Schiene: Mit moderner Technik sollen Güterwagen so mechanisch gekuppelt werden, dass die schwere körperliche Arbeit wegfällt, die sonst beim Rangieren anfällt.

          Topmeldungen

          Spionage-Kumpan? Ein Foto des Huawei-Logos in der chinesischen Provinz Guangdong

          Papua-Neuguinea : Baute Huawei im Pazifik ein Eingangstor für Spionage?

          In einem vom chinesischen Technologiekonzern Huawei eingerichteten Datenzentrum der Regierung in Papua-Neuguinea gab es offenbar eklatante Sicherheitslücken. Fachleute in Australien gehen davon aus, dass das Absicht war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.