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Bevorzugung eines Kindes : Pass auf, sonst wirst du wie dein Bruder

Selbstreflexion als erster Schritt zur Veränderung

Die Doktorandin plant einen Ratgeber mit Tipps, wie Eltern am besten gegensteuern können, wenn sie merken, dass sie sich zu einem ihrer Kinder stärker hingezogen fühlen – etwa, weil es ihnen ähnelt oder so ist, wie sie selbst gerne gewesen wären. Ein schlechtes Gewissen sieht Stotz als Chance: Selbstreflexion als erster Schritt zur Veränderung. Vielleicht begreift dann der ehrgeizige Vater, dass er seinen unsportlichen Sohn mit seiner Fußballbegeisterung quält. Und die Mutter denkt womöglich darüber nach, welche Form von Zuwendung jenes ihrer Kinder braucht, das am wenigsten gerne schmust.

„Ich bin leider ein Lieblingskind gewesen“, sagt Britt Meyerfeld, „das ist nicht schön und verfolgt mich mein ganzes Leben.“ Diesen Satz hätte die Enddreißigerin mit den rotlackierten Fingernägeln noch vor wenigen Jahren nie gesagt. Aber seit einer Krise, seit sie zum Psychotherapeuten geht, denkt die Steuerberaterin viel über Vergangenes nach. „Meine Eltern haben sich wahnsinnig gerne mit mir geschmückt“, sagt Meyerfeld. Immer sei sie das hübsche, angepasste Mädchen gewesen, das gute Noten nach Hause gebracht und fleißig Klavier geübt habe. Natürlich habe sie Abitur gemacht und studiert. Die Eltern waren stolz. Aber, sagt Meyerfeld: „Meine Eltern haben mich immer sehr unter Druck gesetzt mit dem, was sie wollen.“

Das abschreckende Beispiel war ihr älterer Bruder. Die Eltern regten sich auf, dass Peter so schlecht in der Schule war. Sie zogen über seine Handschrift her und klagten, dass er das neue Rennrad verschmähte. Er sei unordentlich und könne nicht mit Geld umgehen. „Pass auf, sonst bist du so wie Peter“, warnten die Eltern. Britt Meyerfeld seufzt. „Es war immer eine Abwertung“, sagt sie. „Das hat uns total entzweit. Ich habe mich immer so ein bisschen schuldig gefühlt.“

Ihr Bruder ist heute glücklich verheiratet und erfolgreich im Beruf; über ihre Kindheit geredet haben die Geschwister nie. Meyerfeld ist unterdessen klargeworden, wie sehr sie darauf gepolt ist, fremde Erwartungen zu erfüllen. Als seien Liebe und Leistung zwangsläufig miteinander verknüpft. Menschen hingegen, die bedingungslos geliebt worden seien, hätten ein anderes emotionales Polster, um Erschütterungen wegzustecken, glaubt sie: „Ich will heute noch immer allen gefallen.“

Wohl auch deshalb sagt Joachim Armbrust: „Es ist gut, wenn Eltern es schaffen, sich von ihren Kindern überraschen zu lassen und sie nicht auf Rollen festzulegen.“ Aus seiner Praxis als Familientherapeut in Schwäbisch Hall weiß Armbrust, wie ungeklärte Konflikte um die Anerkennung der Eltern spätestens dann ausgetragen werden, wenn es um die Verteilung des Erbes geht und Zuwendung plötzlich messbar scheint: Wer bekommt wie viel? Den Kindern standardmäßig zu versichern, dass man sie alle gleich lieb habe, sei keine Lösung, glaubt er. Wer sich benachteiligt vorkomme, bleibe dann obendrein mit seinen Gefühlen allein. Entscheidend sei das Bemühen, zu jedem Kind Zugang zu finden: gleichwertig lieben statt gleich, sagt Armbrust. Und Gerechtigkeit bedeute in Familien, dem Einzelnen gerecht zu werden.

Die Kinder von Eva Busch-Sandner sind heute fast erwachsen. Johanna ist eine charmante, verantwortungsbewusste junge Frau, die weiß, was sie will. Und während die Mutter erzählt, wie Darling Max sich in der Pubertät als Herausforderung entpuppte, schwärmt sie in höchsten Tönen von ihrer Erstgeborenen. Aber noch immer klingt das schlechte Gewissen durch, wenn sie sagt: „Alles können wir nicht falsch gemacht haben.“ Und sie ist erleichtert, wenn sie heute spürt: „Ich habe für beide genauso viel Platz in meinem Herzen.“

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