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Blinder Läufer in Kenia : Er rennt gegen Vorurteile an

  • -Aktualisiert am

Im Lauf: Henry Wanyoike (links) mit seinem Freund und Begleitläufer Joseph Kibunja beim Training Bild: Thomas Einberger

Vom ehemaligen Staatschef bekam er den Titel „Grand Warrior“ verliehen. Henry Wanyoike ist blind, Läufer und in Kenia eine Berühmtheit. Das nutzt er, um die Lage der Behinderten in seiner Heimat zu verbessern.

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          Kenias jüngere Generation kleidet sich betont lässig, Henry Wanyoike ist da keine Ausnahme. Mit seinem Trainingsanzug, einer Baseballmütze über den kurzen Haaren und Sportschuhen würde der 37 Jahre alte Leichtathlet im Straßenbild der Hauptstadt kaum auffallen. Wenn er mit seinem besten Freund Joseph Kibunja in Nairobi unterwegs ist, bleiben jedoch immer wieder spontan Passanten stehen und rufen ihm mit begeistertem Gesichtsausdruck aufmunternde Bemerkungen in seiner Sprache Kikuyu zu: „Los, Henry gibt Gas, du läufst auch für uns!“ Manche reden ihn mit „Grand Warrior“ an. Die hohe Auszeichnung hatte ihm der ehemalige Staatspräsident Daniel Arap Moi vor zwölf Jahren verliehen.

          Weil die meisten Kenianer den Marathonläufer mit der zierlichen Statur aus den Medien kennen, gleicht ein Spaziergang einem Bad in der Menge, und es ist Henry Wanyoike deutlich anzumerken, dass er diese Momente auskostet. Sehen kann er seine Bewunderer nicht. Wanyoike, der bei seinen Ausflügen auf den Begleiter Joseph und seinen Blindenstock angewiesen ist und stets eine überdimensionierte Brille trägt, hat Mitte der neunziger Jahre sein Augenlicht eingebüßt.

          Voller Zuversicht

          Geschlagen gab er sich deshalb nicht. Mit Ausdauer, Fleiß und ungebrochener Willenskraft stieg er zu einem der bekanntesten blinden Leichtathleten auf. Als Teilnehmer an den Paralympischen Spielen für Sportler mit Behinderungen hielt er bis 2008 den Weltrekord im Marathonlauf. Zu den vielen Auszeichnungen, die er nach Hause brachte, zählt auch der Laureus World Sports Award, der ihm als erstem kenianischen Leichtathleten mit Behinderung 2005 zugesprochen wurde. Ein schwerer Autounfall warf ihn 2008 aus dem Rennen. Jetzt fühlt er sich wieder fit. Voller Zuversicht trainiert er für die kommenden Paralympischen Spiele, die - nach den Olympischen Spielen - vom 29. August bis zum 9. September in London stattfinden. Er will es noch mal wissen.

          Wanyoike und sein treuer Begleiter bei einem Wettkampf
          Wanyoike und sein treuer Begleiter bei einem Wettkampf : Bild: Thomas Einberger

          Henry Wanyoike ist ein Kikuyu, spricht Kikuyu und ist in einer Nachbarstadt Nairobis mit dem Namen Kikuyu aufgewachsen. Seine Kindheit lag nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Er wohnte mit seiner Familie in einer städtischen Armensiedlung, wo er sich in seiner Jugend unter anderem mit dem Verkauf gebrauchter Schuhe über Wasser hielt. Kaum 22 Jahre alt, musste er einen Schicksalsschlag hinnehmen. „Ich hatte in der Nacht wohl einen leichten Schlaganfall bekommen“, erinnert er sich. „Vielleicht habe ich zu heftig nachgedacht“, fügt er lächelnd hinzu. Vermutlich wurde dabei der Sehnerv geschädigt. Denn er konnte seine Umwelt nur noch schemenhaft wahrnehmen.

          „Auf einen Schlag ständige Nacht“

          Im Krankenhaus konnte man ihm nicht weiterhelfen. Zwei Wochen später waren auch die verbliebenen fünf Prozent Sehvermögen verschwunden. „Auf einen Schlag ständige Nacht“, sagt Henry Wanyoike. Er wurde zum Gefangenen seines Körpers. Lange habe er sich an die Hoffnung geklammert, das Sehvermögen doch noch zurückzuerlangen. „Zahllose Krankenhäuser habe ich aufgesucht, alle möglichen Medikamente geschluckt, geholfen hat es nicht.“ Schließlich kam er im Kikuyu Eye Hospital, das seiner Effizienz wegen in ganz Ostafrika einen guten Ruf besitzt, in Kontakt mit der in Bensheim ansässigen Christoffel Blindenmission, die das Krankenhaus finanziell unterstützt. „Dort fand ich zum ersten Mal richtige Unterstützung“, sagt Wanyoike, der sich damals in jedem Sinne in aussichtsloser Lage wähnte. „Die Mitarbeiter haben mich ermutigt, nicht aufzugeben.“

          Wanyoike in dem Kindergarten „House of Hope“, den er zusammen mit seinem Begleitläufer aufgebaut hat
          Wanyoike in dem Kindergarten „House of Hope“, den er zusammen mit seinem Begleitläufer aufgebaut hat : Bild: Thomas Einberger

          Seine Betreuer bewegten ihn dazu, an den Kursen in einem staatlichen Rehabilitationszentrum teilzunehmen. „Dort lernte ich Menschen mit demselben Schicksal kennen. Das hat mir geholfen, mich mit meinem Los abzufinden.“ Henry erlernte die Blindenschrift Braille und Maschinenschreiben. Dann begann er die Ausbildung zum Strickmeister, die er im Alter von 26 Jahren mit dem Diplom abschloss. Noch heute übt der Blinde diesen Beruf aus. Inzwischen hat er dank Spenden eine kleine Werkstätte, die er in einer Garage eingerichtet hat. Mit anderen blinden Handwerkern fertigt er dort Pullover und verdient damit ein bisschen Geld.

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