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Erfolgsautor Bill Bryson : Ja, wenn wir alle Engländer wären

Er versteht die politische Welt in den Staaten nicht mehr

Seit zwanzig Jahren ist Bryson ein Stern der internationalen Buchszene, und das hat er vor allem England zu verdanken. 1995 erschien sein Reisebuch „Notes from a Small Island“ (deutsch: „Reif für die Insel“), das sich weltweit 2,5 Millionen Mal verkaufte und in manchen Aufstellungen als das erfolgreichste Reisebuch aller Zeiten bezeichnet wird. In keinem anderen Werk fanden sich die Briten besser beschrieben und erkannt, ermittelte vor Jahren eine Umfrage der BBC. Bryson wundert es nicht, dass es von einem Amerikaner geschrieben wurde. Amerikaner seien sprachlich und kulturell nah genug an Großbritannien, um alles zu verstehen, und doch weit genug entfernt, um einen neugierigen Blick zu haben, sagt er.

Inzwischen kann man ihn kaum mehr als Amerikaner bezeichnen, auch wenn er dem Land etwa in „The Lost Continent: Travels in Small Town America“ von 1989 (deutsch: „Straßen der Erinnerung: Reisen durch das vergessene Amerika“) ein wunderbares Porträt schenkte. Gerade ist er aus den Staaten zurückgekommen, und er versteht dort die Welt nicht mehr, zumindest die politische. „Wie kann es sein, dass es ein so großes Land nicht schafft, wenigstens zwei anständige Präsidentschaftskandidaten zu finden?“, fragt er ratlos. Seine persönliche Geschichte zwischen den beiden Welten ist von so vielen Umzügen, von so viel emotionalem Hin und Her geprägt, dass man sie am besten als verworren bezeichnet.

In groben Zügen lässt sie sich in vier Etappen einteilen: Kindheit und Jugend in Des Moines, Iowa, wo er 1951 geboren wurde und in einem Journalistenhaushalt aufwuchs; Lehr- und Wanderjahre in England, in denen er seine (englische) Frau und über Umwege zum Journalismus und zum Bücherschreiben fand; nach „Notes from a Small Island“ Repatriierung nach Amerika (Hanover, New Hampshire), wo er sein Themenspektrum erweiterte und auch sein bisher erfolgreichstes Buch „A Short History of Nearly Everything“ (deutsch: „Eine kurze Geschichte von fast allem“) schrieb; schließlich, vor 13 Jahren, „Heimkehr“ nach England, wo er mit Preisen überschüttet wurde, viele Jahre lang als Chancellor die angesehene Durham University repräsentierte, und schrieb und schrieb und schrieb.

„Ich bin eher Brite als Amerikaner“

Fast seine ganze Familie lebt mittlerweile in – oder besser: verstreut über – England, nur sein jüngster Sohn, ein Ski-Freak, hat sich im amerikanischen Colorado niedergelassen. Nach Jahren in einem alten Pfarrhaus in Norfolk hat sich Bryson mit seiner Frau ins südenglische Hampshire zurückgezogen, nicht weit entfernt vom Haus Jane Austens. Unlängst ließ er sich einbürgern, nicht ohne den kuriosen Prozess in seinem neuen Buch zu verewigen. Die amerikanische Staatsbürgerschaft behielt er bei, aber vor die Wahl gestellt, zögert er nicht, seine nationalen Loyalitäten zu hierarchisieren. „Ich bin eher Brite als Amerikaner“, sagt er. „Engländer“ allerdings, schränkt er ein, könne man nie werden. Der müsse man sein.

Bill Bryson hat ein freundliches Wesen. Im Gespräch ist er höflich, ohne Allüren, aufmerksam, entspannt. Nichts in ihm steht unter Zwang, privat so pointenreich sein zu müssen, wie es seine Bücher sind. Being funny ist eben auch ein Handwerk, ein sauberes Stück Arbeit.

Auf Fotos sieht Bryson immer etwas ungeordnet aus, mit wehender Wanderjacke und krausem Vollbart, aber in seinem Leben regiert eiserne Disziplin. Sein Tag beginnt um halb sechs morgens, erzählt er. Dann setzt er sich, ohne Frühstück, nur mit einem Kaffee, an den Bildschirm und schreibt, „zunächst gegen innere Widerstände“, sechs bis sieben Stunden am Stück. Den Rest des Tages verbringt er in seinem Garten oder auf Spaziergängen – sofern er nicht reist.

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