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Ruinerwold in Aufruhr : Vater der isolierten Familie festgenommen

Was ist in Ruinerwold geschehen? Die Polizei hat die Zufahrt zu dem Bauernhof abgesperrt. Bild: EPA

Fassungslos reagiert ein niederländisches Dorf auf die mutmaßliche Freiheitsberaubung einer ganzen Familie. Immer mehr Details kommen ans Licht. Die Polizei nimmt einen zweiten Verdächtigen fest.

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          Chris Westerbeek steht am Donnerstagmittag zusammen mit seiner Mutter vor der Kneipe, in der er als Barkeeper arbeitet, und räumt auf. Die kleine Kneipe an der Hauptstraße im ost-niederländischen Ort Ruinerwold wird erst in ein paar Stunden öffnen. Aber in den vergangenen Tagen ist viel Arbeit liegengeblieben. „Ich habe wirklich zu tun“, sagt Westerbeek. Dann erzählt der Siebenundzwanzigjährige die Geschichte aber doch noch einmal, die in dieser Kneipe ihren Anfang nahm und seit ein paar Tagen um die Welt geht: In einem abgelegenen Bauernhof sollen ein Vater und seine sechs Kinder, die heute 18 bis 25 Jahre alt sind, seit 2010 in einer Kammer gehaust haben – ohne dass davon irgendjemand etwas mitbekam. Die Polizei brachte die Familie in dieser Woche an einen sicheren Ort und nahm den Mieter des Bauernhofs fest: Wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung wurde gegen den 58 Jahre alten Österreicher Josef B. am Donnerstag Haftbefehl erlassen.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Am Donnerstagabend teilte die zuständige Polizei zudem mit, dass sie auch den 67 Jahre alten Vater der Familie festgenommen hat. Er werde der Freiheitsberaubung, Misshandlung und Geldwäsche verdächtigt. „Wir denken, dass die sechs Personen dort nicht aus freiem Willen gelebt haben“, sagte die Sprecherin der Polizei der Provinz Drenthe, Nathalie Schubart, am Donnerstagabend gegenüber der F.A.Z. Es werde untersucht, „ob es hier um eine besondere Glaubens- oder Lebensgemeinschaft ging“. Auf dem Hof hatten die Ermittler auch eine große Summe Bargeld sichergestellt.

          Hinweise auf Sektenmitgliedschaft

          Doch wie kam diese Geschichte überhaupt an die Öffentlichkeit? Barkeeper Westerbeek sagt: „Am Sonntagabend kam gegen zehn Uhr ein verwirrter Mann in die Kneipe.“ Er sei etwa 1,80 Meter groß gewesen, habe lange Haare und einen Bart gehabt. „Man hat in seinem Gesicht gesehen, dass irgendwas mit ihm nicht stimmt.“ Als einziger Gast habe er sich nach draußen an einen Tisch gesetzt. „Ich habe versucht, mit ihm zu sprechen, habe ihn gefragt, wo er herkommt, und was er hier am späten Abend macht. Aber er hat meine Fragen nicht beantwortet“, sagt Westerbeek. „Ich habe ihn reingeholt. Und dann hat er gesagt, dass er nicht mehr nach Hause kann und Hilfe braucht. Da habe ich die Polizei gerufen.“

          Ob er den Mann früher schon mal gesehen hatte? „Eine Woche vorher zum ersten Mal, aber nur kurz. Er kam mitten in der Nacht in die Bar, es war viel los, er hat fünf Bier bestellt, sie ganz schnell getrunken, dann war er wieder weg. Bei seinem zweiten Besuch war er auch nur kurz da. Bei seinem dritten habe ich dann die Polizei gerufen.“

          Die machte daraufhin eine unglaubliche Entdeckung: In einem verlassen wirkenden und von Zäunen umgebenen Bauernhof fanden Ermittler hinter einem Schrank eine Treppe, die in einen abgeschotteten Raum führte. Dort lebten der Mann und seine Kinder. Der Vater soll nach einem Schlaganfall bettlägerig sein, mit Josef B. war er nach Angaben einer früheren Nachbarin bereits seit gut 15 Jahren befreundet. Beide waren gemeinsam auch Inhaber eines Spielzeugladens im nahe gelegenen Zwartsluis. Das Geschäft, das seit 2010 geschlossen ist, wurde am Mittwochabend von der Polizei durchsucht, genau wie ein weiterer Betrieb des Vaters. Es gibt Hinweise, dass beide Männer einer Sekte angehören. Die österreichische „Kronen-Zeitung“ zitierte aus Gesprächen mit zwei Brüdern von Josef B. Er sei 1961 im oberösterreichischen Waldhausen als eines von fünf Bauernkindern geboren worden und habe eine Tischlerlehre mit Auszeichnung abgeschlossen.

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