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Blackout : Stromausfall: Fast ganz Italien im Dunkeln

  • -Aktualisiert am

Rom ohne Strom Bild: AP

Die meisten Italiener schliefen in den größten Stromausfall ihres Landes völlig entspannt hinein. Von Nord nach Süd, von den Alpen bis Sizilien - Sardinien ausgenommen - keine Elektrizität: Das hatte es noch nie gegeben.

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          Die meisten Italiener schliefen in den größten Stromausfall ihres Landes völlig entspannt hinein. Kein Grund zur Unruhe, daß mitten in der Nacht von Samstag auf Sonntag die elektrische Weckeruhr ohne Anzeige blieb. Kein Grund zur Besorgnis, daß an einem Sonntagmorgen die ohnehin gedämpften Geräusche, wie das Rucken des Fahrstuhls oder das Dröhnen eines Staubsaugers, ausblieben, der übliche Lärmpegel, etwa von Rom, niedriger lag.

          Vielleicht wurden die Hausfrauen mißtrauisch, als sie aus der Küche länger nicht mehr das Surren des Kühlschranks, der Eistruhe hörten. Erst langsam sprach es sich herum, daß Italien von einem landesweiten Stromausfall betroffen war. Von Nord nach Süd, von den Alpen bis Sizilien - Sardinien ausgenommen - keine Elektrizität. Das hatte es noch nie gegeben, in einem Land, für dessen Bewohner eine Unterbrechung des Stroms für ein paar Minuten, auch schon mal ein paar Stunden, nichts Ungewöhnliches darstellt. Wenn auch in den vergangenen Jahren mit abnehmender Häufigkeit.

          Gespenstisch leer

          Eine technische Störung in Norditalien, so erfuhr man meist aus dem Autoradio oder den von Batterien betriebenen Geräten, eine technische Störung also gegen halb vier Uhr in der Früh habe zu einer Kettenreaktion über die ganze Apennin-Halbinsel geführt, so daß zuerst fast alles im Dunkeln lag und dann die Städte wie Venedig oder Rom geradezu gespenstisch leer und unbeleuchtet erwachten.

          Der Petersdom im Dunkeln
          Der Petersdom im Dunkeln : Bild: AP

          Die Ursachen waren am Sonntag noch nicht genau anzugeben, wurden jedoch mit Blick auf die Nachbarländer Frankreich und die Schweiz, die ebenfalls am frühen Sonntag morgen eine Viertelstunde ohne Strom zurecht kommen mußte, lokalisiert. Italien ist mit eigenem Strom unterversorgt: Es fehlt an Kraftwerken, deshalb muß Elektrizität importiert werden. Staatspräsident Carlo Ciampi war trotz seiner bald 83 Jahre der erste und schnellste, der auf diesen Fehlbestand reagierte und bei einer Gedenkfeier in Neapel auf Abhilfe - "auch mit alternativen Energiequellen" - drang. In Italien gibt es kaum Strom von Atomkraftwerken oder Windmühlen. Aus Frankreich kam auch eine Bestätigung, es habe zwei "sehr kurze Unterbrechungen" in zwei Leitungen gegeben, doch auf italienischem Gebiet; mithin liege die Verantwortung nicht auf französischen Schultern. Vielleicht hatten gar die perfekten Schweizer den Fehler verursacht, fragte man sich in Italien öffentlich.

          Düstere Bilanz

          Von den Blackout-Fällen der vergangenen Monate in den Vereinigten Staaten mit Kanada und London hatten die Italiener auch gelernt und noch in frischer Erinnerung, daß so etwas Peinliches erstens allen, selbst den Klassenbesten, passieren kann, deshalb nicht unbedingt und sofort die Regierung daran schuld sein müsse. Zum anderen wußte man dadurch, was man besser nicht tun sollte, wenn man es nicht schon getan hatte. Einen Fahrstuhl besteigen. Eine Reise mit der Tram, der Eisenbahn oder dem Flugzeug antreten wollen. Nicht elend krank sein und etwa bei Atemweg-Behinderungen auf elektrische Maschinen angewiesen sein. In den Krankenhäusern hörte die Gelassenheit auf, da die Notstrom-Aggregate nur einige Stunden Strom liefern können und die Reserven an Kraftstoff dafür nicht ausreichend waren. Deshalb wird es vermutlich noch eine düstere Bilanz der indirekten Opfer des Stromausfalls geben.

          Ansonsten sind sich die Fachleute einig, daß Italien Glück hatte. Die Störung hätte zu keiner günstigeren Zeit als halb vier Uhr morgens, mit einem fast "historischen Minimalverbrauch", wie es hieß, zwischen Samstag und Sonntag eintreten können. Die Römer zum Beispiel waren teilweise gerade erst nach Hause gekommen. Zu Hunderttausenden nämlich hatten sie bis früh in den Morgen die Innenstadt bevölkert. Denn "SPQR" ("Senat und Volk von Rom"), der Bürgermeister Veltroni und die anderen Stadtväter, hatten eine "Weiße Nacht" ausgerufen, in der Museen und andere öffentliche Einrichtungen, Geschäfte, Bars und Ristoranti so lange wie möglich offen haben sollten.

          Notstromaggregat im Vatikan

          Auch der Papst konnte sich wie geplant von seinem Fenster aus an die mehreren Tausend Gläubigen und Touristen auf dem Petersplatz mittels Mikrofon wenden und die Namen der neuen Kardinäle vortragen. Der Vatikan verfügt über ein eigenes Notstromaggregat. Ansonsten nahm man das Strom-abhängige Leben in der Ewigen Stadt einfach etwas später auf. In Mailand, der betriebsamen Lombarden-Metropole, hatte man es besonders eilig und schon gegen halb sieben Uhr früh wieder geschafft. In anderen Landesteilen, besonders in Mittel- und Süditalien dauerte es noch ein paar Stunden länger. Italien gewann von Nord nach Süd wieder Licht und Leben zurück.

          Aber die Opfer und volkswirtschaftlichen Schäden wird man erst in den nächsten Tagen genauer zählen oder gar nicht angeben können. Schon jetzt weiß man, daß die Abhängigkeit von ausländischen Stromlieferanten gemindert und die Möglichkeit eines Totalausfalls des gesamten nationalen Stromnetzes grundsätzlich ausgeschlossen werden muß. Die ersten Vorschläge aus der Regierung, man plane insgesamt 26 neue Kraftwerke fanden deshalb erst einmal Beifall.

          Deutschland ist gesichert

          Daß Deutschland einen Sonntag im Halbdunkeln erlebt, ist übrigens so gut wie ausgeschlossen. Sagen zumindest die energiewirtschaftlichen Fachleute. Zur Begründung wird vor allem auf den weit besseren Zustand des deutschen Netzes hingewiesen, das viel engmaschiger ist: Selbst wenn ein Kraftwerk ausfallen oder die Leitung an einer Stelle zusammenbrechen sollte, würde die Stromversorgung über andere Wege sichergestellt.

          Allerdings ist es der deutschen Energiewirtschaft am Sonntag offenbar nur durch eine schnelle Reaktion gelungen, daß sich der Stromausfall in Italien und im Tessin auch auf das hiesige Stromnetz auswirken konnte. In Deutschland seien sofort Pumpspeicherwerke in Betrieb genommen worden, um Strom zu verbrauchen und so ein Überschreiten der Normalnetzfrequenz zu verhindern, teilte der drittgrößte heimische Stromkonzern, Vattenfall Europe, mit.

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