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Bill Gates im Gespräch : „Wir müssen Polio ausrotten“

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Ihre Stiftung ist die größte wohltätige Unternehmung in der Menschheitsgeschichte.

Das stimmt. Aber um das gleich richtig einzuordnen: Wir geben drei Milliarden Dollar im Jahr aus, die Entwicklungshilfe aller Regierungen liegt bei 130 Milliarden, Deutschland bringt rund 15 Milliarden auf. Wir sind also kein Niemand, aber nur gemeinsam und als Partner können wir die von allen gesteckten anspruchsvollen Ziele erreichen. So haben wir in 15 Jahren die Kindersterblichkeit halbiert. Doch es sterben noch immer sieben Millionen Mädchen und Jungen. Mit vereinten Kräften können wir die Zahl in den nächsten 15Jahren noch einmal halbieren.

Wie wählen Sie Ihre Projekte aus?

Für mich ist jedes Leben gleich viel wert. Unser Ziel ist es darum, die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern. Ich bin Geschäftsmann, ich verschwende mein Geld nicht. Darum fragen wir uns: Wo und auf welchem Gebiet hat unser Geld die größte Wirkung? Impfstoffe sind geradezu magisch, sie kosten wenig und retten viele Leben, wenn sie erst einmal entwickelt und bei den Menschen sind, was durchaus teuer und kompliziert sein kann. Doch am Ende zahlt es sich genau so aus wie die Entwicklung von neuem Saatgut. Auch auf diesem Gebiet ist die Forschung kostspielig, doch wenn die Samen erst einmal bei den Bauern sind, ernähren sie nicht nur die Familie, sie sorgen letztlich auch dafür, dass die Kinder zur Schule gehen können. Wir können mit ein paar Tausend Dollar Leben retten. Das scheint verrückt, und man fragt sich unweigerlich, warum wir nicht viel früher damit angefangen haben.

Gab es ein Schlüsselerlebnis für Sie?

Vor Jahren habe ich 40 Millionen Dollar für die Erforschung von Malaria-Impfstoffen zur Verfügung gestellt. Danach erfuhr ich, dass ich mit dieser Summe zum größten Geldgeber der gesamten Malaria-Impfstoff-Forschung geworden bin. Und das bei einer der schlimmsten Infektionskrankheiten der Welt, an der Millionen Kinder jedes Jahr sterben! Für die Entwicklung von neuen Haarwuchs- und Potenzmitteln wird ein Vielfaches ausgegeben. Die Prioritäten waren also völlig falsch gesetzt. Jeder sieht das sofort ein, wenn man es ihm nur vor Augen führt.

Wäre es für Sie und Ihre Arbeit nicht leichter, wenn Sie Politiker wären?

Ich denke nicht, dass ich gut als Politiker wäre. Bei Microsoft habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Innovationen zu nutzen und die zur Verfügung stehenden Mittel richtig einzusetzen. Genau das leistet unsere Stiftung: Wir unterstützen die besten Wissenschaftler, wir führen Studien durch und lassen Projekte, die uns nicht effizient erscheinen, einfach fallen. Politiker, die auf Zeit gewählt werden, können nicht so arbeiten wie meine Frau Melinda und ich, die wir das lebenslang machen werden. Mich kann man nicht abwählen, nur weil sich niemand mehr für Kinderlähmung interessiert. Ich habe mich der Ausrottung von Polio verschrieben. Und ich werde alles tun, was dafür nötig ist.

Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.

Der Wohltäter

Die Cola light steht schon bereit, genau drei Eiswürfel im Glas. Bill Gates war gerade in Potsdam bei der SPD. Dort wurde ihm bedeutet, selbst ein Kanzler Peer Steinbrück könne das hehre Ziel, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfe aufzubringen, nicht bis 2015, sondern nur über Jahre erreichen. Der 57Jahre alte Gates, noch immer einer der reichsten Männer der Welt, wirkt schmächtig. Seine Sicherheitsleute hat er im Foyer des Hotels Adlon zurückgelassen. Sich fotografieren zu lassen ist ihm sichtlich unangenehm. Erst nach einer Weile entspannt er sich und redet vor allem über seine Stiftung, die in den vergangenen 20 Jahren gut 30 Milliarden Dollar für Entwicklungshilfe ausgegeben hat. In Berlin trifft Gates am Dienstag auch Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP). Gemeinsam kündigen sie an, dass das Ministerium und die Bill & Melinda Gates Stiftung jeweils 20Millionen Euro für den Kampf gegen den Hunger auf der Welt zur Verfügung stellen. (pps.)

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