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Bevorzugung eines Kindes : Pass auf, sonst wirst du wie dein Bruder

Wenn nun Kinder diese Ungleichbehandlung als ungerecht empfinden, können die Folgen gravierend sein. Typischerweise leidet die Qualität der Geschwisterbeziehungen, auch das Verhältnis zu den Eltern wird schlechter. Benachteiligte Kinder können psychosomatische Beschwerden entwickeln, Ängste, Depressionen.

„Du bist ein bisschen dick, du brauchst nichts zu essen“

Aber selbst erklärte Elternlieblinge blicken oft mit gemischten Gefühlen auf ihre Kindheit zurück. Schlimmstenfalls überschattet das Lieblingskinderthema das gesamte Leben. Heide Blasch war schon in Rente, als sich der Knoten endlich löste. Ihr Vater war gerade ins Seniorenheim gekommen, und er bat Blasch, eine Bank- und Vorsorgevollmacht für ihn zu übernehmen. Ausgerechnet sie – und nicht die kleine Schwester, die immer seine Lieblingstochter gewesen war.

Blasch, Jahrgang 1942, lernte ihren Vater kennen, da war sie fünf. „Mami, warum küsst dich der fremde Mann?“, fragte sie ihre Mutter, als der Kriegsheimkehrer zu Hause in Thüringen auftauchte. Bald darauf wurde ihre Schwester geboren, ein zartes Kind, vom Vater vergöttert. Nie musste die Kleine im Garten helfen oder die Straße fegen. Sie aß so wenig, dass die Eltern ihr im Restaurant ein halbes Schnitzel spendierten, während Blasch zu hören bekam: „Du bist ein bisschen dick, du brauchst nichts zu essen.“

Nicht, dass sie sich durchweg benachteiligt gefühlt hätte. Die Mutter sei stets auf Ausgleich bedacht gewesen, sagt Blasch, bis heute habe sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Schwester. Aber später, als sie selbst erwachsen war, empfand sie die Zurücksetzung durch den Vater als Kränkung. Wann immer Kleiderpakete aus dem Westen kamen, durfte sich zuerst die Schwester bedienen. Wenn die Oma ihre Möbel aufgab, war von vornherein klar, wer die Sachen bekam. Beschwert hat Blasch sich nie. Sie hatte ja alles, was sie brauchte, in materieller Hinsicht. „Mir geht es um die Anerkennung“, sagt die ehemalige Apothekerin. Die Bitte ihres Vaters kurz vor seinem Lebensende empfand sie deshalb als Vertrauensbeweis. „Im Alter konnte ich aufrecht gehen“, sagt Blasch.

Viele Eltern legen Wert auf Gleichbehandlung

Früher waren Vorzugsbehandlungen offensichtlicher. Aber die Zeiten, in denen der Erstgeborene Haus und Hof bekam, während die Geschwister leer ausgingen und für die Töchter nicht mal eine Ausbildung abfiel, sind vorbei. Vorstellungen von Gerechtigkeit und Gleichheit sind nicht nur im Grundgesetz, sondern auch in den Familien tief verankert. Viele Eltern legen Wert darauf, ihren Kindern gleich große und gleich teure Geschenke zu machen, am besten gleich oft. Wenn der Ältere ein Jahr im Ausland zur Schule gehen darf, muss für die Jüngeren dasselbe drin sein. Man teilt den Nachtisch in gleich große Portionen auf und sitzt abends abwechselnd zuerst bei diesem, dann bei jenem Kind auf der Bettkante. Aber ist „gleich“ tatsächlich dasselbe wie „gerecht“?

„Eltern gehen häufig davon aus, sie behandeln ihre Kinder gerecht. Immer wieder empfinden die Kinder das aber anders“, sagt Martina Stotz. Die Doktorandin hat für ihre Dissertation 800 bayerische Grundschüler zum Thema „elterliche Ungleichbehandlung“ befragt, erste Ergebnisse will sie im Herbst veröffentlichen. Sie glaubt, dass es viele (gute) Gründe gibt, weshalb Eltern ihre Kinder unterschiedlich behandeln, und dass Kinder das unter bestimmten Bedingungen auch akzeptieren: Für ältere Geschwister ist es plausibel, dass das Jüngste noch Hilfe beim Schuhebinden braucht. Schulkindern leuchtet es ein, wenn einer mehr, der andere weniger Unterstützung bei den Hausaufgaben bekommt.

Was Kinder aber als ungerecht bewerteten, unterscheide sich oft von der Wahrnehmung der Eltern, sagt Stotz. Und das Prinzip der Gleichheit spiele dabei eine geringere Rolle als etwa die Nachvollziehbarkeit des elterlichen Verhaltens. „Es geht nicht um gleiche Erziehung, sondern um eine individuelle, bedürfnisorientierte Erziehung“, sagt Stotz. „Das ist eine Riesenherausforderung.“

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