https://www.faz.net/-gum-ygp2

Blogger Han Han : Der charmante böse Junge von Schanghai

Das Enfant terrible Chinas: Han Han legt sich mit allen an Bild: REUTERS

Literat, Provokateur, Rennfahrer, Sänger, Frauenschwarm und nun auch noch Verleger: Was Chinas prominentester Blogger nicht kann, das kann keiner. Han Han steht für ein China, das viele aus der Generation ihrer Eltern kaum wiedererkennen.

          Han Han ist der Albtraum jeder chinesischen Schwiegermutter. Die Schule hat er abgebrochen. Von Beruf ist er Rennfahrer (gefährlich) und Schriftsteller (in China auch gefährlich, wie er selbst sagt, und außerdem brotlos). Bei öffentlichen Auftritten ist er meist von einer Traube junger Mädchen umringt; sie betteln um Autogramme und halten ihm ihre Handys und Digitalkameras vors Gesicht. Er ist ein Spötter und Provokateur und spart nicht mit Kritik am politischen Establishment.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Welche Mutter, welcher Vater würde so einem also die Hand seiner Tochter anvertrauen? Die Frage ist natürlich rhetorisch. Sie soll zeigen, worum es bei dem Phänomen, zu dem der 27 Jahre alte Chinese seit seinem Schulabbruch im Jahr 2000 geworden ist, eigentlich geht. Denn Han Han steht für ein China, das sich in Hochgeschwindigkeit verändert und das viele aus der Elterngeneration kaum mehr wiedererkennen. Er ist das Enfant terrible der modernisierten chinesischen Gesellschaft. Er ist es, der den Individualismus in China mehrheitsfähig machen könnte.

          Er ist ein bisschen „macho“ und klopft gerne Sprüche

          Nicht zufällig gab Han Han seinem neuesten Streich, einer literarischen Zeitschrift, den vielsagenden Namen „Chor der Solisten“. Mit ihr hat er der langen Liste von Berufs- und anderen Bezeichnungen, die seine vielfältigen Tätigkeiten zusammenfassen, nun ein paar Titel mehr hinzugefügt. Jetzt ist Han Han neben Schriftsteller, Rennfahrer, Kommentator, Blogger, Frauenschwarm, Sänger und Promi eben auch noch Verleger. Ein bisschen „macho“ ist er ohnehin, er klopft gern Sprüche und wirkt selbst dabei noch charmant. Die Zeitschrift ist allerdings erst nach monatelanger Planung und Verzögerung durch die Zensur gekommen. Das geplante Cover mit der Zeichnung eines Nackten, dessen Geschlechtsorgan nur mit einem Logo verdeckt war, musste durch ein neutrales Cover ersetzt werden. Auch den ursprünglich geplanten Titel „Renaissance“ hatten die Behörden nicht genehmigt.

          In seinem Weblog bemühte sich Han Han, jegliche Erwartungen an das Magazin zu dämpfen. Man solle nicht damit rechnen, dass es um etwas anderes als Literatur gehe. Seine Fans erhofften sich offenbar, dass die Zeitschrift den sarkastischen Ton seines Weblogs aufnehmen würde, in dem er sich mit spitzer Zunge über die politische Elite lustig macht. Doch die Tiefstapelei hat nichts genützt. Nur vier Tage nach Erscheinen des Magazins, das den englischsprachigen Untertitel „Party“ trägt, soll schon die gesamte erste Druckauflage von einer halben Million Exemplaren verkauft worden sein.

          Kontroversen begleiten von Beginn an seine Karriere

          Einige verwarfen die Zeitschrift, in der 30 Texte verschiedener Autoren versammelt sind, zwar schnell als „Pseudo-Literatur“. Doch es gehört zum Erfolgsrezept des Schriftstellers und Bloggers, der auch manchmal Schnulzen singt, dass seine Literatur auch mal niedergemacht wird. Seine Karriere war von Beginn an von Kontroversen begleitet. Anfangs stritt er sich am liebsten mit anderen Jung-Schriftstellern oder mit Literaturkritikern. Doch seit er 2006 seinen Blog begann, ist er zum bissigen Kommentator der gesellschaftlichen Missstände avanciert. Er legt sich mit korrupten Funktionären, verbohrten Zensoren und politischen Betonköpfen an. Als im Frühjahr das pikante Sex-Tagebuch eines Funktionärs aus dem südchinesischen Guangxi bekannt wurde, bezeichnete Han Han diesen als einen „guten Kader“. Schließlich habe der Mann, Direktor der lokalen Tabakbehörde, „nur“ 60 000 Yuan Schmiergeld genommen. Das sei die niedrigste Summe seit langem.

          Der streitbare Sonnyboy kommt mit solchen Kommentaren auch im Ausland gut an. Das Magazin „Time“ wählte ihn zu einer der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Die Aussage beruht vor allem auf einer simplen Rechnung. Han Hans Weblog ist schon mehr als 300 Millionen Mal aufgerufen worden. Damit ist er der wohl am meisten gelesene Blogger weltweit. In einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN sagte Han Han, er freue sich, von „Time“ so geehrt zu werden, aber es bereite ihm auch Sorgen. Manche in China könnten vermuten, er habe sich mit Ausländern verschworen. Tatsächlich wurde ihm wegen seiner kritischen Haltung schon vorgeworfen, er sei „antichinesisch“.

          In Interviews präsentiert sich Han Han als intelligenter Gesprächspartner

          Weitere Themen

          Olivenbaum und Steinlaterne

          Japanischer Garten in Irland : Olivenbaum und Steinlaterne

          Glückliche Sommer soll Lafcadio Hearn in Tramore verbracht haben. Ein Garten widmet sich dem Leben des Schriftstellers. Doch davon abgesehen, ist dieser Garten aber nicht nur für Literaturfans interessant.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.