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Erfolgsautor Bill Bryson : Ja, wenn wir alle Engländer wären

Schreibt am liebsten über England: Der amerikanische Schriftsteller Bill Bryson Bild: interTOPICS /David Levene

„Eine kurze Geschichte von fast allem“ oder „Reif für die Insel“ heißen die Bestseller von Bill Bryson, die vor Pointen nur so sprühen. Privat ist der Amerikaner entspannter und schwärmt vom ersten England-Besuch, als alles noch perfekt war.

          Bill Bryson ist älter geworden, vielleicht auch ein bisschen mürrischer, und genau in diesem Zustand suchte er bei den Recherchen für sein neuestes England-Buch eine Lebensmittelabteilung in London auf, die er in guter Erinnerung hatte.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Wie früher begab er sich in das Untergeschoss des Kaufhauses, doch da sah er nur noch T-Shirts und T-Shirt-Verkäufer. Einer von ihnen, der „eine Menge Gel im Haar und etwas leicht Unverschämtes an sich hatte“, erklärte auf Nachfrage, ohne dabei aufzublicken, dass es hier keine Lebensmittelabteilung gebe – und wie es dann weiterging, erzählt der Autor am besten selbst:

          „,Sie haben die Lebensmittelabteilung abgeschafft?‘, fragte ich voller Verwunderung.

          ,Hatten nie eine.‘

          ,Das ist doch Blödsinn‘, sagte ich. ,Hier hat es immer eine Lebensmittelabteilung gegeben.‘

          ,Hat hier nie eine gegeben‘, erwiderte er ausdruckslos. ,Es gibt in keinem unserer Läden eine Lebensmittelabteilung.‘

          ,Entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber Sie sind ein Dummkopf‘, stellte ich sachlich fest. ,Ich komme seit Anfang der siebziger Jahre hierher, und es hat in diesem Kaufhaus immer eine Lebensmittelabteilung gegeben. Jede Marks & Spencer-Filiale hat eine Lebensmittelabteilung.‘

          Daraufhin sah er mich zum ersten Mal an, als sei plötzlich sein Interesse erwacht. ,Das ist nicht Marks & Spencer‘, sagte er mit sichtlicher Genugtuung. ,Das ist ein H&M-Laden.‘“

          Sein Ton kommt gut an

          Man muss an dieser Stelle nicht erwähnen, dass Bryson, nachdem er sich gefangen hatte, den T-Shirt-Verkäufer mit den Worten verabschiedete, er sei „trotzdem ein Dummkopf“. Bryson ist sich nie zu schade, den sanften Spott, mit dem er andere behandelt, zu gleichen Teilen auch auf sich selbst abzuladen. Das ist sein Ton, und sein Ton kommt so gut an, dass sein neuestes Buch schon wieder die britischen Bestsellerlisten in der Sparte „Non-Fiction“ anführt.

          Man muss „Non-Fiction“ sagen. Denn die übliche deutsche Übersetzung – Sachbuch – trifft nicht, was Bryson zu Papier gebracht hat. „It’s tea time, my dear“ – so der „deutsche“ Titel, seit ein paar Tagen auf dem Markt – ist alles andere als sachlich. Es ist polemisch, originell, einfühlsam, und es würde einen gelungenen Joke immer einem mittelmäßig wichtigen Faktum vorziehen. Das Buch ist so englisch, wie ein Buch nur sein kann – mit der kleinen Einschränkung, dass Bryson in Amerika großgeworden ist.

          Der Autor sitzt in der Literaturagentur Marsh, im Herzen von London, und wenn man sich umblickt, kann man nicht anders, als seine tiefe Liebe für England zu teilen. Am Eingang empfängt einen ein vergrübelter Doorman und legt sein Buch nur widerwillig beiseite. Er liest die Biographie des Verlegers John Murray, der in ebendiesem Haus Charles Darwin, Jane Austen, Arthur Conan Doyle und Lord Byron verlegt hat. „Die Leute, die hier reinkommen, wollen immer so viel wissen“, sagt der Doorman. „Jetzt kann ich ihnen sogar sagen, wie alt diese Treppe ist.“

          Bryson liebt solche Engländer, und manchmal hat man das Gefühl, er will auch gar keine anderen sehen. In England und seinen kauzigen, exzentrischen Einwohnern sieht er die Nation gewordene Krönung der Zivilisation. Zugleich entdeckt er immer wieder Neues, auch neue Widersprüche. „England stellt mich bis heute vor Rätsel“, sagt er gleich zu Beginn des Gesprächs. Bryson sucht. Er sucht unentwegt – aber er sucht, und das ist keine Einschränkung, mit viel Sympathie.

          Er versteht die politische Welt in den Staaten nicht mehr

          Seit zwanzig Jahren ist Bryson ein Stern der internationalen Buchszene, und das hat er vor allem England zu verdanken. 1995 erschien sein Reisebuch „Notes from a Small Island“ (deutsch: „Reif für die Insel“), das sich weltweit 2,5 Millionen Mal verkaufte und in manchen Aufstellungen als das erfolgreichste Reisebuch aller Zeiten bezeichnet wird. In keinem anderen Werk fanden sich die Briten besser beschrieben und erkannt, ermittelte vor Jahren eine Umfrage der BBC. Bryson wundert es nicht, dass es von einem Amerikaner geschrieben wurde. Amerikaner seien sprachlich und kulturell nah genug an Großbritannien, um alles zu verstehen, und doch weit genug entfernt, um einen neugierigen Blick zu haben, sagt er.

          Inzwischen kann man ihn kaum mehr als Amerikaner bezeichnen, auch wenn er dem Land etwa in „The Lost Continent: Travels in Small Town America“ von 1989 (deutsch: „Straßen der Erinnerung: Reisen durch das vergessene Amerika“) ein wunderbares Porträt schenkte. Gerade ist er aus den Staaten zurückgekommen, und er versteht dort die Welt nicht mehr, zumindest die politische. „Wie kann es sein, dass es ein so großes Land nicht schafft, wenigstens zwei anständige Präsidentschaftskandidaten zu finden?“, fragt er ratlos. Seine persönliche Geschichte zwischen den beiden Welten ist von so vielen Umzügen, von so viel emotionalem Hin und Her geprägt, dass man sie am besten als verworren bezeichnet.

          In groben Zügen lässt sie sich in vier Etappen einteilen: Kindheit und Jugend in Des Moines, Iowa, wo er 1951 geboren wurde und in einem Journalistenhaushalt aufwuchs; Lehr- und Wanderjahre in England, in denen er seine (englische) Frau und über Umwege zum Journalismus und zum Bücherschreiben fand; nach „Notes from a Small Island“ Repatriierung nach Amerika (Hanover, New Hampshire), wo er sein Themenspektrum erweiterte und auch sein bisher erfolgreichstes Buch „A Short History of Nearly Everything“ (deutsch: „Eine kurze Geschichte von fast allem“) schrieb; schließlich, vor 13 Jahren, „Heimkehr“ nach England, wo er mit Preisen überschüttet wurde, viele Jahre lang als Chancellor die angesehene Durham University repräsentierte, und schrieb und schrieb und schrieb.

          „Ich bin eher Brite als Amerikaner“

          Fast seine ganze Familie lebt mittlerweile in – oder besser: verstreut über – England, nur sein jüngster Sohn, ein Ski-Freak, hat sich im amerikanischen Colorado niedergelassen. Nach Jahren in einem alten Pfarrhaus in Norfolk hat sich Bryson mit seiner Frau ins südenglische Hampshire zurückgezogen, nicht weit entfernt vom Haus Jane Austens. Unlängst ließ er sich einbürgern, nicht ohne den kuriosen Prozess in seinem neuen Buch zu verewigen. Die amerikanische Staatsbürgerschaft behielt er bei, aber vor die Wahl gestellt, zögert er nicht, seine nationalen Loyalitäten zu hierarchisieren. „Ich bin eher Brite als Amerikaner“, sagt er. „Engländer“ allerdings, schränkt er ein, könne man nie werden. Der müsse man sein.

          Bill Bryson hat ein freundliches Wesen. Im Gespräch ist er höflich, ohne Allüren, aufmerksam, entspannt. Nichts in ihm steht unter Zwang, privat so pointenreich sein zu müssen, wie es seine Bücher sind. Being funny ist eben auch ein Handwerk, ein sauberes Stück Arbeit.

          Auf Fotos sieht Bryson immer etwas ungeordnet aus, mit wehender Wanderjacke und krausem Vollbart, aber in seinem Leben regiert eiserne Disziplin. Sein Tag beginnt um halb sechs morgens, erzählt er. Dann setzt er sich, ohne Frühstück, nur mit einem Kaffee, an den Bildschirm und schreibt, „zunächst gegen innere Widerstände“, sechs bis sieben Stunden am Stück. Den Rest des Tages verbringt er in seinem Garten oder auf Spaziergängen – sofern er nicht reist.

          „Ich wünschte, es wäre wieder so wie damals“

          Es ist vor allem die Natur, genauer: die englische Landschaft, die es ihm angetan hat. Immer wieder gerät er in seinem Buch ins Schwärmen, wenn er die einzigartigen Blickfluchten beschreibt, „das sanft geschwungene zeitlose Reich aus Wäldern, Farmen und malerischen Cottages“ mit ihren „reizenden, mäandernden Straßen“. Umso tiefer drückt es ihn nieder, wenn er die Anmut weichen sieht, nicht nur in der freien Natur, auch in den kleinen Ortschaften, in denen die Teestuben, die er vor Jahren besuchte, von Kettencafés verdrängt wurden.

          Sein Buch ist nicht ohne melancholischen Grundton. Immer wieder blendet er in die siebziger Jahre zurück, in die Zeit des Kennenlernens: „Rückblickend bin ich wirklich der Meinung, dass Großbritannien ungefähr zum Zeitpunkt meiner Ankunft eine Art Perfektion erreicht hatte.“ Und etwas später entfährt ihm sogar ein Seufzer: „Ich wünschte, es wäre wieder so wie damals.“

          Bryson reist also nicht ohne Kritik durch sein gelobtes Land, aber wie schon beim Vorläuferbuch „Reif für die Insel“ ist sie ästhetischer, nicht politischer Natur. Er beklagt, dass die „Black Cabs“ immer öfter von Mercedes-Vans ersetzt würden und dass die ehemals stilvoll uniformierten Bobbies nun gelbe Schutzwesten trügen und „wie Schienenarbeiter“ aussähen. Aber er reflektiert nicht die gesellschaftlichen Prozesse, die diese Veränderungen hervorgebracht haben.

          „Mich bewegt Politik nicht“

          Die ungebremste Kommerzialisierung, die das Land, insbesondere die Hauptstadt, eines Teils der alten Seele beraubt hat, interessiert ihn ebenso wenig wie die britische Obsession mit „health and safety“. Von der Mutation des National History Museums in einen „Food Court“ bis hin zu den Parkplätzen, die die Vorgärten in seiner alten Wohnstraße ersetzt haben – Bryson schildert die schleichende Amerikanisierung Großbritanniens, ohne sie so zu nennen.

          Das von Kontinentaleuropäern gelegentlich vorgetragene Befremden über die vielen Millionen CCTV-Kameras, die in England nicht nur öffentliche Plätze, sondern auch Sportclubs, Cafés und Restaurants überwachen, kann er nicht im Entferntesten nachvollziehen. „Wenn mir einer den Schädel einschlägt, bin ich doch froh, wenn das auf einer Kamera festgehalten ist“, sagt er. Dem entfesselten Kapitalismus, der die traditionellen Strukturen verändert und London zu einem fast unbezahlbaren Ort gemacht hat, begegnet er mit amerikanischer Gelassenheit. „Es entsteht Neues, und zumindest funktionieren die Dinge heute besser als früher.“ Bryson weiß, wer er ist und wer er nicht ist. „Mich bewegt Politik nicht“, sagt er. „Sie fasziniert mich nicht einmal.“

          In seinen 19 Büchern hat Bryson über beinahe alle Weltregionen geschrieben: über England, Amerika, Australien, Europa, Afrika. Er schrieb über seine Jugend, über Shakespeare, über die englische Sprache und das private Leben an sich. Jetzt, in seinem nächsten Projekt, will er sich einem neuen Sujet nähern: dem menschlichen Körper. Er zeigt auf seinen Brustkorb und streicht mit der Hand langsam nach unten. „Wenn ich hier den Reißverschluss öffne, springen mir lauter Organe entgegen, deren Sinn und Funktionsweisen kaum jemand – mich eingeschlossen – erklären kann.“ Vermutlich wird sein zwanzigstes Buch also den menschlichen Organismus erschließen wie ein weiteres komplexes Land, das man nach der Lektüre zu kennen glaubt.

          Das Buch

          Bill Bryson, „It’s tea time, my dear. Wieder reif für die Insel“, ist gerade bei Goldmann erschienen; 480 Seiten, 19,99 Euro.

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