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Bill Gates im Gespräch : „Wir müssen Polio ausrotten“

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Überzeugungs- und Wohltäter: Microsoft-Gründer Bill Gates bei seinem Besuch in Berlin Bild: Jens Gyarmaty

Microsoft-Gründer Bill Gates hat in den vergangenen 20 Jahren gut 30 Milliarden Dollar für Entwicklungshilfe ausgegeben. Im Gespräch mit der F.A.Z. fordert er Deutschland auf, sich finanziell stärker zu engagieren.

          6 Min.

          Herr Gates, was fällt Ihnen zu Deutschland ein?

          Ganz bestimmt nicht nur eine Sache. Deutschland hat viel geleistet. Ich bin aber nach Berlin gekommen, weil ich Ihr Land noch mehr für meine Anstrengungen um die Ärmsten der Armen gewinnen möchte. Die deutsche Entwicklungshilfe könnte sicher noch intelligenter eingesetzt werden. Wir haben bereits eine Reihe von Partnerschaften zu Agenturen wie etwa der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) geknüpft. Doch mir ist zum Beispiel auch die andauernde Unterstützung Deutschlands für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria wichtig, für die Globale Impfstoff-Allianz und ganz besonders für die Ausrottung der Kinderlähmung, wofür ich persönlich momentan die meiste Zeit aufbringe.

          Gibt es etwas, für das Sie Deutschland besonders bewundern oder das Sie besonders stört?

          Deutschland ist ein Land, das viel Geld für Entwicklungshilfe ausgibt. Im Vergleich zum Verteidigungshaushalt macht Entwicklungshilfe einen relativ großen Anteil aus. Deutschland ist damit humanitärer als viele andere Staaten. Doch Deutschland sollte auch ein Versprechen einlösen, das alle europäischen Staaten mit den Millennium-Entwicklungszielen gegeben haben: Bis 2015 soll die Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen.

          Dafür müsste Deutschland seine Entwicklungshilfe verdoppeln.

          Es wäre nicht ganz eine Verdopplung, Deutschland liegt seit einiger Zeit bei etwa 0,39 Prozent. Schon rein mathematisch gesehen, kommt man von 0,39 auf 0,7 nur, wenn die Mittel erhöht werden. Und darum geht es mir. Denn Deutschlands Einfluss kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Fast automatisch richten sich alle Blicke auf das Land, das wirtschaftlich bei weitem am besten von allen großen Nationen aufgestellt ist. Selbst wenn Deutschland das Ziel bis 2015 nicht erreicht - jede Erhöhung, die es in den nächsten Jahren in die Nähe der 0,7-Prozent-Marke bringt, wäre ein Fingerzeig. Großbritannien zum Beispiel hat viel größere Haushaltsprobleme und musste seine Etats teils drastisch kürzen. Die Hilfe für die Ärmsten wurde allerdings trotzdem erhöht. So wird Großbritannien das 0,7-Prozent-Ziel in diesem Jahr erreichen.

          Einige europäische Länder haben die 0,7-Prozent-Marke ja schon seit einigen Jahren erreicht.

          Das stimmt. Es gibt seit Jahrzehnten vier Engel: die Niederlande, die sich aber nun erstmals 2014 leider wieder von der Marke entfernen werden, Schweden, Norwegen und Dänemark. Die drei skandinavischen Länder stehen fest zu den 0,7 Prozent, erhöhen die Entwicklungshilfe sogar und denken stetig über neue Wege nach, wie sie die Gelder noch besser einsetzen können. Das ist phänomenal. Ich will Deutschlands Großzügigkeit allerdings nicht kleinreden, 0,39 Prozent sind nicht wenig, Ihre Landsleute dürfen stolz darauf sein, was Ihre Regierungen bisher geleistet haben. In einer Zeit aber, in der überall die Gelder gekürzt werden, muss sich Deutschland seiner Verantwortung stellen. Wir brauchen verlässliche Mittel, nur so können wir Malaria-Tote verhindern, Menschen ernähren und Aids-Kranke mit Medikamenten versorgen. Die Zahl der Aids-Kranken zum Beispiel wird weiter steigen. Wenn wir die Gelder nicht weiter erhöhen und die Menschen nicht therapiert werden können, bedeutet das nichts anderes als den sicheren Tod für sie.

          Deutschland wird 2015 den Vorsitz der Gruppe der acht größten Industrienationen übernehmen. Welche weiteren Forderungen haben Sie an unser Land?

          Ich fordere gar nichts von Deutschland...

          ... aber Sie erhoffen sich bis dahin noch mehr?

          Ich erhoffe mir, dass Deutschland, das Land, das sich schon immer für die Belange der Armen eingesetzt hat, weiter vorangeht und sich der 0,7-Prozent-Zielmarke annähert. Ist die Entwicklungshilfe erst einmal erhöht, müssen die Gelder nur noch richtig eingesetzt werden. Zum Beispiel für neues Saatgut, das mehr Produktivität verspricht, oder Impfstoffe, mit denen Infektionskrankheiten wie zum Beispiel Kinderlähmung ausgerottet werden können. Tatsächlich können wir Polio bis 2015 ausrotten, dafür aber sind wir auf Deutschlands Großzügigkeit angewiesen.

          Die letzten Polio-Zahlen waren allerdings nicht so vielversprechend.

          Ich bleibe zuversichtlich. Auf der ganzen Welt hatten wir zuletzt weniger als 250 Fälle, die meisten davon in Nigeria. Und die Zahlen in Afghanistan und Pakistan sind von 2011 auf 2012 um zwei Drittel zurückgegangen. Beunruhigend waren allerdings die Übergriffe auf Impfhelfer in Pakistan im Dezember. Doch seither wurde die Sicherheit der Mitarbeiter erhöht, die Impfkampagne konnte abgeschlossen werden, neue Fälle wurden nicht bekannt. In diesen Ländern ist es nicht einfach zu arbeiten, darum sind im großen Budget für den Kampf gegen Polio auch Gelder für Sicherheitsmaßnahmen vorgesehen. Wir dürfen die gute Gelegenheit jetzt nicht verstreichen lassen: Wenn wir Polio jetzt nicht ausrotten, kommt es vielleicht bald schon mit Macht auf der ganzen Welt zurück. Das wäre eine Katastrophe.

          Vor drei Jahren haben Sie, Warren Buffett und Mark Zuckerberg die Kampagne „The Giving Pledge“ gegründet. Viele haben sich darin verpflichtet, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für die gute Sache zu spenden. Es heißt, deutsche Milliardäre wollten sich an der Kampagne nicht beteiligen. Hat diese Einstellung etwas mit unterschiedlichen Geisteshaltungen zwischen alter und neuer Welt zu tun?

          Die Kampagne, an der sich mittlerweile 92 Personen beteiligen, konzentrierte sich bislang auf die Vereinigten Staaten. Zusagen gibt es daher auch nur von Amerikanern. Wir sind aber dabei, den Kreis zu erweitern, und werden in ein oder zwei Monaten auch an die Öffentlichkeit gehen. Bis dahin hoffen wir auch auf eine deutsche Beteiligung. Allerdings kann man sagen, dass die Tradition der Philanthropie und die stark gestiegene Bereitschaft, sich philanthropisch zu betätigen, ein vor allem amerikanisches Phänomen ist.

          Aber warum ist das so?

          Wir haben wohl besonders verinnerlicht, dass die Regierung alleine nicht in der Lage ist, alle Probleme zu lösen. Regierungen sind dafür einfach nicht schnell und innovativ genug. Diese Einstellung geht zurück auf Carnegie und Rockefeller. Eine Vielzahl medizinischer Errungenschaften wurde zum Beispiel von Rockefeller finanziert. Sie verstanden auch früh, dass Marktwirtschaft keine Rücksicht auf Arme nimmt. Wohltätige Stiftungen spielen also eine wichtige Rolle in Amerika. Es ist großartig für mich zu erleben, dass diese Einstellung sich immer mehr durchsetzt. Mittlerweile betätigt sich jeder, der in Amerika zu Reichtum gelangt ist, philanthropisch. Je mehr sich beteiligen, desto mehr fühlen sich angesprochen. Man könnte sagen, wir sind die kritische Masse der amerikanischen Gesellschaft.

          Ihre Stiftung ist die größte wohltätige Unternehmung in der Menschheitsgeschichte.

          Das stimmt. Aber um das gleich richtig einzuordnen: Wir geben drei Milliarden Dollar im Jahr aus, die Entwicklungshilfe aller Regierungen liegt bei 130 Milliarden, Deutschland bringt rund 15 Milliarden auf. Wir sind also kein Niemand, aber nur gemeinsam und als Partner können wir die von allen gesteckten anspruchsvollen Ziele erreichen. So haben wir in 15 Jahren die Kindersterblichkeit halbiert. Doch es sterben noch immer sieben Millionen Mädchen und Jungen. Mit vereinten Kräften können wir die Zahl in den nächsten 15Jahren noch einmal halbieren.

          Wie wählen Sie Ihre Projekte aus?

          Für mich ist jedes Leben gleich viel wert. Unser Ziel ist es darum, die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern. Ich bin Geschäftsmann, ich verschwende mein Geld nicht. Darum fragen wir uns: Wo und auf welchem Gebiet hat unser Geld die größte Wirkung? Impfstoffe sind geradezu magisch, sie kosten wenig und retten viele Leben, wenn sie erst einmal entwickelt und bei den Menschen sind, was durchaus teuer und kompliziert sein kann. Doch am Ende zahlt es sich genau so aus wie die Entwicklung von neuem Saatgut. Auch auf diesem Gebiet ist die Forschung kostspielig, doch wenn die Samen erst einmal bei den Bauern sind, ernähren sie nicht nur die Familie, sie sorgen letztlich auch dafür, dass die Kinder zur Schule gehen können. Wir können mit ein paar Tausend Dollar Leben retten. Das scheint verrückt, und man fragt sich unweigerlich, warum wir nicht viel früher damit angefangen haben.

          Gab es ein Schlüsselerlebnis für Sie?

          Vor Jahren habe ich 40 Millionen Dollar für die Erforschung von Malaria-Impfstoffen zur Verfügung gestellt. Danach erfuhr ich, dass ich mit dieser Summe zum größten Geldgeber der gesamten Malaria-Impfstoff-Forschung geworden bin. Und das bei einer der schlimmsten Infektionskrankheiten der Welt, an der Millionen Kinder jedes Jahr sterben! Für die Entwicklung von neuen Haarwuchs- und Potenzmitteln wird ein Vielfaches ausgegeben. Die Prioritäten waren also völlig falsch gesetzt. Jeder sieht das sofort ein, wenn man es ihm nur vor Augen führt.

          Wäre es für Sie und Ihre Arbeit nicht leichter, wenn Sie Politiker wären?

          Ich denke nicht, dass ich gut als Politiker wäre. Bei Microsoft habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Innovationen zu nutzen und die zur Verfügung stehenden Mittel richtig einzusetzen. Genau das leistet unsere Stiftung: Wir unterstützen die besten Wissenschaftler, wir führen Studien durch und lassen Projekte, die uns nicht effizient erscheinen, einfach fallen. Politiker, die auf Zeit gewählt werden, können nicht so arbeiten wie meine Frau Melinda und ich, die wir das lebenslang machen werden. Mich kann man nicht abwählen, nur weil sich niemand mehr für Kinderlähmung interessiert. Ich habe mich der Ausrottung von Polio verschrieben. Und ich werde alles tun, was dafür nötig ist.

          Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.

          Der Wohltäter

          Die Cola light steht schon bereit, genau drei Eiswürfel im Glas. Bill Gates war gerade in Potsdam bei der SPD. Dort wurde ihm bedeutet, selbst ein Kanzler Peer Steinbrück könne das hehre Ziel, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfe aufzubringen, nicht bis 2015, sondern nur über Jahre erreichen. Der 57Jahre alte Gates, noch immer einer der reichsten Männer der Welt, wirkt schmächtig. Seine Sicherheitsleute hat er im Foyer des Hotels Adlon zurückgelassen. Sich fotografieren zu lassen ist ihm sichtlich unangenehm. Erst nach einer Weile entspannt er sich und redet vor allem über seine Stiftung, die in den vergangenen 20 Jahren gut 30 Milliarden Dollar für Entwicklungshilfe ausgegeben hat. In Berlin trifft Gates am Dienstag auch Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP). Gemeinsam kündigen sie an, dass das Ministerium und die Bill & Melinda Gates Stiftung jeweils 20Millionen Euro für den Kampf gegen den Hunger auf der Welt zur Verfügung stellen. (pps.)

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