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Bloggen über Krankheiten : Das muss doch mal jemand aufschreiben

  • -Aktualisiert am

Steffen Löw berichtet der Welt über sein Leben im Rollstuhl. Bild: Eilmes, Wolfgang

Über seine Erkrankung öffentlich sprechen: Das ist hierzulande noch immer selten. Doch Steffen Löw tut es. In einem Blog. Ihm hilft das sehr.

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          Wenn Steffen Löw seinen Rollstuhl über die knarzenden Dielen Richtung Büro schiebt, dann fährt er an seinem früheren Leben vorbei. Von den Wänden grinst Löw sich selbst entgegen. Safari-Eindrücke: Löw im roten Sand, Löw in Khakimontur, lässig an einen Felsen gelehnt. Die Bilder sind golden gerahmt, sie wirken wie Splitter aus einer anderen Zeit. Aus der Zeit vor dem Unfall.

          Löw rollt ins Zimmer und schiebt sich an den Computertisch heran. Auf der Fensterbank ruht ein Kästchen, da steht: „Auf dass dir nie die Luft ausgeht“. Löw hat Tetraplegie, eine Querschnittslähmung, bei der ihm Arme und Beine nicht mehr gehorchen. Es ist eine Verletzung, wie Superman-Darsteller Christopher Reeves sie hatte. Löw ist gelernter Elektroniker, reparierte am Flughafen schwere Produktionsmaschinen. Heute kann der Zweiundvierzigjährige keine Pinzette mehr zusammendrücken. Einige Finger sind gelähmt, „Krummfinger“ nennt Löw sich manchmal selbst.

          Texte werden mit dem Mund geschrieben

          Seit 2009 führt er einen Blog über seine Behinderung. In den Jahren hat die Seite „eigude.de“, hessisch für „Hallo“, mehr als 300.000 Klicks gehamstert. Am Tag tummeln sich knapp 500 Leute auf dem Blog. Wer „Rollifahrer“ googelt, landet bei seinem Blog. Löw presst die abgeflachte Computermaus mit der Innenseite seiner rechten Hand herunter, ein Sprachprogramm poppt auf. Löw nestelt an einem silbernen Headset, mühevoll streift er es sich über den Kopf. Dann sagt er ins Mikro: „Das ist ein Test.“ Löw schreibt Texte mit dem Mund.

          In seinem Blog schreibt er über Dichtungsscheiben, die gegen das Klappern des Rollstuhls helfen. Darüber, wie er seine Bauchmuskeln kräftigte, damit die seine geborstenen Wirbel stützen. Wenn eine Firma einen Duschtoilettenstuhl auf den Markt bringt, der Kakadu heißt, dann macht sich Löw darüber auf seinem Blog lustig.

          Es gibt immer mehr Menschen in Deutschland, die im Netz ihre Krankheitsgeschichte öffentlich teilen. Die über ihre Chemotherapie twittern. Patienten, die in Youtube-Videos über Depressionen sprechen. Menschen, die sich in Facebook-Gruppen mit anderen Alzheimer-Patienten vernetzen. Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf bloggte bis zu seinem Selbstmord, Henning Mankell schreibt eine Kolumne über Krebs. Über Krankheiten spricht man nicht, schon gar nicht öffentlich – das scheint sich zu ändern. Heute heißt es: Ich, meine Krankheit und ihr alle da draußen.

          Ein Unfall im Safari-Urlaub veränderte sein Leben

          Löw kauert am Küchentisch. Vor ihm, in einer türkis schimmernden Box, lagert seine Medikamentenration. Gelbe und weiße Pillen, fein säuberlich sortiert. Auf seiner hohen Stirn prangen vier Löcher, jeweils zwei auf Höhe der Schläfen. Sie sehen aus wie Windpockennarben. Als Löw in der Klinik war, steckten dort Schrauben, sie hielten den metallenen Ring, der seinen Kopf und die Halswirbel stützte. Ein Brust- und Rückenpanzer schlossen Löw ein wie ein Kokon, neun Monate lang starrte er nur die Decke an.

          Alles wegen dieses Unfalls: 2007 verunglückten Löw und seine Frau im Safari-Urlaub in Namibia mit dem Auto. Dort konnte man Löw nicht helfen, man flog ihn aus. Doch er fieberte. Operieren unmöglich. Die Lunge fiel zusammen, es bildeten sich Narben im Rückenmark. Erst nach zwei Wochen konnten die Ärzte in der Frankfurter Uni-Klinik operieren. Sie tauschten den zertrümmerten Halswirbel aus und setzten Löw eine Art Stoßdämpfer ein. So kann er den Kopf fast normal drehen. Geborstene Wirbel, Medikamente gegen die Spastik, Trainieren auf der Rückenmarkstation.

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