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Blindensport : Mit den Ohren sehen

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Beim Dortmunder Torball-Training: Der Ball darf die Leinen nicht überspringen. Alle Spieler tragen eine lichtundurchlässige Brille, für die Chancengleichheit Bild: Schoepal, Edgar

Wenn Blinde Torball oder Fußball spielen, müssen sie sich auf andere Sinne verlassen. Ein Besuch bei einem Vereine für Sehbehinderte.

          Die Spieler tragen schwarze Gesichtsmasken, die sie manchmal für Augenblicke ins Haar zurückschieben, um sich etwas Luft zu verschaffen. Wenn sie Angriffe von der Gegenseite erwarten, kauern sie nebeneinander, um sich dann in ganzer Länge auf den Boden zu werfen, Arme und Beine von sich gestreckt. Jubelrufe sind verpönt, Beifall unerwünscht, Kommentare der Zuschauer zum Spielverlauf werden oft mit einem Platzverweis geahndet: freundlich zwar, aber mit Nachdruck.

          Die Sportstätten der Gesamtschule Gartenstadt in Dortmund werden an den meisten Wochenenden nur für Wettkämpfe genutzt. Wenn die beiden Vereine für Blinde und Sehbehinderte dort trainieren, wirkt die geräumige Halle an der Schwarzebecker Straße allerdings wie ausgestorben. Davon, dass jeweils zwei Mannschaften mit ganzem Körpereinsatz Fußball oder Torball spielen, ist jedenfalls nichts zu hören. Oder nur wenig, wenn denn mal ein Tor fällt. Beim Torball nämlich, einer speziellen Blindensportart, herrscht einträchtige Ruhe. Den einzigen Lärm machen die schrillen Pfiffe der Schiedsrichter. Dann kommt doch etwas Leben auf, weil der Ball im Tor gelandet ist oder ein Strafwurf fällig wird.

          Nach Schätzungen des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes leben in Deutschland 155.000 blinde und mehr als eine halbe Million sehbehinderte Menschen. Jeder fünfte von ihnen ist älter als 65, mehr als 40 Prozent haben die 80 schon überschritten. Als blind gilt bei uns, wer entweder gar nichts von der Außenwelt sieht oder nur ein Sehvermögen von höchstens zwei Prozent besitzt. „Wir sehen mit den Ohren“, sagt Torball-Spielerin Monika Bender nach dem Match.

          Bundesliga mit neun Teams

          Welche Richtung der Ball nehmen könnte, der die Größe und das Gewicht eines gewöhnlichen Volleyballs hat? „Das verraten der Luftzug und die Aufschläge des Leders auf dem Boden“, erklärt sie lächelnd. Die 33 Jahre alte Sportlerin ist hochgradig sehbehindert und spielt seit fünf Jahren im Verein. Sie trainiert am Nachmittag mit ihrem blinden Ehemann zusammen. Carsten Bender, der Blinden- und Sehbehinderten-Pädagogik studiert hat und in diesem Fach derzeit seine Doktorarbeit schreibt, ist einer von drei Dutzend aktiven Torball-Spielern im 1891 gegründete Blinden- und Sehbehindertenverein Dortmund.

          Er hört dem Ball genau zu: Siegfried Saerberg, ein blinder Soziologe, der das Training in Dortmund verfolgt, hat Spielszenen auch in ein Hörbuch aufgenommen

          In den beiden Dortmunder Vereinen wird neben Torball auch Fußball und seit drei Jahren eine Tischtennis-Variante namens „Show-Down“ gespielt. Bemerkenswert, dass zwei Proficlubs, nämlich der Chemnitzer FC und der FC St. Pauli, in ihren Amateur-Fußballabteilungen seit einiger Zeit auch blinde Teams in ihren Reihen haben. Blindenfußball ist in Deutschland mit der Weltmeisterschaft 2006 populär geworden. Inzwischen existiert eine Bundesliga mit neun Teams, und längst gibt es auch eine Nationalmannschaft. Bei der Europameisterschaft in Nantes vor drei Jahren belegte sie den fünften Platz. In Brasilien und Spanien, wo es in Vereinen organisierte Blinden-Fußballer seit 20 Jahren gibt, finden sich zu den Spielen oft 5000 und mehr zahlende Fans ein.

          Die Dortmunder Halle gehört zu einem der am besten ausgestatteten Trainingszentren für Blinden- und Sehbehindertensport in Deutschland. Die Handläufe an den Treppen tragen unauffällige Hinweise in Blindenschrift, die Fußböden in den Fluren weisen mit dünnen Blechplatten den Weg in die Halle. Deren Wände sind zur Geräuschdämmung bis unter die Decke mit schweren Vorhängen gepolstert. Beim Torball liegen innerhalb des Spielfelds vor den Toren flache Matten, an deren Kanten die Spieler ihre Position ausrichten. Das Spielfeld ist 16 Meter lang und sieben Meter breit. Die Tore, ebenfalls sieben Meter breit, sind 1,30 Meter hoch. Sich nebeneinander auf den Boden zu legen, schließt das Tor nicht verlässlich: Die Bälle dürfen knapp kniehoch geworfen werden und springen zum Beispiel an ungeschickt abgewinkelten Armen oder Beinen unberechenbar in die Höhe.

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