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Erfolgsautor Bill Bryson : Ja, wenn wir alle Engländer wären

„Ich wünschte, es wäre wieder so wie damals“

Es ist vor allem die Natur, genauer: die englische Landschaft, die es ihm angetan hat. Immer wieder gerät er in seinem Buch ins Schwärmen, wenn er die einzigartigen Blickfluchten beschreibt, „das sanft geschwungene zeitlose Reich aus Wäldern, Farmen und malerischen Cottages“ mit ihren „reizenden, mäandernden Straßen“. Umso tiefer drückt es ihn nieder, wenn er die Anmut weichen sieht, nicht nur in der freien Natur, auch in den kleinen Ortschaften, in denen die Teestuben, die er vor Jahren besuchte, von Kettencafés verdrängt wurden.

Sein Buch ist nicht ohne melancholischen Grundton. Immer wieder blendet er in die siebziger Jahre zurück, in die Zeit des Kennenlernens: „Rückblickend bin ich wirklich der Meinung, dass Großbritannien ungefähr zum Zeitpunkt meiner Ankunft eine Art Perfektion erreicht hatte.“ Und etwas später entfährt ihm sogar ein Seufzer: „Ich wünschte, es wäre wieder so wie damals.“

Bryson reist also nicht ohne Kritik durch sein gelobtes Land, aber wie schon beim Vorläuferbuch „Reif für die Insel“ ist sie ästhetischer, nicht politischer Natur. Er beklagt, dass die „Black Cabs“ immer öfter von Mercedes-Vans ersetzt würden und dass die ehemals stilvoll uniformierten Bobbies nun gelbe Schutzwesten trügen und „wie Schienenarbeiter“ aussähen. Aber er reflektiert nicht die gesellschaftlichen Prozesse, die diese Veränderungen hervorgebracht haben.

„Mich bewegt Politik nicht“

Die ungebremste Kommerzialisierung, die das Land, insbesondere die Hauptstadt, eines Teils der alten Seele beraubt hat, interessiert ihn ebenso wenig wie die britische Obsession mit „health and safety“. Von der Mutation des National History Museums in einen „Food Court“ bis hin zu den Parkplätzen, die die Vorgärten in seiner alten Wohnstraße ersetzt haben – Bryson schildert die schleichende Amerikanisierung Großbritanniens, ohne sie so zu nennen.

Das von Kontinentaleuropäern gelegentlich vorgetragene Befremden über die vielen Millionen CCTV-Kameras, die in England nicht nur öffentliche Plätze, sondern auch Sportclubs, Cafés und Restaurants überwachen, kann er nicht im Entferntesten nachvollziehen. „Wenn mir einer den Schädel einschlägt, bin ich doch froh, wenn das auf einer Kamera festgehalten ist“, sagt er. Dem entfesselten Kapitalismus, der die traditionellen Strukturen verändert und London zu einem fast unbezahlbaren Ort gemacht hat, begegnet er mit amerikanischer Gelassenheit. „Es entsteht Neues, und zumindest funktionieren die Dinge heute besser als früher.“ Bryson weiß, wer er ist und wer er nicht ist. „Mich bewegt Politik nicht“, sagt er. „Sie fasziniert mich nicht einmal.“

In seinen 19 Büchern hat Bryson über beinahe alle Weltregionen geschrieben: über England, Amerika, Australien, Europa, Afrika. Er schrieb über seine Jugend, über Shakespeare, über die englische Sprache und das private Leben an sich. Jetzt, in seinem nächsten Projekt, will er sich einem neuen Sujet nähern: dem menschlichen Körper. Er zeigt auf seinen Brustkorb und streicht mit der Hand langsam nach unten. „Wenn ich hier den Reißverschluss öffne, springen mir lauter Organe entgegen, deren Sinn und Funktionsweisen kaum jemand – mich eingeschlossen – erklären kann.“ Vermutlich wird sein zwanzigstes Buch also den menschlichen Organismus erschließen wie ein weiteres komplexes Land, das man nach der Lektüre zu kennen glaubt.

Das Buch

Bill Bryson, „It’s tea time, my dear. Wieder reif für die Insel“, ist gerade bei Goldmann erschienen; 480 Seiten, 19,99 Euro.

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