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Affäre um Tebartz-van Elst : Kummerkasten für Katholiken

Er ist nicht mehr da, trotzdem dreht sich in Limburg noch alles um seinen ehemaligen Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Bild: dpa

Im Bistum Limburg soll nach der monatelangen Affäre um Tebartz-van Elst Ruhe einkehren. Zweifelnde Kirchenmitarbeiter können nun ein eigens eingerichtetes Sorgentelefon anrufen. Es geht um Demütigungen, Verletzungen und Lügen.

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          Beim Namen genannt wird er in dem Brief kein einziges Mal. Aber man braucht kein Insider des Bistums Limburg zu sein, um zwischen den Zeilen nach nur einem Absatz mühelos seinen Namen herauszulesen: Franz-Peter Tebartz-van Elst. Nach der heftigen Kritik an seiner autoritären Amtsführung, den explodierenden Kosten seines „Luxus-Wohnsitzes“ auf dem Limburger Domberg und den sich häufenden Vorwürfen, er habe mehr als nur einmal die Unwahrheit gesagt, führt der ehemalige Bischof von Limburg zwar seit vergangenem Oktober nicht mehr die Amtsgeschäfte. Die breite Schneise der Verwüstung, die er quer durch das Bistum in seiner fast fünfjährigen Amtszeit geschlagen hat, ist aber auch rund ein Jahr nach seinem Rückzug alles andere als beseitigt.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Wiederaufbau stockt. Das verdeutlicht nur zu greifbar ein Brief, der Ende Juli allen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitgliedern der sogenannten synodalen Gremien, zu denen beispielsweise auf der untersten Ebene die Pfarrgemeinderäte zählen, ins Haus flatterte; geschrieben hat ihn Weihbischof Manfred Grothe, der als Apostolischer Administrator zurzeit in Limburg die Geschäfte leitet, bis ein neuer Bischof gewählt ist.

          Er habe „in vielen Gesprächen und Begegnungen erlebt“, dass „in den vergangenen Monaten und Jahren Menschen aus dem Bistum Limburg auf unterschiedliche Weise persönliche Verletzungen und Kränkungen zugeführt wurden“, schreibt Grothe. Es sei sein „ausdrücklicher Wille, dass diese Menschen mit ihren bedrückenden Erfahrungen nicht allein bleiben“. Deshalb, so erfährt der Leser nach mehreren Absätzen des zweiseitigen Briefs, wird vom 1.September an eine Telefon-Hotline eingerichtet – für all jene, die zur Sprache bringen wollen, „was ihnen widerfuhr beziehungsweise was sie bei sich erlebten“.

          Die Kernmannschaft leidet unter den Demütigungen und Verletzungen

          Eine Kummer-Nummer für Tebartz-van Elst-Geschädigte? Der Gedanke, wie weit es mit der katholischen Kirche im Bistum Limburg und auch darüber hinaus gekommen ist, kommt dem Leser von Grothes Zeilen schnell. Ein Sorgentelefon für die eigenen Mitglieder soll es sein, fünf Tage die Woche, jeweils einundeinhalb Stunden. Beginnt man bei Bistumsmitarbeitern sowie aktiven Kirchenmitgliedern in der Tebartz-van-Elst-Wunde herumzupieksen, wird schnell klar: Seelsorge für die Kernmannschaft, das hat Limburg wirklich nötig.

          Auf den ehemaligen Bischof angesprochen – der auch nach seinem Amtsverzicht nichts Schlimmes daran finden konnte, noch monatelang in dem millionenschweren Domizil in Limburg zu wohnen und erst in diesen Tagen nach Regensburg umzuziehen –, stöhnen viele Katholiken aus dem Bistum auf. Schilderungen, auf welche Weise Tebartz-van Elst Menschen durch sein Verhalten gedemütigt und verletzt hat, tauchen immer wieder auf.

          Betroffene erzählen, sie hätten sich von dem Mann mit der Mitra nicht ernst genommen gefühlt und sich in der Zusammenarbeit mit ihm oft als hilflos empfunden. Die Bandbreite der Erzählungen reicht von der Androhung arbeitsrechtlicher Schritte bis zu Erschütterungen des persönlichen Glaubens. Und immer wieder tauchen dieselben Fragen auf: Hätte man es nicht früher merken können? Hätte man nicht schneller einschreiten müssen?

          Angebot an Kirchenmitarbeiter, die ins Zweifeln gekommen sind

          Solche Bedrängnisse können Limburger Katholiken nun drei Monate lang anonym am Telefon loswerden. Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals gab es in der katholischen Kirche zwar schon mal das Angebot einer Telefon-Hotline für Betroffene. Aber im Zusammenhang mit dem Fehlverhalten eines einzelnen Bischofs ist das ein Novum in der deutschen Bistumslandschaft.

          Der Diözesansynodalrat, ein Gremium aus Laien und Hauptamtlichen, das den Bischof bei allen wichtigen Entscheidungen beraten soll, hat den Apostolischen Administrator darin bestärkt, die Telefonaktion ins Leben zu rufen; auch der ehemalige Priesterrat, der mit Tebartz-van Elsts Weggang eigentlich seine Aufgabe verloren hat, den Grothe aber noch zu Beratungen zusammenruft, war dafür.

          „Uns war es wichtig, den Menschen, die bei den Vorkommnissen der vergangenen Monate nicht direkt in den Blick geraten sind, eine Möglichkeit zum Gespräch zu geben“, sagt Ingeborg Schillai. Sie ist im Vorstand des Diözesansynodalrats. „Die Verletzungen engagierter Kirchenmitglieder, die vielleicht nicht direkt betroffen sind, die die Ereignisse von Limburg aber zweifeln lassen, wurden bisher häufig übersehen. Sie sollen nun eine Möglichkeit haben, sich ihre Gedanken von der Seele zu reden.“ Auch Reinhold Kalteier, Sprecher des ehemaligen Priesterrates, glaubt, dass „die Dimension der persönlichen Verletzungen und Lügen in der bisherigen Aufarbeitung der Ereignisse der letzten Jahre noch eine zu geringe Rolle spielt“.

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